Hingeschaut

«Der Wunschbaum»: Sat.1 bleibt auf der emotionalen Schiene

von   |  1 Kommentar

Thore Schölermann erfüllt ab sofort Kinderwünsche und drückt dabei häufig auf die Tränendrüse. Die TV-Kritik zur neuen Reality aus dem Hause Talpa …

Sonntags gegen 19 Uhr wird bei Sat.1 oft auf große Gefühle gesetzt: Julia Leischik ist dort beispielsweise mit ihrer Vermissten-Suche beheimatet, mit dem jüngst quotenmäßig gescheiterten «Augenblick» sollte das Verzeihen ohne Worte ausprobiert werden. Nun hat der Münchner Privatsender die Talpa-Produktion «Der Wunschbaum – Kinder machen Träume wahr!» nach Deutschland geholt, die bereits in über zehn Länder verkauft worden ist.

Das Konzept ist schnell erklärt: Pro Ausgabe begibt sich Thore Schölermann – inzwischen zu einer Art ProSiebenSat.1-Allzweckwaffe («The Voice of Germany», «Get the Fuck Out of My House») mutiert – in eine Grundschule, um dort den sogenannten Wunschbaum aufzustellen. Zum Auftakt passiert das in der Friedrichshagener Grundschule in Berlin-Köpenick. Mit dem aus Schülersicht wohlklingenden Satz „Der Unterricht fällt aus“ werden die Kleinen dazu aufgefordert, ihre Wünsche aufzuschreiben – allerdings wünschen sie sich nicht selbst etwas, sondern wollen anderen Personen aus ihrem Umfeld eine Freude machen.

Nur drei der zahlreich gesammelten Wünsche werden jedoch wahr – vermeintliche Otto-Normal-Wünsche bleiben da auf der Strecke. Einen Hund trainieren, damit dieser nicht mehr vor dem Autofahren Angst hat? Einen neuen Laptop für die unterrichtende Mama? Nein, damit lassen sich wohl keine tränenreichen Bilder inszenieren, zu unspektakulär. Und außerdem könnte das Mädchen dann ja hinterher selbst damit spielen. Es muss also im Vorfeld reichlich aussortiert werden von den Machern und wenn man ganz böse ist, könnte man behaupten: Die besten und erfolgversprechendsten Schicksalsschläge gewinnen. Denn wie genau diese Vorauswahl vonstattengeht, wird leider an keiner Stelle erwähnt.

Gleich der erste Fall ist so bewegend, dass man voll draufhält, wenn Schölermann darüber weint. „Sowas zu hören von einem Kind, oh, schrecklich, echt.“ Glaubt man einschlägigen Medienberichten, hat der Ex-Soap-Star wegen einem Weinkrampf sogar den Dreh abbrechen müssen. Emotionen! Es geht um die an Leukämie erkrankte Mia (6), die ihrer Mutter eine Reise gönnen will – es wird erzählt, wie die Alleinerziehende ihre Tochter durch die schwere Krankheit begleitete. Zunächst ist Mandy von dieser Idee gar nicht angetan: Nur noch ein „Okay“ bringt sie heraus. Ohne ihre Tochter will sie nämlich nicht wegfahren.

Was nun? Erstmal Werbung und der Blick auf andere Protagonisten. Ein Spannungsbogen darf schließlich nicht fehlen – auch wenn dieser doch sehr künstlich rüberkommt. Die naheliegende und nebenbei bemerkt nicht verwerfliche Lösung des Dilemmas: Tochter und Mutter dürfen einfach gemeinsam die Kreuzfahrt durchs Mittelmeer machen. Sofort werden die Sachen gepackt und los geht’s. Was nicht passt, wird passend gemacht, war anscheinend das Motto. Emotionen!

Ebenfalls in Erfüllung geht der Wunsch von Leon, der sich bei seinem Pflegevater Volker mit einem Helicopter-Flug bedanken will. Als Letzte im Bunde ist Rike dran, die ihrer 90 Jahre alten Uroma (wohlgemerkt ohne „h“ geschrieben) einen Aufenthalt in Berlin ermöglicht. Alles schön und gut, O-Töne und diverse Bilder unterfüttern die Storys. Die Art und Weise, wie den Kindern beigebracht wird, dass ausgerechnet ihr Wunsch auserkoren wurde, wirkt hingegen arg gestellt und zu gewollt.

So wird Mia in der Schule beim Spielen überrascht und kann sich partout nicht vorstellen, warum der Schölermann wieder da ist. Auch Leon hat absolut keine Ahnung, warum der Schölermann ihn beim Fußballspielen besucht. Rike wird beim Tischtennisspielen im Garten abgefangen und hat selbstverständlich ebenso keinen blassen Schimmer davon, warum der Schölermann wieder da ist.

Ebenso unglaubwürdig, dass die Beschenkten nicht wissen, warum vor ihrer Nase eines Tages ein Kamerateam steht – Lockvogel hin oder her. Dass ihre Kinder vor Kurzem den Wunschbaum bestückt haben und dabei gefilmt wurden, sollte ihnen ja eigentlich klar sein. Aber das sind nur die Kleinigkeiten, auf die der normale Zuschauer womöglich weniger Wert legen wird. Und die noch dazu das Endergebnis nicht schmälern – selbst wenn das aufgrund der ausführlich besprochenen Hintergrundgeschichten eher weniger Platz in der rund einstündigen Sendung einnimmt.

Als i-Tüpfelchen bekommen übrigens all jene Kinder, deren Wünsche es nicht in den Recall schafften, Trostpreise. Zum Schluss sind also alle happy. Emotionen! Die Sendung ist – um bei den Worten der Mutter zu bleiben – „okay“ und tut beileibe niemanden weh. Solide Familienunterhaltung eben, die vor allem eins immer und immer wieder hervorrufen will:

Emotionen!

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Familie Tschiep
13.08.2017 23:53 Uhr 1
Mal schauen, welche Emotionen die Macher nach den Quoten haben. Ich habe es verpasst.

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