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Michael Kessler: 'Ich muss über Satire noch lachen können'

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Quotenmeter.de hat sich mit Michael Kessler getroffen und mit ihm über seine Synchronarbeiten, «Kessler ist ...», «Das Jahrhunderthaus» und Jan Böhmermann gesprochen.

Zur Person: Michael Kessler

  • 1967 in Wiesbaden geboren
  • Begann seine Schauspielkarriere am Theater, wo er auch als Regisseur tätig war
  • Feierte sein Kinodebüt in «Manta, Manta»
  • Mitglied des «Switch»- und «Switch reloaded»-Ensembles
  • Verantwortlicher authentischer Dokuformate wie «Kesslers Nachttaxe» und «Kesslers Expeditionen»
  • Interviewt in «Kessler ist ...» Promis in Form ihres Ebenbildes
  • In unregelmäßigen Abständen als Synchronsprecher in Animationsfilmen tätig, aktuell in «Angry Birds – Der Film»
Sind Synchronrollen für sie leicht verdientes Geld oder doch eine Herausforderung?
(lacht) Für mich, und ich kann ja nur für mich sprechen, ist das ein großer Spaß. Ich bin ja eigentlich kein Synchronsprecher und habe großen Respekt vor dem Metier. Für mich ist es deshalb jedes Mal eine große Herausforderung, doch deswegen mache ich es auch gerne und weil es bei einem animierten Film einfach Spaß macht. Die Filme sind so fantasievoll, man kann Gas geben, man kann Dinge ausprobieren, man kann ein bisschen verrückt sein und ein bisschen Quatsch machen. Das liegt mir. Das ist für mich die Motivation dahinter.

Gab es bei «Kessler ist …» einen Interviewpartner, bei dem es Ihnen besonders schwer fiel, an Informationen zu gelangen, die sich für das Gespräch am Schluss eignen?
Das ist immer knifflig. Ich begebe mich im Grunde genommen wie der Zuschauer auf eine Reise. Ich habe ein Bild von einem Prominenten und ich schaue, inwiefern dieses Bild stimmt. Dabei bin ich immer davon abhängig, wie weit mich der Prominente in sein Leben hineinlässt. Ich bin auch davon abhängig, wie neugierig er ist, und wie sehr er sich auf das Experiment einlässt. Da gab es Kollegen, die das mehr gemacht haben, und welche, die das nicht so sehr zuließen. Beispielsweise waren Markus Kavka, Michael Mittermeier und Götz Alsmann sowie Horst Lichter sehr davon angetan, da gab es tolle und überraschende Momente. Auch für mich – Götz Alsmann kenne ich schon lange, und er war am Ende so bewegt, wie ich ihn noch nie erlebt habe. Wir waren da beide sehr überrascht davon, was in diesem Moment so passierte.

Ich bekomme schon während der Dreharbeiten durch den Umgang miteinander und die Beantwortung der Fragen ein Gespür dafür, in welche Richtung es geht und wie weit sich ein Prominenter einlässt. Dennoch ist dieser letzte Moment, wenn wir zum Abschluss dieses Interview drehen, ein ganz besonderer.
Michael Kessler
Offenbart sich für Sie der rote Faden der jeweiligen Ausgabe erst im Schnitt, oder zeigt sich schon früher, wohin sich die Folge wohl entwickeln wird?
Ich bekomme schon während der Dreharbeiten durch den Umgang miteinander und die Beantwortung der Fragen ein Gespür dafür, in welche Richtung es geht und wie weit sich ein Prominenter einlässt. Dennoch ist dieser letzte Moment, wenn der Gast sich selbst gegenübersitzt, ein ganz besonderer. Denn dann ist der Prominente natürlich erst einmal irritiert oder lacht … Das Interview kann dann ganz unterschiedlich verlaufen. Ich glaube, das mit Götz Alsmann ging rund 30 Minuten lang – das mussten wir natürlich kürzen

