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Interview

'Als wir die Serie entwickelten, wussten wir, dass wir uns in eine Ecke schreiben'

von   |  1 Kommentar

Die «Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen»-Serienschöpfer Mark Evastaff (l.) und Alex Galatis (r.) haben mit der Kontinuität der gleichnamigen Filmreihe gemogelt, große Fußstapfen mit kurzen Episoden zu füllen und ein herbes IMDb-Rating zu verdauen. Quotenmeter.de hat mit dem Duo darüber gesprochen …

Über die Serie

«Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen» basiert auf der gleichnamigen Filmreihe (welche wiederum durch das gleichnamige Kinderbuch inspiriert wurde). Die Serie erzählt von den Schuljahren des verrückten Erfinders Flint, der mit seinen exzentrischen Einfällen regelmäßig für Chaos sorgt, sowie von seiner Kameradin Sam, die später zu einer Journalistin heranwachsen sollte.
Eure Serie «Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen» erzählt die Vorgeschichte des gleichnamigen Animationsfilms – und begeht einen interessanten Spagat zwischen eigenem Humor und der Tonalität des großen Vorbilds. Wie würdet ihr euer Vorgehen dabei erklären?
Alex Galatis: Als wir mit dem Schreibprozess angefangen haben, schauten wir uns mehrfach den Film an, um seinen Humor, seinen Tonfall und seine ganz eigene Logik zu verinnerlichen. Die Unterschiede zwischen unserem Stil und dem Film selbst kamen dann ganz natürlich – nämlich dadurch, dass wir elfminütige Geschichten machen und daher eine raschere Erzählweise an den Tag legen müssen.
Mark Evastaff: Entscheidend ist auch der Umgang mit Dialogen. Beim Kinofilm hatten Phil Lord & Chris Miller den Luxus, durch die längere Laufzeit mehr Ruhephasen zu haben. Wir dagegen versuchen, in die elf Minuten so viel wie möglich reinzupacken – und dabei sicherzustellen, dass die Figuren durch das Stimmentalent ihrer Sprecher noch immer eine Herzlichkeit und Wärme ausstrahlen. Ich denke, dass dies unseren Balanceakt gut beschreibt: Weil wir Fans des Originalfilms sind, wollen wir seinen Tonfall bewahren, gleichzeitig läuft bei uns alles etwas rasanter ab.

Welchen Input haben Lord & Miller, die Regisseure des Erstlings?
Mark Evastaff: Sie sind Executive Consultants, was bedeutet, dass sie in verschiedenen Produktionsphasen ein Auge auf unsere Arbeit werfen. Kris Pearn, der an der Story des ersten Films mitwirkte und einer der beiden Regisseure von Teil zwei war, ist ebenfalls stark in unsere Serie involviert – worauf wir sehr stolz sind.

Was kann ich mir konkret unter einem Executive Consultant vorstellen?
Mark Evastaff: Der Gedanke ist, dass sie als Quasiunbeteiligte, die dennoch sehr am Gelingen des Projekts interessiert sind, regelmäßig kritisch überprüfen, was wir so treiben. Sie reichen Memos ein, in denen sie konstruktives Feedback geben und Ideen äußern, wie man etwas lustiger und besser machen kann.

