Interview

Regisseur André Erkau: 'Wo gelacht wird, fällt anderswo ein Schatten'

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Mit der neuen Folge von «Mord oder Watt?» verbindet André Erkau Krimi, Familiengeschichte und Komödie – und spricht im Interview darüber, warum Gegensätze sich nicht ausschließen, weshalb Wärme im Freitagabend-Programm wichtiger ist denn je und was ein Fernsehfilm heute leisten sollte.

«Mord oder Watt?» mit „Die wilde Hilde“ verbindet Kriminalfall, Familiengeschichte und Komödie. Was hat Sie an dieser ungewöhnlichen Mischung gereizt – und wo lag für Sie die größte Herausforderung in der Inszenierung?
Das Leben ist im Grunde ein Genre-Mix. Es erzählt selten nur eine einzige Geschichte, meistens spricht es mit mehreren Stimmen gleichzeitig. Während irgendwo gelacht wird, fällt anderswo ein Schatten, und genau dort beginnt mein Interesse. Liebe und Hass, Leichtigkeit und Schwere, Komödie und Drama existieren nicht getrennt, sie flüstern sich gegenseitig ins Ohr, im Alltag wie in meiner Arbeit als Regisseur. Mich fasziniert die Frage, wo sich im Drama ein heller Moment versteckt, wo eine Komödie plötzlich ernst wird und wie selbst in einer Filmreihe mit dem Wort „Mord“ im Titel Raum für Hoffnung und leise Wärme entsteht. Die Herausforderung besteht darin, all dem mit Ernsthaftigkeit zu begegnen, ohne zu glauben, Gegensätze müssten sich ausschließen, und schließlich einen Film zu erschaffen, der das Publikum bei der Hand nimmt und es auf eine ebenso bewegende wie unterhaltsame Reise führt.

Mit Tim Seebach steht ein selbsternannter Ermittlungsprofi im Zentrum, der mehr aus dem Fernsehen als aus der Realität gelernt hat. Ist die Figur auch als liebevolle Satire auf TV-Krimis und ihre Helden zu verstehen?
Tim ist ein eitler, leicht hypochondrischer TV-Kommissar, der dem Älterwerden misstrauisch beim Näherkommen zusieht. Eigentlich wäre jetzt ein guter Moment, um sich mit sich selbst und der eigenen Vergänglichkeit anzufreunden, doch stattdessen fängt er an, auch im wirklichen Leben Mordfälle aufzuklären. Das führt regelmäßig zu Reibung mit seiner Untermieterin, einer echten Polizistin, der er leicht übergriffig sowohl die Polizeiarbeit als auch die Welt erklären möchte. Und vielleicht liegt genau hier der Zauber dieses Formats, weil man sofort spürt, dass diese Reihe nicht nur von TV-Kommissaren und Polizistinnen erzählt, sondern von Männern und Frauen im Allgemeinen, von Begegnung, vom Aneinandergeraten und von der leisen Hoffnung, dabei etwas voneinander zu lernen. Darin liegt für mich die besondere Kraft unserer Filmreihe, weil sie spielerisch zeigt, dass Entwicklung oft dort beginnt, wo wir uns irritieren lassen. Deshalb verstehe ich «Mord oder Watt» nicht als Satire, sondern eher als eine warmherzige Komödie, die unterhält und zugleich Raum schafft für das Nachdenken über innere Fluchten, leise Krisen und die Kunst, dem Leben nicht immer voraus sein zu müssen.

Der Film spielt bewusst mit Selbstüberschätzung, Missverständnissen und falschen Ermittlungswegen. Wie wichtig war Ihnen dieser Bruch mit der klassischen Krimi-Logik?
Unsere Filmreihe hat große komödiantische Anteile, und Komödie lebt nun einmal von Brüchen und von dieser feinen, fast zärtlichen Überzeichnung der Wirklichkeit. Dass das alles so glänzend zusammenfindet, hat mehrere Gründe, und der erste heißt Oliver Mommsen. Viele kennen ihn noch als Tatort-Kommissar, und für Tim Seebach ist er unsere Idealbesetzung, weil er seine Erfahrungen als TV-Kommissar nimmt und sie mit einem leichten Augenzwinkern charmant anhebt. In jeder Sekunde profitieren wir von seinem Talent, seinem Humor und seiner Tiefe. Dazu kommt ein fantastisches Ensemble, das so geschlossen und stimmig ist, dass selbst die kleinsten Rollen glänzen. Und schließlich sind da noch die grandiosen Drehbücher von Michael Gantenberg, der wie ich seit dem ersten Teil an Bord ist und der Filmreihe ihre besondere Handschrift schenkt.

