Interview

Produzent Benjamin Benedict: ‚Freundschaft, Schuld und verborgene Abgründe‘

von

Mit „In ewiger Freundschaft“ adaptiert W&B Television einen der komplexesten Romane von Nele Neuhaus als aufwendig erzählten Zweiteiler.

Nele Neuhaus’ Romanvorlagen gehören zu den erfolgreichsten deutschen Krimibüchern. Was war bei „In ewiger Freundschaft“ die größte Herausforderung, den komplexen Freundesbund und seine jahrzehntealten Geheimnisse filmisch auf zwei Mal 90 Minuten zu kondensieren?
Nele Neuhaus großartigen Romane zeichnen sich durch ihre Komplexität sowohl auf der Ebene der Geschichte als auch auf der Ebene der Figuren aus. Es gelingt ihr, die verschiedensten Figuren psychologisch zu greifen und in spannenden Geschichten miteinander zu verstricken. Sie arbeitet sehr genau, präzise und detailreich. Diesen Reichtum filmisch auf zwei Mal 90 Minuten zu verdichten ist eine sehr große Herausforderung.

Im aktuellen Film haben wir die Situation, dass wir eine ganze Freundesgruppe auf zwei Zeitebenen abbilden – mit jeweils eigenen Beziehungen, die sich über die Zeit teilweise gewandelt haben. All das sorgfältig zu machen, braucht natürlich Erzählzeit. Hinzukommen eine vielschichtige Ermittlung und Geheimnisse zwischen den Mitgliedern der Freundesgruppe. Hier war die größte Herausforderung, diese Vielschichtigkeit zu bewahren und gleichzeitig den Überblick für die Zuschauenden zu gewährleisten. Wir haben uns große Mühe gegeben, immer wieder Orientierung zu schaffen und hoffen, dass es uns gelungen ist, der spannenden Romanvorlage gerecht zu werden.

Der Film verlegt einen erheblichen Teil der Handlung in die Welt eines renommierten Buchverlags. Wie haben Sie diese Branche recherchiert und welche Aspekte des Literaturbetriebs wollten Sie besonders authentisch abbilden?
In erster Linie ging es uns darum, der Romanvorlage gerecht zu werden. Nele Neuhaus recherchiert ihre Bücher extrem genau und spricht immer mit sehr vielen Personen, um ihre Welten so authentisch wie möglich zu gestalten, was auch einen starken Reiz ihrer Geschichten ausmacht. Die Verlagsarbeit exakt abzubilden war also gleichbedeutend mit einer möglichst großen Romantreue. In dieser Hinsicht war für uns deshalb gar nicht mehr viel zu tun. Natürlich handelt es sich beim Verlag Winterscheidt aber um einen fiktiven Verlag, der keinen realen Verlag als Vorbild hat. Wir hatten dadurch natürlich auch eine gewisse erzählerische Freiheit. Aber auch wenn die Geschichte im Universum eines Buchverlags angesiedelt ist, stehen die Figuren und der Plot im Vordergrund. Dennoch finden sich viele Aspekte, denen Literaturmenschen sicherlich schon mal begegnet sind. Durch die Augen unserer Figuren bekommen wir zum Beispiel mit, dass es, wie in vielen anderen Branchen auch, viel darum geht, wer wen kennt und durch welche Kontakte Zugang zur Branche erhalten kann. Ein weiteres Thema ist außerdem die Entwicklung des Literaturbetriebs und Anpassung an aktuelle Strömungen. Im Verlag Winterscheidt sehen wir den Konflikt zwischen dem Festhalten an Traditionen und der Bereitschaft, sich zu wandeln und auch jüngere Stimmen zu hören – eine Frage, die von allgemeingültiger gesellschaftlicher Relevanz ist.