Als wir mit dem Schreibprozess angefangen haben, schauten wir uns mehrfach den Film an, um seinen Humor, seinen Tonfall und seine ganz eigene Logik zu verinnerlichen. Die Unterschiede zwischen unserem Stil und dem Film selbst kamen dann ganz natürlich – nämlich dadurch, dass wir elfminütige Geschichten machen und daher eine raschere Erzählweise an den Tag legen müssen.
Alex Galatis
Wie sieht der Produktionsplan bei «Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen» aus – wie lange dauert es bis zur Fertigstellung einer Episode, und wie lange sind die jeweiligen Produktionsphasen?
Mark Evastaff: Eine Folge braucht vom ersten Pitch bis zur Fertigstellung rund ein Jahr – und es kam während der Produktion der 52 Geschichten umfassenden ersten Staffel gelegentlich dazu, dass wir bis zu 30 gleichzeitig in Arbeit hatten, jeweils in verschiedenen Produktionsphasen. Das ist eine ganz schön hektische Arbeit, aber wir haben uns daran gewöhnt – zumindest ein bisschen.
Alex Galatis: Grob gesagt, ist es so, dass der Schreibprozess pro Episode drei Monate in Anspruch nimmt, wobei mehrere gleichzeitig geschrieben werden. Wir hatten eine neun- bis zehnmonatige Skriptphase.
Mark Evastaff: Und parallel dazu entstehen die Tonaufnahmen. Wir haben 26 Ausgaben mit je zwei elfminütigen Episoden – wenn man es so sehen will, also 52 Folgen. Und fast wöchentlich wird je eine Folge eingesprochen. Wenn eine Folge fertig aufgenommen ist, beginnen die Storyboardkünstler mit ihrem Teil der Arbeit, wofür wir sechs Wochen anberaumen – in der Zeit kann es sein, dass die Folge nochmal feingeschliffen wird. Danach geht das alles an den Cutter, es folgen mehrere Monate für die Animation und zum Schluss kommen das Compositing, Effektanimationen und der Score.

Es war keine leicht gefällte Entscheidung – wir haben sehr lange darüber diskutiert, ob wir Sam aus der Serie raushalten und eine andere Figur in der Außenseiterrolle besetzen sollten. Doch wir hatten uns für dieses Serienprojekt erwärmt, weil wir die Figuren aus dem Film so sehr mögen, und darum führte für uns kein Weg daran vorbei, Sam einzubauen.
Mark Evastaff über die Entscheidung, mit der Kontinuität der Filmreihe locker umzugehen, und die dort als Neuzugang gezeigte Sam bereits als Schulkameradin Flints darzustellen
In eurer Serie kennen sich Flint und Sam bereits zu Schulzeiten, obwohl der Film zeigt, wie sie sich erst als Erwachsene kennenlernen. In der ersten Folge gibt es allerdings eine Randbemerkung Flints, dass er einen Erinnerungslöscher erfinden wird, sollte Sam je wegziehen. War dies eine Verlegenheitslösung, um den Kontinuitätsfehler zu beheben?
Alex Galatis: Nein, wir haben das von Anfang an so geplant. Als wir die Serie entwickelten, wussten wir, dass wir uns in eine Ecke schreiben, wenn wir sie als Prequel anlegen. Denn wir wollten unbedingt, dass Sam ein Teil der Serie ist. Daher kamen wir frühzeitig auf die Idee, dass sie eine Außenseiterin ist, deren Familie häufig umzieht, weshalb es ihr schwer fällt, Freundschaften aufzubauen – und dass Flint ihr verspricht, einen Gedächtnislöscher zu bauen, sollte sie wieder einmal umziehen. Wir fanden, dass es uns gleichzeitig erlauben wird, den Film zu achten und dennoch die Geschichten zu erzählen, die wir erzählen wollen.
Mark Evastaff: Es war aber keine leicht gefällte Entscheidung – wir haben sehr lange darüber diskutiert, ob wir Sam aus der Serie raushalten und eine andere Figur in der Außenseiterrolle besetzen sollten. Doch wir hatten uns für dieses Serienprojekt erwärmt, weil wir die Figuren aus dem Film so sehr mögen, und darum führte für uns kein Weg daran vorbei, Sam einzubauen.

