Interview

Tim Bergmann: ‚Eine Figur so lange begleiten zu können, ist ein großes Geschenk‘

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Zehn Filme, unzählige Abgründe und ein Ermittler, der leiser denkt als andere: Tim Bergmann blickt im Jubiläums-«Taunuskrimi» auf viele Jahre als Oliver von Bodenstein zurück. Im Gespräch geht es um das Älterwerden mit einer Figur, moralische Grauzonen im Krimi, literarische Milieus voller Konflikte – und darum, warum Wahrhaftigkeit wichtiger ist als laute Gesten.

Herr Bergmann, zehn Taunuskrimis – was bedeutet Ihnen dieses Jubiläum persönlich, und wie hat sich Oliver von Bodenstein über die Jahre für Sie verändert?
Oliver begleitet mich seit 20212. Vom ersten Moment an, habe ich diese Reihe, diese Rolle, als großes Geschenk empfunden. Eine Figur so lange begleiten zu können, mit ihr sozusagen alt zu werden, ist etwas Wunderbares. Auf beruflicher Ebene spürt Oliver immer wieder, dass ihm dieser Job, die sehr unterschiedlichen Begleitumstände der Fälle, nach so langer Berufszeit durchaus zusetzen. Nicht ohne Grund hat er bereits einmal ein Sabbatical eingelegt. Und auch auf privater Ebene wird das Leben nicht einfacher. Seine Exfrau ist schwerkrank, und seine aktuelle Beziehung macht ihm zusätzlich zu schaffen. Er ist also in diesem Jubiläumsfall gefordert, wie selten zuvor.

Im neuen Fall geraten Sie tief in die Welt eines renommierten Literaturverlags. Was hat Sie an diesem Milieu als Schauplatz eines Krimis besonders gereizt?
Das Großartige ist ja vor allem, dass es sich um einen Familienunternehmen handelt. Der Widerspruch zwischen dem hohen Anspruch der Menschen dieses Literaturverlages, die aber gleichzeitig durch tiefsitzende Konflikte, durch Neid und Missgunst, gezeichnet sind, ist natürlich sehr reizvoll. Schließlich ist jemand aus dem Kreis des Verlages auch offensichtlich bereit, zum Mörder zu werden. In diese fremde Welt einzutauchen, ist auch für Pia und Oliver alles andere als alltäglich.

Die vermisste Lektorin steht im Zentrum eines Geflechts aus Kündigung, Verrat und einem Plagiatsvorwurf. Wie wichtig ist Ihnen bei Bodenstein die moralische Dimension eines Falls?
Ich freue mich natürlich, wenn ein Fall relevant ist - nicht nur als Leser, sondern natürlich auch als Schauspieler. Nele Neuhaus ist es wieder auf ganz besondere Art und Weise gelungen, uns alle in eine neue Welt zu entführen.

Pia Sander und Bodenstein sind inzwischen ein eingespieltes Team. Was schätzen Sie an der Chemie mit Kathrin von Steinburg – und wo knistert es auch mal?
Von Anfang an, hat mich besonders gefreut, dass es ein tiefes unmittelbares Verständnis zwischen uns gab. Pia und Oliver sind ein eingespieltes Team, aber in der Kommunikation mit Oliver ist es ja nicht so einfach, vor allem, wenn es um persönliche Dinge geht. Dass heißt, alles jenseits des gesprochenen Wortes, ist von großer Bedeutung. Nur so kann das emotionale Verständnis und das Vertrauen zwischen den beiden, erzählt werden.

Die Winterscheids sind eine Familie voller Konflikte, Machtspiele und alter Wunden. Wie viel psychologische Tiefe möchten Sie als Schauspieler in einem Krimiformat überhaupt herausarbeiten?
Unbedingt so viel Tiefe, die es braucht, um der Wahrhaftigkeit einer Figur gerecht werden zu können. In jedem Genre sind nur oberflächlich erzählte Menschen nicht ausreichend und uninteressant.

Nach über 30 Jahren im Verlag – eine abrupt gekündigte Mitarbeiterin, die daraufhin aufdeckt. Viele Zuschauer sehen darin gesellschaftliche Themen wie Loyalität und Altersdiskriminierung. Haben Sie solche Lesarten beim Drehen mitgedacht?
In dem Moment, in dem wir Menschen erzählen, erzählen wir gesellschaftlichen Themen. Unsere Aufgabe ist es, jedem einzelnen Charakter, in seiner Vielschichtigkeit gerecht zu werden. Der Lesart der Zuschauer*innen sind dann keine Grenzen gesetzt.

Ihr Oliver von Bodenstein ist keiner, der mit der Faust auf den Tisch haut, sondern eher analytisch, ruhig, kontrolliert. Empfinden Sie diese „leise“ Ermittlerfigur als besondere Herausforderung?

Ich erinnere mich durchaus auch an "lautere“ Momente (lacht). Generell unterscheide bzw. bewerte ich Figuren aber nicht nach der Art und Weise, wie sie sich verhalten. Es geht ja vor allem immer darum zu verstehen, „warum“ sich eine Figur so verhält, wie sie sich verhält. Und das glaubhaft zu verkörpern, ist immer eine Herausforderung.

Ein Jubiläumsfilm erhöht automatisch den Druck: Fans erwarten etwas Besonderes. Haben Sie diesen Anspruch beim Drehen gespürt?
Unabhängig von einem Jubiläum arbeite ich bei jedem Projekt immer idealistisch. Die Arbeit ist dann für mich an jedem Drehtag, in jeder Szene, in jedem Moment ALLES.

Die Taunuskrimis sind auch wegen ihrer Atmosphäre so erfolgreich – Wälder, Wohlstand, Abgründe. Wie sehr prägt die Region Ihr Spiel?
Vor allem prägt die Region natürlich Nele Neuhaus in Ihrer Arbeit, in ihrem Schreiben, da sie ihre Krimis ja dort sehr genau verortet. Ich versuche dann mit den mir zur Verfügung stehenden (Dreh-) Orten sehr bewußt in Kontakt zu treten. Und diese Inspiration gilt für jeden Spielort.

Nele Neuhaus’ Figuren haben eine große Leserschaft, die oft sehr genaue Vorstellungen von Bodenstein und Sander hat. Wie gehen Sie mit diesen Erwartungen um?
Da ich ja seit einigen Jahren auch mit Neles Romanen, sowohl mit ihr zusammen, als auch alleine, auf Lesereise gehe, komme ich mit sehr vielen Menschen in Kontakt, die mir dann in Gesprächen spiegeln, dass es erfreulicherweise nicht zu einer Enttäuschung kommt, wenn sie mich als Oliver sehen. Dafür bin ich natürlich sehr dankbar.

Zum Schluss: Der zehnte Film ist ein kleiner Meilenstein – haben Sie eine Lieblingsszene, in der für Sie spürbar wird, warum diese Reihe so lange wirkt?
Ganz aktuell bin ich wirklich immer noch tief beeindruckt, von dem Zusammentreffen mit Lisa Hagmeister, die in «In ewiger Freundschaft» meine kranke Exfrau spielt. Wir hatten nur einen gemeinsamen Drehtag, aber die tiefe Verbindung und Emotionalität, die sich in dieser existentiellen Ausnahmesituation zwischen uns ergab, hat mich wirklich tief bewegt.

Danke für Ihre Zeit!

Das ZDF strahlt den «Taunuskrimi» am Montag, den 5. Januar, und Dienstag, 6. Januar, jeweils um 20.15 Uhr aus.

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