Angela Roy als Tante Hilde bringt eine fast anarchische Energie in die Geschichte. Was macht diese Figur für Sie zum emotionalen und dramaturgischen Motor des Films?
Am Tag, an dem die „Wilde Hilde“ nach Westerfleth kommt oder genauer gesagt plötzlich im Fensterrahmen hängt, gerät die wohlgeordnete Ruhe des Ortes aus dem Gleichgewicht. Mit ihr zieht eine Energie ein, die ihre Mitmenschen verunsichert und Dinge wieder in Bewegung setzt, von denen man dachte, sie seien längst abgeschlossen. Und für Tim ist Hilde mehr als seine exzentrische Tante, sie ist das letzte lebendige Band zu seiner Mutter, die im ersten Teil der Reihe verstarb. Und dieses Band beginnt erneut in ihm zu arbeiten, löst Fragen aus und führt ihn später zu einem großen Geheimnis, das alles noch einmal neu sortiert. Angela Roy verleiht Hilde eine anarchistische Eleganz, die verzaubert und dabei eine feine, verletzliche Zerrissenheit durchscheinen lässt, die so nah geht, dass es mich bereits am Set zu Tränen rührte.

Das Wattenmeer ist nicht nur Kulisse, sondern zentrales Thema – inklusive Umweltkonflikt und lokaler Traditionen. Wie haben Sie Natur, Humor und Ernst miteinander ausbalanciert, ohne belehrend zu wirken?
Ich mag den rauen Charme des Nordens, weil er sich für mich echt anfühlt und wahr. Das Leben ist ja selten ein Beach-Volleyballspiel an der Côte d’Azur, meistens gleicht es eher einer Wanderung durchs norddeutsche Watt, bei der man ständig im Blick behalten muss, ob man es noch rechtzeitig vor der Flut ans sichere Ufer schafft. Gerade deshalb genieße ich es, in Norddeutschland zu drehen, weil hier alles fordert und nichts sicher ist. Man macht sich Pläne, wägt ab, sucht nach Balance, und am Ende kommt dann doch vieles anders. Die eigentliche Kunst liegt vielleicht darin, auf die Unberechenbarkeit der Natur zu reagieren und das nicht als Störung, sondern als Chance zu begreifen. Je älter ich werde, desto leichter fällt mir diese Haltung, das Unvorhersehbare mit Ruhe und Gelassenheit anzunehmen. Solange ich weiß, wohin ich will und worauf es mir ankommt, bringt mich kaum noch etwas aus der Fassung.

Mit Wiebke Tönnessen gibt es eine Ermittlerin, die still, präzise und professionell arbeitet – im starken Kontrast zu Tim. War das auch ein Kommentar auf unterschiedliche Formen von Autorität?
Schon als wir vor einigen Jahren begannen, «Mord oder Watt» zu entwickeln, war da diese leise Ahnung, dass in der Begegnung eines selbstverliebten TV-Kommissars mit einer resoluten echten Polizistin etwas Besonderes liegen würde, etwas, das die einzelnen Folgen zum Leuchten bringen kann. Also suchten wir sehr lange nach Wiebke – bis Antonia Bill vor uns stand und mit einem Mal alles stimmte, weil sie Tim (Oliver Mommsen) ruhig, präzise und professionell begegnet und dabei mit ihrer trockenen Zurückhaltung eine feine, fast beiläufige Komik entfaltet. Ich habe bislang bei allen Folgen Regie geführt und freue mich jedes Mal auf die Tim-Wiebke-Drehtage, weil es ein echtes Vergnügen ist, diese Rededuelle zu begleiten und zu spüren, wie der charmante TV-Star immer wieder an Wiebke abgleitet, während man zugleich ahnt, dass auch sie ihre Unsicherheiten sorgsam hütet. Genau in diesen Momenten öffnen sich die Wunden der Figuren, und für mich liegt darin die Größe dieser Begegnungen und der schauspielerischen Arbeit beider. Und um Ihre Frage zu beantworten: Das Ganze war für mich nie als Kommentar auf unterschiedliche Formen von Autorität gedacht, höchstens als leise Nebenbeobachtung, dass Menschen je mehr sie bei sich sind, umso mehr davon ausstrahlen. Doch im Zentrum meiner Arbeit stehen keine Thesen, sondern Menschen und das, was zwischen ihnen geschieht.

