Die Kino-Kritiker

«Tigermilch»: Die rotzig-ätzende Hedonismuskritik in Ringelsöckchen

von

Gequengel, Gebrüll und Geschimpfe in Berlin: Zwei rotzige Mädels glauben, die Welt durchschaut zu haben.

Filmfacts «Tigermilch»

  • Regie: Ute Wieland
  • Drehbuch: Ute Wieland; basierend auf dem Roman von Stefanie de Velasco
  • Darsteller: Flora Li Thiemann, Emily Kusche, David Ali Rashed, Narges Rashidi, Flake, Heiko Pinkowski, Anna Büttner
  • Produktion: Susanne Freyer
  • Kamera: Felix Cramer
  • Schnitt: Anna Kappelmann
  • Laufzeit: 106 Min
  • FSK: ab 12 Jahren
Zwei 14-Jährige kreischen, keifen, kichern und kabbeln sich durch ihre lang erwarteten Sommerferien. Im besten "Was halt gerade aus dem Kleiderschrank fällt"-Stil gekleidet und oftmals mit einem guten Schluck Tigermilch (einem Mischgetränk aus Milch, Maracujasaft und Mariacron-Weinbrand) intus, rennen und raufen die besten Freundinnen Nini (Flora Li Thiemann) und Jameelah (Emily Kusche) in Berlin von ihrem Problemviertel über die Touri-Innenstadt zum Straßenstrich und dann ins Bonzen-Gebiet. Stets mit einem frechen Spruch auf den Lippen suchen sie nach dem Mann, der sie endlich defloriert und nach dem ultimativen Kick, der der Welt vorführt: Ja, geil Alter, wir wissen wenigstens, wie man lebt – anders als die doofen, lahmen Erwachsenen!

Ein kompromissloser Jugendfilm, der sich derart intensiv in die Perspektive seiner pubertierenden Hauptfiguren versetzt, begibt sich selbstbewusst in "Ganz oder gar nicht!"-Territorium: Entweder gelingt es ihm, Gleichaltrige von der Authentizität des Gebotenen zu überzeugen und älteres Publikum durch eine solche, direkte Darstellung des jugendlichen Lebensgefühls um den erzählerischen Finger zu wickeln. Oder das Teenager-Publikum fühlt sich falsch eingeschätzt, während sich Ältere von dem unecht-aufgedrehten Pubertätsmumpitz verschreckt abwenden.

Und selbst wenn Regisseurin Ute Wieland («Besser als Nix») in vereinzelten Passagen mit der Faust aufs Auge trifft (und ja, diese Sprichwortverschwurbelung ist beabsichtigt, und nein, wer das schon mies fand, sollte «Tigermilch» besser nicht sehen): In ihrer Gesamtheit ist die Bestselleradaption «Tigermilch» ein Exempel der zweiten Kategorie. Obwohl der Film mit seiner semi-dokumentarischen (allerdings sonderbar-geleckt überbelichteten) Handkameraarbeit von Felix Cramer, dem betont engen erzählerischen Fokus auf den turbulenten Sommer seiner Protagonistinnen und dem altersgerechten Casting der Darstellerinnen deutlich unterstreicht, eine akkurate Illustration dessen sein zu wollen, wie es ist, im Jahr 2017 jung zu sein … Immer wieder reißen Patzer diese Illusion ein. Die Teeniesprache hier mag zwar so rotzig, aggressiv, gallig und laut sein, wie sie sich wütende, über die "Jugend von heute!" beklagende, ältere Mitbürger vorstellen – aber ihre Nervigkeit lässt sich eben nicht durch Realismus entschulden.

Die «Tigermilch»-Teenies maulen sich ohne Unterlass in einem «Fack Ju Göhte»-Prollvokabular an, so als hätten die Filmemacher vergessen, dass Bora Dagtekin dieses Anschnauz-Denglisch aus karikatureskem Antrieb maßlos übertrieben hat. Nini und Jameelah hauen, ohne einen Hauch der Ironie, "Deine Mudda!"-Sprüche raus, als hätten wir noch die frühen 2000er-Jahre– wozu auch die dem aktuellen Zeitgeist hinterherhinkende Songuntermalung des Films passt. Dass diverse kleinere Klischees sogar eher den 80ern entsprungen scheinen, untergräbt die Gesamtwirkung des Films noch weiter.

