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«Elena von Avalor»-Serienschöpfer Craig Gerber: 'Wir erhalten wahnsinnig viele Memos'

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Als Schöpfer und Autor der ersten Disney-Trickserie über eine lateinamerikanische Prinzessin muss Craig Gerber stets sicherstellen, keinen Fauxpas zu begehen.

Ein verregneter Vormittag in Berlin: Eine Gruppe ausgewählter Animatoren und Pressemitglieder ist eingeladen, einige Stunden mit Craig Gerber zu verbringen. Kein Name, der bei jedermann sofort ein Licht aufgehen lässt – aber seine Geschichten laufen in Millionen von Haushalten: Der Komponist, Songtexter und Drehbuchautor ist der Schöpfer der Disney-Trickserie «Sofia die Erste» über ein junges Mädchen, das unverhofft zur Prinzessin wird. Der Anlass für Gerbers Besuch in der Bundeshauptstadt ist jedoch ein anderes Format: «Elena von Avalor», ein Spin-Off seiner 70-teiligen Kinderserie, das international in die Schlagzeilen der Medienportale gelangte, weil in seinem Mittelpunkt die erste lateinamerikanische Prinzessin des Disney-Konzerns steht.

Im Gespräch mit Quotenmeter.de reflektiert der Familienvater darüber, wie es ist, wenn seine neue Serie in der Berichterstattung auf einen einzelnen Aspekt reduziert wird: „Ich war insofern froh, als dass es immer schön ist, wenn überhaupt über etwas gesprochen wird, in das du viel Arbeit gesteckt hast“, sagt Gerber über den dominierenden Tenor des Presseechos. „In diesem Fall kommt hinzu, dass es gut ist, wenn somit über das wichtige Thema der Vielfalt gesprochen wird. Trotzdem war ich sehr froh, als sich der Konzern dazu entschloss, in seiner Kommunikation zu betonen, welch abenteuerlustige Figur Elena ist und dass sie eine gute, faire Anführerin ist. Damit unterstreicht er das, worum es mir inhaltlich in der Serie geht.“

Nebensächlich ist Elenas kulturelle Herkunft allerdings keineswegs: Der Umstand, dass erstmals bei Disney eine lateinamerikanische Adlige im Fokus steht, bestimmt den gesamten Produktionsprozess. Die größte Herausforderung stellte sich dabei, als es galt, grundlegende Aspekte des Formats zu klären. So sind laut Gerber Prinzessinnen in Lateinamerika eigentlich wenig beliebt – historisch betrachtet gab es eher wenige auf dem Kontinent, und die stehen zumeist in einem schlechten Licht, da sie von spanischen Eroberern mitgebracht wurden.

Um diese negativen Assoziationen zu umgehen, wurde Elena als Thronfolgerin entworfen, deren Eltern gestorben sind, bevor sie laut den Gesetzen ihres Heimatlands alt genug für den Posten der Herrscherin wurde: Als lernwillige, zukünftige Königin ohne Herrschaftsmacht soll es Elena leichter fallen, sich die Empathie beim Latinopublikum zu verdienen. Außerdem wurde, ähnlich wie beim im polynesischen Meer spielenden Disney-Kinofilm «Vaiana», beschlossen, einen fiktionalen Schauplatz zu erfinden, der als Schmelztiegel verschiedener realer Subkulturen dient. So soll vermieden werden, dass sich eine ethnische respektive kulturelle Gruppe übergangen oder diskreditiert fühlt.

Eine Beratergruppe, die in jeden Schritt der Produktion eingebunden ist, sorgt darüber hinaus dafür, dass Fettnäpfchen, etwa in Form von unbeabsichtigten Referenzen auf nie ganz verheilte Wunden aus vergangenen Differenzen zwischen zwei lateinamerikanischen Völkern, vermieden werden. Außerdem soll sie im Blick haben, dass eine Balance bei geborgten Elementen aus der realen Welt besteht: Wenn ein chilenisches Musikinstrument als Inspiration für ein zentrales Artefakt in einer Episode herhält, sollten an anderer Stelle andere Länder berücksichtigt werden.

Für Gerber bedeutet dies: Er muss mehr Anmerkungen und Kommentare überblicken als normalerweise. „Ich bekomme so viele Memos, ich kann gar nicht mehr überblicken, wer mir was gesagt hat“, sagt er mit einem erschöpften, doch keineswegs gramvollen Lachen. Denn neben der Beratergruppe gilt es noch immer, die Wünsche und Ideen des Senders zu berücksichtigen. Der Emmy-Anwärter, der vor allem dann aufblüht, wenn er über die abenteuerlicheren und düsteren Aspekte seiner Serie spricht, ergänzt: „Der Erfolg von «Sofia die Erste» sorgte für eine gesunde, gestärkte Arbeitsbeziehung zwischen den Senderverantwortlichen und mir.“

„Vor allem erleichterte die Serie mir meinen Job, weil sie als Beweis dasteht, dass es uns gelingt, in nur 22 Minuten einen Haupt- und einen Nebenplot mit mehreren Wendepunkten statt nur einer rudimentären Struktur zu erzählen“, führt das Multitalent aus. Dieses gewachsene Vertrauen des Senders äußert sich auch in einer Anekdote, die Gerber voller Stolz erzählt: „Bei «Sofia die Erste» wurde ein Drittel der Episodenkonzepte, die ich eingereicht habe, vom Sender verworfen. Für die erste Staffel von «Elena von Avalor» lehnte der Sender nur eine einzige Prämisse ab. Das ist Rekord in unserer Abteilung! Dafür sollten wir eine Gedenktafel erhalten.“

Während der Prozess, in dem Prämissen absegnet werden, knallhart ist und der Sender nur binär reagiert (entweder klingt eine Idee interessant und soll weiterverfolgt werden oder nicht), so steuert Gerber entschieden gegen das Urteil, der Disney Channel sei ein besonders unnachgiebiger Sender: „Wir erhalten wahnsinnig viele Memos, aber es sind alles Vorschläge, denen anzumerken ist, dass sich jemand um die Erzählung Gedanken macht. Und der Sender lässt immer mit sich reden – er befiehlt nicht.“

Über die Sinnhaftigkeit der Memos sagt Gerber: „Rund 20 Prozent sind exzellent. Das sind Fälle, in denen ein vom direkten Produktionsprozess unbeteiligter Dritter einen unvoreingenommenen, kritischen Blick hat und dabei Probleme erkennt und Lösungen vorschlägt, die wir nie entdeckt hätten. Das sind Memos, bei denen ich ungeheuerlich dankbar bin, dass sie uns gegeben wurden.“ Er führt fort: „40 Prozent sind aus der Kategorie 'Möbel verrücken': Man kann das so machen oder auch so … Es ist reine Geschmacksfrage. 20 Prozent sind irgendwo dazwischen und bei den restlichen 20 Prozent ...“ Nach kurzer Denkpause beendet Gerber schmunzelnd: „Da muss ich nochmal beim Sender anrufen und fragen, wie ich das Memo zu verstehen habe.“

«Elena von Avalor» ist ab dem 28. Januar 2017 immer samstags und sonntags um 9.20 Uhr sowie sonntags ab 17.30 Uhr im Disney Channel zu sehen.

Kurz-URL: qmde.de/90830
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