Was muss eine Person mitbringen, damit Sie ihr Interesse weckt, so dass Sie sich vornehmen: „Mit der würde ich mich gern auseinandersetzen …“ ?
Für «Kessler ist …» bin ich auf alle neugierig. Weil ich oft merke, dass Bilder, die ich von Kollegen habe, nicht stimmen, und dass man Vorurteile hat. Wie etwa bei Heino. Das sagen mir oft auch Zuschauer, dass für sie erst eine Distanz gegeben war. Da sagt man sich so: „Ach, der Heino … Ich weiß nicht … Der mit seinen Volksliedern …“ Zu der Folge gab es dann aber so viele Rückmeldungen, die ungefähr so verliefen: „Ach, dann bin ich trotzdem dran geblieben … Und hab mir das angeguckt … Und am Ende war ich doch gebannt. Es hat mich sogar ein wenig umgestimmt …“ Mir ging das genauso. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass Heino der Einzige ist, der wegen Bushido seinen Bambi zurückgegeben hat. Das würde man nicht unbedingt von Heino erwarten. Solche Dinge erfährt man dann, wenn man sich intensiver mit jemandem auseinandersetzt. Darum bin ich auf jeden möglichen «Kessler ist …»-Gast gespannt, denn jeder hat irgendwo seine eigene Geschichte. Das ist meine alte Philosophie, die ja auch in „Kesslers Expedition» steckt und der «Berliner-Nachttaxe». Auch ganz alltägliche Menschen, denen ich auf meinen Reisen oder in der «Nachttaxe» begegne, haben ihre eigenen Geschichten, und die sind mal mehr oder etwas weniger spektakulär. Aber ich mache ja auch keinen Sensationsjournalismus.

Wie reagieren die Promis, die Sie in karikierter Form nachgeahmt haben – etwa in «Switch» – auf Ihre Arbeit?
Günther Jauch etwa hatte damit nie ein Problem. Er ist aber auch glimpflich davongekommen, weniger glimpflich ist dagegen Florian Silbereisen davongekommen, der das, glaube ich, bis heute nicht lustig findet. Aber es ist auch immer eine Frage, wie viel man Humor hat und was man im Fernsehen so tut. Dafür ist man als Künstler oder Moderator selber verantwortlich. Ich hatte auch nie Probleme, da auszuteilen, wo ich das Gefühl hatte, dass man da auch mal austeilen sollte.

Ich habe eine andere Vorstellung von Satire. Ich muss über Satire noch lachen können. Ich bin groß geworden mit Dieter Hildebrand, mit sehr politischem Kabarett, mit Hanns-Dieter Hüsch. Die haben sehr fein geschrieben, sehr fein überlegt und hatten immer noch ein Humorpotential – und sie haben ausgeteilt. Und zwar kräftig.
Michael Kessler über Jan Böhmermanns Erdogan-Satire
Wo wären für Sie die Grenzen?
Die Grenzen sind dann erreicht, wenn es direkt, persönlich beleidigend wird und unter die Gürtellinie geht. Aber das war das Schöne an «Switch». Das hatte eine schöne Form auszuteilen, ohne direkt zu sagen „Ich find dich doof“ oder „Ich find das doof, was du da tust, das ist schlechtes Fernsehen“.

Ist Jan Böhmermann mit seinem Gedicht demnach zu weit gegangen?
Für mich: Ja. Ich habe eine andere Vorstellung von Satire. Ich muss über Satire noch lachen können. Ich bin groß geworden mit Dieter Hildebrand, mit sehr politischem Kabarett, mit Hanns-Dieter Hüsch. Die haben sehr fein geschrieben, sehr fein überlegt und hatten immer noch ein Humorpotential – und sie haben trotzdem ausgeteilt. Und zwar kräftig. Ich weiß noch, wie mein Vater abends vor dem Fernseher rief: „Hoho ho! Ui, ui, ui!“ Diese Satire war mehr so mein Stil.

Die mediale Hysterie, die daraufhin ausbrach, fand ich schrecklich. Keine Form von Meinungsfreiheit ist in Deutschland bedroht, die Satirefreiheit nicht, die Pressefreiheit nicht. Derartige Berichte sind, für mich, völliger Schwachsinn.
Michael Kessler über Jan Böhmermanns Erdogan-Satire
Können Sie sich generell nicht mit der aktuellen Satirelandschaft identifizieren?
Es kommt immer darauf an, was der Hintergrund der Satire ist. Was will ich bewegen? Um was geht es mir? Geht es mir tatsächlich um die Menschen in der Türkei? Geht es mir um Meinungsfreiheit und darum, was da passiert? Es war eine etwas komische Konstellation dadurch, dass «extra 3» eine große Aufmerksamkeit erregte und sich Böhmermann da plötzlich dran hing – so war jedenfalls mein Eindruck. Mir schien, dass er etwas von dieser Aufmerksamkeit abhaben wollte. Das ist nur eine Vermutung, ich weiß nicht, ob das so war. Aber die mediale Hysterie, die daraufhin ausbrach, fand ich schrecklich. Keine Form von Meinungsfreiheit ist in Deutschland bedroht, die Satirefreiheit nicht, die Pressefreiheit nicht. Derartige Berichte sind, für mich, völliger Schwachsinn.

