Hingeschaut

«Knife Fight Club»: Vier Köche für ein Naja

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Eigentlich wollte VOX erstmal keine Kochshows mehr produzieren - dann kam dieses Format, das man mutig als wöchentliche Latenight programmiert. Leider erschöpft sich an dieser Stelle schon der Mut, denn inhaltlich wird nicht viel mehr als ein weiteres Kochduell mit großen Egos geboten.

Die Duelle in der Sendung

  • Tohru Nakamura (34) vs. Mario Lohninger (44)
  • Nenad Mlinarevic (36) vs. The Duc Ngo (43)
  • Sascha Stemberg (38) vs. Lukas Mraz (26)
  • Maria Groß (38) vs. Max Stiegl (37)
  • Anthony Sarpong (36) vs. Richard Rauch (32)
  • Hans Neuner (41) vs. Anton Schmaus (36)
Wer wagt, gewinnt - naja, meistens jedenfalls. VOX und dessen Chefredakteur Kai Sturm haben in den vergangenen Jahren viel gewagt und vergleichen mit den privaten Mitbewerbern auch durchaus viel gewonnen, sodass man Bekundungen wie jene, eigentlich nicht mehr mit der Produktion weiterer Kochshows geplant zu haben, bis in der Chefetage des Senders beim Anblick von «Knife Fight Club» kollektive Begeisterung herrschte, aus Sturms Mund vielleicht etwas ernster zu nehmen geneigt ist als bei manchen seiner Kollegen. Nach Sichtung der Auftaktfolge jedoch bleibt von der Hoffnung auf eine in der Tat spannende Neuinterpretation des omnipräsenten Kochshow-Genres nicht allzu viel übrig - dafür aber umso mehr der Eindruck, dass der Sender vielleicht bei seiner ursprünglichen Haltung hätte verbleiben sollen.

Doch worum geht es eigentlich? In jeder Folge treten zwei Profi-Köche im direkten Duell gegeneinander an und müssen innerhalb von 60 Minuten mindestens drei Gerichte zaubern, die drei vorgegebene Zutaten klar herausschmeckbar enthalten. Dabei wird ihr Vorgehen von Tim Mälzer und Tim Raue kommentiert, die jeweils direkt vor den jeweiligen Duellanten am Tresen stehen und schlussendlich auch darüber befinden müssen, wer den Fight für sich entscheidet und Ruhm und Ehre einstreicht. Neben den vier Köchen partizipiert auch die einem handverlesenen Sparten-Publikum aus «Ponyhof» semi-bekannte Annie Hoffmann als Moderatorin an der Sendung, die... nunja, die meiste Zeit schlichtweg irgendwo im Publikum herumsteht und simpelste Stichworte gibt. Für sie ist es ein VOX-Einstand, bei dem sie ebenso wenig falsch wie richtig machen kann, da sie quasi nicht stattfindet.


Es hapert am Konzept, nicht an den Protagonisten


Deutlich präsenter sind da schon die beiden Profiköche Anthony Sarpong und Richard Rauch (Foto), die nämlich in Folge eins vor die Herausforderung gestellt werden, aus einem Truthahn, Kaffeebohnen und einer Geoduck genannten, sehr teuren und in China mit dem Gemächt eines Mannes assoziierten Muschel köstliche Gerichte zu zaubern. Die beiden machen sowohl hinsichtlich ihrer kulinarischen Künste als auch in Bezug auf ihren Unterhaltungswert einen grundsoliden Eindruck und auch den beiden schlaumeiernden Koch-Egos Mälzer und Raue ist nicht wirklich etwas vorzuwerfen. Nur passiert weder in der auf rund 30 Minuten Erzählzeit runtergebrochenen Stunde Kochzeit ebenso wenig Unvorhersehbares wie in der Einleitung oder der abschließenden Bewertung.

Im Prinzip folgt der Zuschauer kochenden Köchen an der Arbeitsplatte, quasselnden Köchen am Tresen und quasselnden kochenden oder quasselnden quasselnden Köchen bei im Nachgang aufzeichneten Kommentaren der Beteiligten, in denen sie das Geschehen noch einmal reflektieren. Das alles gab es im Fernsehen schon so oft, derzeit etwa bei «Kitchen Impossible» weitaus reizvoller, innovativer und spannender aufbereitet, indem man so etwas wie eine kulinarische Weltreise auf die Beine stellte. Hier stehen zwei Köche in Mälzers "Bullerei", bekochen zwei andere Köche und dahinter steht ein mit zunehmender Sendezeit immer gelangweilter dreinblickendes Publikum, das leider überhaupt nicht in das Geschehen einbezogen wird, zugleich aber bei fast allen die beiden Tims einfangenden Kamera-Einstellungen mit zu sehen ist.