Die Geschichte lebt stark vom Zusammenspiel aus Vergangenheitstrauma und Gegenwartsverbrechen. Welche erzählerische Linie haben Sie gemeinsam mit Drehbuchautor Thorsten Näter und Regisseur Stefan Bühling priorisiert, um diese beiden Zeitebenen spannend miteinander zu verweben?
Im neuen «Taunuskrimi» geht es um eine Freundesgruppe, die seit einem gemeinsamen Urlaub in Frankreich vor vielen Jahren ein schreckliches Geheimnis miteinander verbindet. Die Mitglieder der Gruppe stehen dabei in unterschiedlichen Beziehungen miteinander: Es gibt Familienbande, Freundschaften, Liebesbeziehungen. Ohne zu viel vorwegnehmen zu wollen, kann ich sagen, dass die beiden Zeitebenen über die anonymen Briefe verbunden werden, die verschickt werden. Über das Foto stellen wir immer wieder einen visuellen Zusammenhang zwischen Gegenwart und Vergangenheit her und ermöglichen es den Zuschauenden so, zwischen den Ebenen zu springen. Die Briefe ermöglichen es einerseits, diese Verbindung herzustellen, gleichzeitig entspinnt sich hieran die Rätselspannung, die wir in unserem Krimi aufbauen wollen: Was ist damals genau passiert und welchen Einfluss haben die Ereignisse von damals auf die Gegenwart? Nele Neuhaus hat in ihrem Roman spannende Figurenbögen und tolle Wendungen der Beziehungen innerhalb der Gruppe geschaffen. Letztendlich sind es auch diese psychologischen Bögen, die die beiden Zeitebenen miteinander verweben.

Mit Tim Bergmann und Kathrin von Steinburg tragen zwei sehr unterschiedliche Ermittlerpersönlichkeiten die Reihe. Wie entwickeln Sie als Produzent die Dynamik zwischen Oliver von Bodenstein und Pia Sander weiter – und welche neue Facette zeigt dieses Kapitel?
Als Produzent der Verfilmung stehe ich als erstes in den Diensten der wunderbaren Romane von Nele Neuhaus und ihrer meisterhaft gezeichneten Figurenentwicklung. Nele Neuhaus kennt ihre Figuren am besten und es ist mir auch auf dieser Ebene extrem wichtig, ihr und den Romanen gerecht zu werden. Oliver von Bodenstein und Pia Sander verbindet darin eine lange Zusammenarbeit. Wie in den Büchern wollten wir deshalb in der Verfilmung diese besondere Beziehung auch auf einer privaten Ebene abbilden. Oliver und Pia verbringen durch die Arbeit sehr viel Zeit miteinander, sie haben zusammen grausame Verbrechen gesehen und aufgeklärt. So etwas schweißt zusammen. Sie kennen sich außerdem seit Jahren, haben Höhen und Tiefen der anderen Person miterlebt und sind sich so eine Art Konstante im Leben. Ihre Beziehung ist geprägt von tiefem Vertrauen und Respekt, sie sind mehr als nur Kolleg*innen. Gleichzeitig geht diese Beziehung nicht über ein freundschaftliches Verhältnis hinaus. Die beiden müssen sich im Job aufeinander verlassen können, und können das mittlerweile auch auf einer privaten Ebene. Ich möchte nicht zu viel verraten, kann aber sagen, dass die Unterstützung der beiden im neuen Teil der Reihe auf ein neues Level gehoben wird.

Der Cast ist prominent besetzt, unter anderem mit Gaby Dohm, Nicole Marischka, Martin Feifel und Judith Engel. Nach welchen Kriterien haben Sie die Besetzung der Freundesclique „Die Ewigen“ zusammengestellt, damit deren Historie und Ambivalenz glaubwürdig wirkt?
Wir hatten das Glück, mit der großartigen Casting Direktorin Anja Dihberg zusammenzuarbeiten, die in engem Austausch mit der Regie, dem Sender und uns diesen großartigen Cast zusammengestellt hat. Dank ihres feinen Gespürs konnten wir Schauspieler*innen gewinnen, die die besondere Chemie und die ambivalente Geschichte der Freundesgruppe glaubhaft zum Leben erweckt haben.

Ein zentraler Schauplatz ist der Taunus selbst – zugleich idyllisch und bedrohlich. Welche Rolle spielt die Region für Atmosphäre und Bildsprache, und wie hat die Zusammenarbeit mit Kameramann Felix Pflieger diese Dualität unterstützt?
Sie sagen es selbst, mit der Gleichzeitigkeit aus Schönheit und Bedrohlichkeit erzeugt der Taunus eine tolle Atmosphäre, die für uns als Filmemacher*innen ein großes Geschenk ist. Denn neben den stimmungsvollen Bildern, die uns der Taunus liefert, gibt es diese Dichotomie aus idyllisch und bedrohlich auch in unserer Geschichte, in der dunkle Abgründe hinter einer Fassade aus Freundschaft lauern. Dinge sind eben nicht immer so, wie sie auf den ersten Blick scheinen, etwas kann einen bestimmten Eindruck machen, und in einem anderen Licht ganz anders erscheinen – so wie der Taunus selbst. Gleichzeitig ist es uns ungemein wichtig, den Krimi auch wirklich lokal im Taunus zu verorten, wie es in dem großartigen Romanen von Nele Neuhaus der Fall ist. Felix Pflieger und sein Team haben hier eine starke Arbeit gemacht!