An vielen Ihrer Formate sind sie in intensiver Form kreativ beteiligt. Sind dann Projekte wie das Übernehmen einer Synchronrolle in «Angry Birds – Der Film» oder das Mitspielen in «Das Jahrhunderthaus» gewissermaßen Verschnaufpausen für Sie, weil Sie weniger Einfluss haben?
(lacht) Das mit dem Einflussnehmen kann ich nur selten sein lassen. (lacht) Obwohl das so nicht stimmt, beim «Jahrhunderthaus» habe ich nicht groß mitgewirkt, in dem Sinne, dass ich Texte umgeschrieben hätte oder inhaltlich beteiligt war … Da habe ich mich völlig darauf eingelassen, was passiert. Ich finde, es ist sehr schön geworden und ich bin gespannt, wie es ankommt. Doch es stimmt, dass es für mich auch mal angenehm ist, nicht die Verantwortung zu haben. Die Dinge müssen sich die Waage halten. Aber wenn ich nicht das Gefühl gehabt hätte, dass ich mich da voll reinhängen kann, hätte ich es auch nicht gemacht.

Um beim «Jahrhunderthaus» zu bleiben: Welche Jahrzehnte würden sich Ihrer Meinung nach am besten verstehen, müssten sie nebeneinander leben? Benachbarte Jahrzehnte klammern wir mal aus, das wäre zu leicht, weil es ja fließende Übergänge zwischen ihnen gibt …
Ich glaube, je näher sie beieinander liegen, desto besser, und je weiter sie voneinander entfernt sind, desto schlechter. Also, wenn der 20er-Typ auf den 70er trifft, dann … Hui, hui, hui. Da würde vieles in Unverständnis münden und vieles schief gehen. Oder wenn der aus den 20ern hier in diesen Raum käme und die ganzen Geräte sieht (zeigt auf Tablets und Smartphones), der würde ja gar nicht verstehen, was das alles ist und vielleicht sogar sofort wieder rausrennen …

Es gibt immer wieder dieselben Probleme, es kommt immer wieder zum Krieg … Die Gesellschaften entwickeln sich ja auch gerne immer wieder zu Gesellschaften der Vergnügungssüchtigen. Auf diesem Weg sind wir ja auch wieder, mit Party und Spielen ohne Ende, während Bildung vernachlässigt wird. Das fliegt uns dann irgendwann wieder um die Ohren. Das war in Rom nicht anders. Irgendwann ist die Party wieder zu Ende …
Michael Kessler
Und wenn wir solche Fragen wie nun einmal die Technik ausklammern und nur auf Lebensgefühl und Werte achten? Ist dann noch immer eine ständige Weiterentwicklung gegeben, so dass sich die jüngeren Jahrzehnte untereinander besser verstehen, oder gibt es vielleicht doch zirkuläre Tendenzen?
Ja, ich glaube wir drehen uns leider doch immer wieder im Kreis. Es gibt immer wieder dieselben Probleme, es kommt immer wieder zum Krieg … Die Gesellschaften entwickeln sich ja auch gerne immer wieder zu Gesellschaften der Vergnügungssüchtigen. Auf diesem Weg sind wir ja auch wieder, mit Party und Spielen ohne Ende, während Bildung vernachlässigt wird. Das fliegt uns dann irgendwann wieder um die Ohren. Das war in Rom nicht anders. Irgendwann ist die Party wieder zu Ende … Und dann passiert irgend etwas, und dann geht es wieder von vorne los.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

«Das Jahrhunderthaus» ist am 10. und 17. Mai 2016 ab 20.15 Uhr im ZDF zu sehen. «Kessler ist ...» kehrt mit neuen Folgen am 21. Juli 2016 ab 23.15 Uhr ins ZDF zurück. «Angry Birds – Der Film» startet am 12. Mai 2016 in den deutschen Kinos.

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