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Holmes-Effekt: Warum «Elementary» als Wiederholung plötzlich richtig zündet

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Erst zäh, dann erstaunlich stabil: Die Sherlock-Serie brauchte bei sixx im Spätsommer 2025 ein paar Wochen Anlauf – inzwischen kratzt die Krimi-Reihe im Vorabendprogramm regelmäßig an der Marke von 0,20 Millionen Zuschauern.

Manchmal sind es nicht die großen Premieren, die ein Programmprofil prägen, sondern die verlässlichen Dauerläufer, die im Alltag ihre Wirkung entfalten. Genau das passiert derzeit bei sixx mit «Elementary». Die US-Serie, ursprünglich bei CBS gelaufen, spielt die klassische Sherlock-Holmes-Formel im modernen New York durch – und erweist sich im deutschen Free-TV ausgerechnet im Wiederholungsbetrieb als erstaunlich wertvoll. Denn während viele Krimi-Wiederholungen im Tagesprogramm nur „mitlaufen“, entwickelt «Elementary» am frühen Abend eine Stabilität, die man eher von eingespielten Vorabendmarken kennt.

Die Prämisse ist schnell erzählt und dennoch clever variiert: Sherlock Holmes (Jonny Lee Miller) ist kein viktorianischer Exzentriker in London, sondern ein hochintelligenter Beobachter mit Suchtvergangenheit in Manhattan. Nach einem Absturz arbeitet er als Berater für das NYPD – und bekommt Dr. Joan Watson (Lucy Liu) zur Seite gestellt. Anfangs ist sie als „Sober Companion“ engagiert, also als nüchterne Begleitung, die Rückfälle verhindern soll. Doch die Serie macht früh klar: Watson ist nicht Staffage, nicht Love-Interest und auch nicht die ewige Stichwortgeberin, sondern entwickelt sich zur gleichberechtigten Partnerin, zur Ermittlerin mit eigenem Kopf und eigenem moralischen Kompass.

Diese Konstellation ist ein zentraler Grund, warum «Elementary» so gut „wegzugucken“ ist: Die Fälle der Woche sind klassisch procedural gebaut – Einstieg, falsche Fährten, Schlussfolgerung, Auflösung. Gleichzeitig läuft über die Staffeln ein langfristiger Bogen, der Holmes’ Kampf gegen seine Dämonen, seine Beziehungen und Watsons Entwicklung erzählt. Wer nur nebenbei einschaltet, bekommt einen abgeschlossenen Krimi. Wer regelmäßig dranbleibt, merkt: Hier wird konsequent an Figuren gearbeitet. Das ist genau die Mischung, die in einem Vorabendslot funktioniert, in dem Zuschauerinnen und Zuschauer mal konzentriert, mal beiläufig konsumieren.

sixx positioniert sich seit Jahren als Sender, der auf wiedererkennbare Marken und „Feel-Good“-Serien setzt – oft mit starkem Female-Lead oder klarer Figurenchemie. «Elementary» passt erstaunlich gut in diese Logik, obwohl der Titel zunächst nach klassischem Männerkrimi klingt. Der Trick: Die Serie ist zwar von Holmes’ Brillanz getrieben, aber emotional in der Partnerschaft verankert. Watson ist nicht nur dabei, sie ist die stabile Mitte. Sie stellt Fragen, widerspricht, erdet, zieht Grenzen – und wird dadurch zur Identifikationsfigur.

Dazu kommt der Ton: «Elementary» ist kriminalistisch, aber selten menschenverachtend. Die Serie ist düster genug, um Spannung zu erzeugen, aber nicht so brutal, dass sie den Vorabend in eine „True-Crime“-Härte kippt. Es gibt Humor, Warmherzigkeit, gelegentlich sogar etwas „Cozy“-Gefühl – trotz New Yorker Großstadt. Für einen Sender, dessen Kernpublikum den Feierabend eher mit leichter, aber nicht dummer Unterhaltung verbindet, ist das eine fast ideale Mischung.