Die Figur Paula Roth bringt eine emotional aufgeladene Perspektive in die Geschichte ein. Welche Bedeutung hat dieser Charakter für die Dramaturgie, und wie bewusst wurde sie als Katalysator der Wahrheit inszeniert?
Ich möchte hier nichts vorwegnehmen und kann deshalb nicht allzu viel dazu sagen, um nichts zu verraten. Nur so viel: Paula selbst ist nicht Teil der Freundesgruppe der „Ewigen“, sie ist erst später dazukommen. Als mehr oder weniger Außenstehende hat sie dadurch natürlich eine besondere Rolle. Sie hat eine Distanz zur Gruppe, die die anderen nicht haben und ist dadurch besser in der Lage, ungesunde Dynamiken zu erkennen und auszusprechen, was die anderen lieber verschweigen würden. Sie ahnt nicht, dass sie sich selbst dadurch in Gefahr bringt, und dadurch weitere Entwicklungen auslöst, die sonst vielleicht nicht stattgefunden und auch keine Spuren hinterlassen hätten. Insofern könnte sie als ein Katalysator der Wahrheit bezeichnet werden. Am Ende ist die Wahrheitsfindung aber ein Zusammenspiel aus den Handlungen und Aussagen aller.

Die «Taunuskrimi»-Reihe wird fortgeführt und hat eine treue Fangemeinde. Welche inhaltlichen oder produktionellen Entwicklungen dürfen Zuschauer im zweiten Teil der Doppelfolge am 6. Januar erwarten – und wie fügt sich dieser Film in die langfristige Strategie der Reihe ein?
Wir freuen uns sehr und sind sehr dankbar, dass sich der «Taunuskrimi» – Romane wie Filme – einer solchen Beliebtheit erfreut, was natürlich einer großartigen Zusammenarbeit im Team sowie mit dem ZDF und den extrem erfolgreichen Romanen von Nele Neuhaus zu verdanken ist. Ich danke Nele Neuhaus sehr für das Vertrauen ihre wunderbaren Romane adaptieren zu dürfen. Ebenso danke ich dem ZDF für den extrem produktiven und partnerschaftlichen Dialog!

„In ewiger Freundschaft“ ist von Nele Neuhaus in absoluter Höhe ihrer Erzählkunst entworfen. Ein faszinierender Fall, komplexe Figuren, stärkste Wendungen und das große und tiefe Thema von Freundschaft und vergangener Schuld.

Die Zuschauenden dürfen sich wie immer auf eine spannende Geschichte freuen. Das Besondere am «Taunuskrimi» ist neben den jeweiligen Fällen auch die besondere Beziehung zwischen Pia Sander und Oliver von Bodenstein, die, wie oben schon angesprochen, im neuen Zweiteiler erneut an Tiefe gewinnt. Wir hoffen, dass es uns gelungen ist, mit der neuen Verfilmung dem hohen Qualitätsanspruch der Reihe treu zu bleiben und freuen uns auf alles, was kommt.

Vielen Dank für Ihre Zeit!

Am Montag, dem 5. und Dienstag, dem 6. Januar 2026, jeweils zur Primetime, zeigt das ZDF den Zweiteiler «In ewiger Freundschaft - Ein Taunuskrimi»" aus der quotenstarken TV-Reihe nach Motiven des gleichnamigen Nr. 1 Bestsellers von Nele Neuhaus. Ab dem 4. Dezember wird der Krimi-Zweiteiler bereits in Web und App des ZDF abrufbar sein

Mehr zum Thema... Taunuskrimi TV-Sender ZDF
Kurz-URL: qmde.de/167699
Finde ich...
super
schade
Teile ich auf...
Kontakt
vorheriger ArtikelKurz vor Olympia: ZDF mit Wintersportnächster ArtikelWinterruhe auf Mallorca: «ZDF.reportage» blickt hinter die Kulissen
Schreibe den ersten Kommentar zum Artikel

Letzte Meldungen


Mehr aus diesem Ressort


Jobs » Vollzeit, Teilzeit, Praktika


Surftipp


Surftipps


Werbung