Ich mutmaße, dass alle Geschichtenerzähler nicht nur ihren heimlichen Favoriten haben, sondern auch eine Problemfigur – eine, die in die Erzählung hineingehört, für die es aber am schwersten und stressigsten ist, Ideen zu finden. Wie sieht es bei euch und «Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen» aus?
Mark Evastaff: Mein heimlicher Favorit ist Tim, Flints verwitweter Vater – ich liebe diese Figur, weil sie gegen alle Gesetze der Animation im Allgemeinen und der TV-Animation im Besonderen verstößt. Tim ist langsam, ruhig, hat nur minimale Gesichtsregungen – ich finde es klasse, mit dieser Figur zu arbeiten. Mein Problemkind wäre dann im Gegenzug Flint: Er ist unsere Hauptfigur, und umso mehr bekommen wir den mächtigen Schatten der beiden Kinofilme zu spüren, wo Flint so fantastisch umgesetzt wurde. Und als kaum zu bändigender Erfinder stellt er uns vor die riesige Herausforderung, dauernd auf neue Ideen für seine Basteleien zu kommen. Das ist gar nicht Mal so einfach!
Alex Galatis: Also, ich mag natürlich all unsere Figuren! (schmunzelt) Doch wenn ich einen Favoriten aussuchen muss, dann wäre es der Bürgermeister, weil wir mit ihm etwas Neues wagen: Er ist bei uns der ständige, betrügerische Antagonist – in ständig neuen Positionen. Er ist nicht nur Bürgermeister, sondern auch der fiese Schulrektor und der gemeine Polizeihauptkommissar, und so weiter. Dadurch wurde er auch zu der Figur, die uns zu vielen Storys inspiriert hat, was mir sehr zusagt. Am schwierigsten finde ich es wiederum, neue Ideen für Manny zu finden – er ist so eine unfehlbare, perfekte Persönlichkeit, und es ist verflixt knifflig, so jemanden sympathisch und lustig zu gestalten.

Ich will euch nicht auf dem kalten Fuß erwischen, aber ich muss neugierig nachfragen. Schließlich kann man von IMDb halten, was man will … Eure Serie hat dort aktuell ein Rating von 3,4 Punkten – wie reagiert ihr darauf?
Mark Evastaff: (sprachlos) Ui. Wow … Das wusste ich bislang noch nicht … (schaut nach) Die Krux mit IMDb ist, dass es eine usergenerierte Plattform ist, und da machen sich enorme Unterschiede breit, zwischen Projekten, die das IMDb-Kernpublikum interessieren, und bei denen, wo das nicht der Fall ist. Ich sehe gerade, dass bei unserer Serie nicht einmal die Plotangabe korrekt ist – daher will ich mir erst einmal nicht zu sehr darüber den Kopf zerbrechen. Alle Serien und Filme haben ihre Anhänger und Gegner, das ist vollkommen in Ordnung. Ich hatte bisher den Eindruck, dass die Serie bei ihrem Zielpublikum gut ankommt, und wir haben zudem die Unterstützung der Regisseure, die die beiden Kinofilme gemacht haben – das bedeutet zumindest mir mehr als das IMDb-Rating, das aktuell von weniger als 200 Leuten stammt, die ich in keinen Kontext setzen kann.

Was ich mir vorstellen könnte, ist, dass der vermeintliche "Kontinuitätsfehler" einige ältere Fans der Kinofilme verärgert hat, weshalb sie die Serie schlecht bewerten, ohne die Folge gesehen zu haben, in der wir die Sache mit dem Gedächtnislöscher erklären. Außerdem ist der durchschnittliche IMDb-User deutlich älter als unsere Zielgruppe – wir schauen vor allem auf Kinder im Alter von sechs, sieben Jahren. Die waren ja noch nicht einmal geboren, als der erste Film rauskam und hatten somit gar keine Zeit, eine so bittere Einstellung zu entwickeln, was die «Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen»-Kontinuität anbelangt. (lacht)

Herzlichen Dank für das reizvolle Gespräch!

Die «Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen»-Serie ist samstags und sonntags in Doppelfolgen auf Cartoon Network zu sehen – wahlweise ab 12.15 Uhr oder ab 17.50 Uhr.

Kurz-URL: qmde.de/94087
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Es gibt 1 Kommentar zum Artikel
Nr27
29.06.2017 13:09 Uhr 1
Das IMDb-Rating ist grundsätzlich erst ab einer vierstelligen Zahl von abgegebenen Stimmen ansatzweise repräsentativ, weil erst dann die Extrem-Wertungen im berechneten Schnitt einigermaßen geglättet werden können.

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