Und Wiederholungen? Gerade da spielt «Elementary» seine Struktur aus. Man kann problemlos einsteigen, selbst wenn man eine Woche verpasst hat. Gleichzeitig entsteht über die tägliche Ausstrahlung ein Gewohnheitsmoment: Wer um 18:30 Uhr „reinrutscht“, bleibt um 19:20 Uhr eher hängen – oder umgekehrt. Zwei Episoden hintereinander sind bei Procedurals ohnehin ein erprobtes Rezept, weil sie einen kleinen Serien-Block erzeugen, der sich wie ein fester Programmpunkt anfühlt.

Sherlock Holmes ist vermutlich eine der wandelbarsten Figuren der Popkultur. Und genau das erklärt, warum neue Versionen selten komplett ins Leere laufen. Holmes steht für ein Versprechen, das zeitlos ist: Chaos wird sortiert, das Unverständliche bekommt ein Muster, das Rätsel lässt sich knacken. In einer Medienwelt, die oft von Unsicherheit und Dauerkrisen geprägt ist, ist dieses Versprechen fast schon therapeutisch.

Zugleich lässt sich Holmes je nach Zeitgeist neu codieren: mal als exzentrischer Genie-Nerd, mal als sozial unbeholfener Beobachter, mal als kaputter Suchterkrankter, mal als charmanter Überflieger. «Elementary» wählt die Variante „Genie mit Bruchstellen“ – und erzählt Abhängigkeit, Rückfallangst und Selbstdisziplin als Teil der Ermittlungsarbeit. Das macht die Figur moderner, nahbarer und emotionaler, ohne den Kern zu verraten: Holmes sieht, was andere übersehen.

Interessant ist, dass «Elementary» bei sixx nicht sofort wie ein Selbstläufer wirkte. Im Spätsommer 2025 waren die Werte zunächst auffällig niedrig: Am 25. August standen um 18:27 Uhr 0,04 Millionen zu Buche, um 19:23 Uhr sogar nur 0,03 Millionen. Auch an Folgetagen bewegten sich die Zahlen häufig im Bereich 0,05 bis 0,08 Millionen. Das war – für einen täglichen Vorabend-Doppelpack – eher eine Startschwäche als ein Statement.

Warum kann so etwas passieren? Der August ist klassisch eine Phase, in der lineares Sehverhalten durch Urlaub, Wetter und generell geringere TV-Nutzung ausgedünnt wird. Außerdem braucht ein wiederholtes Serienangebot im Daily-Rhythmus oft Zeit, um Gewohnheit zu bilden. Wer den Einstieg verpasst, kommt nicht sofort zurück, weil „Wiederholung“ erst einmal nach beliebigem Lückenfüller klingt. Der entscheidende Punkt: Sobald das Publikum aber versteht, dass hier nicht nur „irgendein Krimi“ läuft, sondern ein stabiler Zweierblock mit Wiedererkennungswert, kippt die Wahrnehmung. Und genau das lässt sich in den Zahlen ablesen: Schon Ende August gab es erste stärkere Tage (28.08. mit 0,14 Mio. in beiden Slots). Anfang September tauchten Ausreißer nach oben auf (01.09. um 19:29 Uhr direkt 0,20 Mio.). Danach wurde es Schritt für Schritt stabiler, und ab Ende September/Anfang Oktober wirken die Werte deutlich „gesetzt“.

Die jüngsten Werte zeigen, wie sehr sich «Elementary» inzwischen als Vorabendanker etabliert hat. Rund um den Jahreswechsel und im Januar 2026 finden sich regelmäßig Zahlen um 0,19 bis 0,24 Millionen, teils sogar 0,25 Millionen (23.01. um 18:31 Uhr). Auch der oft zitierte Orientierungswert von etwa 0,20 Millionen ist mehrfach erreichbar – beispielsweise 26.01. um 19:26 Uhr mit 0,20 Millionen. Für einen Spartensender wie sixx ist das im Wiederholungsbetrieb nicht nur „okay“, sondern bemerkenswert konstant.

Unterm Strich zeigt «Elementary» damit etwas, das im Fernsehen gerne vergessen wird: Ein klug gebauter Procedural mit starker Figurenchemie ist nicht automatisch „alt“. Im Gegenteil – er kann als Wiederholung sogar besser funktionieren, weil er verlässlich ist, weil er in den Alltag passt und weil er ein vertrautes Versprechen einlöst.

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