Der Film lebt stark von Ensemble-Szenen und Reibung zwischen den Figuren. Wie haben Sie mit dem Cast gearbeitet, um diesen Rhythmus zwischen Chaos und Empathie zu treffen?
Regie zu führen ist für mich ein bisschen wie Gastgeber auf einer Party zu sein. Es geht nicht nur darum, interessante und tolle Menschen einzuladen, sondern die richtigen, die gut miteinander schwingen. Denn ein Fest lebt wie ein Film von seinen Gästen. Natürlich bereitet man –metaphorisch gesprochen – Schnittchen, Getränke und Playlisten vor, aber entscheidend ist, beim Drehen im Moment zu sein, besonders wenn es hart auf hart kommt. Wahrzunehmen, wenn jemand nicht tanzt oder sich unwohl fühlt, ins Gespräch zu gehen und spielerisch darauf zu reagieren, dass das Leben und das Drehen selten nach Plan laufen. Gerade diese Offenheit macht es möglich, dass alle Beteiligten aufblühen und über sich hinauswachsen. So kann etwas sehr Wertvolles entstehen. Ich nenne dieses Prinzip ‚gelenkte Freiheit‘, denn bei aller Lockerheit funktioniert es nur, wenn man am Ende des Tages die gesamte Party im Blick behält und sich selbst nicht auf der ‚Tanzfläche‘ verliert. Ich bin sehr froh, dass meine Arbeit so wertgeschätzt wird und sich alle Beteiligten beim Dreh wohlfühlen. Vor allem aber freue ich mich, dass auf diese Weise bereits drei „Mord oder Watt“-Folgen entstanden sind, denen man anmerkt, dass die Menschen, die diese Filme machen, lieben, was sie tun.

Viele Konflikte entstehen aus familiären Altlasten und unausgesprochenen Wahrheiten. War Ihnen die private Ebene am Ende wichtiger als der eigentliche Kriminalfall?
Abgesehen davon, dass mir lebendige Menschen grundsätzlich lieber sind als ermordete Personen, die tot im Watt liegen, bewegen wir uns mit der Reihe «Mord oder Watt» klar im Rahmen einer Auftragsproduktion für den Freitagabend der ARD und dieser Sendeplatz steht traditionell mehr für das Zwischenmenschliche als für den reinen Krimi. Und diesen Auftrag nehme ich sehr gerne an, denn sobald man beginnt den Blick auf das Zwischenmenschliche zu richten und zu erkunden, was Menschen voreinander und vor sich selbst verbergen und was sie tun, um den eigenen dunklen Keller nicht betreten zu müssen, bis ihnen das Unaufgeräumte irgendwann entgegenspringt, ist das in meinen Augen spannender als jede Frage danach, wer wen ermordet hat. Kurz gesagt nehme ich mir den Kriminalfall sehr zu Herzen und bin zugleich dankbar, dass wir uns in diesem Format primär den unausgesprochenen Wahrheiten und familiären Altlasten unserer Protagonist:innen widmen dürfen. Und wenn dies Dank toller Bücher und Darsteller:innen unterhaltsam gelingt, ist es ein Glücksfall für alle, die zuschauen und für die, die es machen.

«Mord oder Watt?» wirkt bewusst kleiner, persönlicher und wärmer als viele Event-Krimis. Ist das auch ein Statement gegen immer größere, düstere Krimi-Erzählungen?
Wie warm und persönlich ein Projekt wird, hängt stark davon ab, wie die Macher:innen sich ihm nähern. Ich habe das große Glück, mit vielen Menschen bei der Degeto, Radio Bremen und Saxonia zu arbeiten, denen es, ähnlich wie mir, wichtig ist, sich sehr nah an die Konflikte und Figuren der jeweiligen Geschichten heranzubewegen und ihnen mit großer Empathie zu begegnen. Aus dieser Nähe entsteht meines Erachtens die Wärme des Projekts und es ist mir ein echtes Anliegen, in immer düsterer werdenden Zeiten genau dieser Wärme und Hoffnung Raum zu geben.

Ganz grundsätzlich gefragt: Was darf ein Fernsehfilm heute noch sein – Unterhaltung, Kommentar auf gesellschaftliche Themen oder beides zugleich?
Ich weiß nicht genau, was ein Fernsehfilm heute noch sein darf, aber ich bin sicher, dass wir Filmschaffende nicht so tun sollten, als ginge uns die Welt da draußen nichts an. Die Zeiten sind laut, bedrohlich und aus den Fugen, und unsere Arbeit sollte darauf antworten, manchmal leise, manchmal klar, aber stets mit Haltung. Natürlich können wir nicht in jedem TV-Format alles erzählen, nicht auf jede Krise reagieren, aber wir können von Anstand erzählen, von Neugier auf das Fremde, vom Bleiben statt Weggehen und davon, dass Nähe manchmal weh tut und sich dennoch lohnt. Wir können zeigen, dass Gemeinschaft entsteht, wenn man einander zuhört, Absprachen ernst nimmt und Konflikte nicht meidet, und dass eine andere Welt möglich ist als die, in der Rücksicht schwindet und Gleichgültigkeit den Ton angibt. An diese andere Welt zu erinnern, ist vielleicht schon viel, und genau dafür lohnt es sich, Filme zu machen.

Vielen Dank für das Gespräch!

«Mord oder Watt» ist am Freitag, den 20. Februar, im Ersten zu sehen.

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