Also irgendwie alles doof? Die bisherigen defizitorientieren Ausführungen lassen diesen Schluss zu, mit dem man den Machern um Endemol Shine Germany allerdings Unrecht täte. Die Sendung ist nämlich grundsätzlich schon hochwertig produziert, hat eine vielleicht etwas gewöhnungsbedürftige, aber doch reizvolle düstere Optik zu bieten, beinhaltet einen hörenswerten Soundtrack mit vielen eher abseitigeren Tracks aus dem Black-Music- und Alternative-Rock-Segment und könnte damit wirklich Freude machen, wenn inhaltlich nicht nur die 50. Reproduktion altbekannter Strukturen dargeboten würde. Kochen unter Zeitdruck, Kochen mit vorgegebenen Zutaten, Kochen von Köchen für Jury-Köche, Kochen in irgendeiner konstruierten Duell-Situation, die hier nun wirklich so konstruiert und egal wie selten wirkt. Hatten wir alles schon einige Male, nicht selten sogar besser.


Das Spannendste? Der Sendeplatz.


Und so bleibt das spannendste Thema die Programmierung des Formats, denn ein wöchentlicher einstündiger Slot gegen 22:20 Uhr weicht von sämtlichen bisherigen Sender-Konventionen ab. Hier lief in der Vergangenheit meist ein zweiter Blockbuster nach jenem zur Primetime und das mit nicht selten acht bis elf Prozent Zielgruppen-Marktanteil sogar oftmals sehr erfolgreich. Die Chance hinter diesem programmstrategischen Schritt: Man wird zumeist auf ein starkes Lead-In setzen können. Die Risiken: Man ist auch gewissermaßen zum Liefern verdammt, denn die cineastische Alternative war zuletzt eben meist sehr zugkräftig. Und man muss darauf hoffen, dass der inhaltliche Bruch von einem internationalen Film-Hit zu einer deutschen Latenight-Kochshow keine allzu umfänglichen Fluchtreflexe auslöst.

Was in diesem Umfeld vielleicht sogar ganz hilfreich sein kann, ist die wertige, fast ein wenig an zeitgenössische Serien-Hits mit spezieller, oft etwas abgründigeren Optik erinnernde Aufmachung und der latente Bombast, der sich durch die rund 50 Minuten Netto-Sendezeit zieht. Gut, man kann nun problematisieren, dass sowas vielleicht auch überproduziert daherkommt, wenn man zugleich nur zwei Kerle um die Gunst von Tim und Tim kochen sieht - aber viel Bombast um wenig Substanz ist ja nun nichts, was den Ergüssen aus Hollywood gänzlich fremd wäre. Ein Latenight-Charme kommt allerdings kaum auf, das ganze Heckmeck und die hektische Grundstimmung während der Kochzeit wirken diesem spätabendlichen Entspannungsbedürfnissen sogar eher entgegen. Ist halt eher eine Action-Kochshow mit markigen Worten von vielen Alphamännchen und wenigen Alphaweibchen.


Fazit: Netter Versuch, leider nicht mehr


Und so fällt es schwer zu beurteilen, was die Verantwortlichen von VOX letztlich an dem im Original aus den Vereinigten Staaten stammenden «Knife Fight» (lief hierzulande übrigens schon bei RTL Living unter Ausschluss der Öffentlichkeit) so dermaßen begeistert hat, dass man unbedingt zuschlagen musste und sogar seinen funktionierenden Spielfilm-Abend teilweise opferte. Vielleicht sind es der Style, die visuellen und akustischen Reize und die Möglichkeit, die beiden Alpha-Tims einmal als Partner interagieren lassen zu können. Vielleicht war es der Wunsch, im Film-Bereich nicht ähnlich lange auf die mittelfristig zu befürchtende Quoten-Erosion zu warten wie am Serien-Freitag, der mittlerweile aus dem letzten Loch pfeift und stattdessen frühzeitig nach Alternativen zu suchen. Vielleicht verblendete die Kombination aus "Kochshow" und "Latenight" auch ein Stück weit. Wie dem auch sei, letztlich bleibt die eher ernüchternde Erkenntnis: Nett, dass man etwas Neues wagt. Aber schade, dass dabei letztlich so ein gewöhnliches Kochduell mit altbekannten Namen und Strukturen herauskam.

VOX zeigt sechs Folgen von «Knife Fight Club» immer donnerstags gegen 22:20 Uhr.

Kurz-URL: qmde.de/99761
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