All diese Ungenauigkeiten in der Darstellung der heutigen Teeniekultur ließen sich vielleicht noch verzeihen, würden die Schauspielleistungen fesseln und so «Tigermilch» zu einem glaubwürdigen Jugenddrama formen. Doch mit Ausnahme von Emily Kusche, die die ebenso belesene wie vorlaute Einwanderertochter Jameelah mit einer bewundernswerten Leichtigkeit spielt, radebrechen sich die Jungdarsteller in «Tigermilch» spröde etwas zusammen – Schnellfeuerdialoge mögen noch passabel ausfallen, aber je ausführlicher die Dialogpassagen und Monologe verlaufen, desto hölzerner werden die Performances. Dies erweist sich für «Tigermilch» als fatal: Als episodenhaft-tumultartige Aneinanderreihung von Sommerferieneskapaden, inklusive Freibadbesuch, dem ersten Sex, dem ersten Miterleben eines Mordes, Cliquenkrach, Bonzenpartys und Freier-Abzocke, fällt diese Geschichte in sich zusammen und verkommt, weil der Charakterbogen der besten Freundinnen weder packt noch dramaturgisch überzeugt, zu einer reinen, lautstarken Clipshow.

Und so haut «Tigermilch» seinem Publikum viel Lärm und Gekeife, bemühte sowie pseudozeitgemäße Jugendsprache und Berlin-is-so-geilo-Plattitüden um die Ohren – nur um dann zwischendrin auf einmal vorübergehend den richtigen Takt zu finden. In einer Partysequenz fängt Ute Wieland treffend ein, wie es ist, sich als angeheiterter Teenie dem Gute-Laune-Rausch eines pompösen Events hinzugeben. Cutterin Anna Kappelmann schneidet die Szene unchronologisch, die Figuren und der Handlungsfaden verlieren sich im Beat und Stakkatolicht. Auch die ruhigeren Plattenbauszenen stechen aus dem aufgekratzt-nöligen «Tigermilch» hervor. Wenn Jameelah ganz beiläufig ihre im Vergleich zu Nini größere Bücherschläue zur Schau stellt und ihre Mutter die Vernunft in Person ist, während andere Nachbarn sich in ihrem Status als Vertreter der Unterschicht suhlen, dann aber manche aus diesen Familiengeflechten kleinlaut dagegen steuern, zeigt sich die Romanadaption ganz kurz als Milieustudie mit Potential. Jedoch halt nur ganz kurz. Dann wird die «Tigermilch» durch hibbeligen, konstruierten Teeniestress säuerlich.

All dies könnte Wahnsinn mit Methode sein, da Wieland den Sommer ihrer Protagonistinnen mit einem gepfefferten Paukenschlag beendet. Statt das Jugenddrama aber als bitterböse und gerissene Kritik des übermäßigen Hedonismus zu beenden, reicht die Regisseurin und Drehbuchautorin Zeitlupen-Pathos und verlogenen Freundschaftskitsch nach, der die kritische Botschaft und den mutigen Grundgedanken von «Tigermilch» verkümmern lässt. So bleibt ein Film über, der als Feier des heutigen Jugendlebens zu bemüht und unehrlich erscheint, der derweil als Dekonstruktion zu verplant vorgeht und als Zeitkapsel nicht aktuell genug ist. Aber wer gierig Tigermlich trinkt, hat auch keinen besseren Film verdient.

Fazit: Als Porträt einer Generation unverschämt, als Kritik eines Lebensgefühls zu inkonsequent – «Tigermilch» ist ein Mischmasch zum Wegschütten.

«Tigermilch» ist ab dem 17. August 2017 in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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