Sülters Sendepause

Gameshowfieber heute und früher - die besten Zocks und die peinlichsten Zonks

von   |  1 Kommentar

Zonk, Krypton Faktor, Ruck Zuck, ich kaufe ein A. Tja, wer kennt sie nicht - Deutschlands Gameshow-Klassiker. Nun da die RTL-Gruppe dieses Genre zu neuen Höhen führen will, schaue ich mal lieber genauer hin - was taugt, was nicht?

Deutschland spielt und zockt: Wie kaum ein anderes Genre hat sich das der Spiel- oder Gameshow in den Sendeplänen der Fernsehanstalten festgesetzt. Von den frühen Sechzigern bis Heute wird gerätselt oder noch schweisstreibenderen Betätigungen nachgegangen. Kommt mit auf meine kleine Reise durch die jahrzehntelange Geschichte eines TV-Phänomens - weltweit wie hierzulande.

Heile Samstagabendwelt mit der Familie


Es begann eigentlich ganz harmlos. 1964 hob die ARD mit «Einer wird gewinnen» eine der ersten großen Abendspielshows aus der Taufe. Hans-Joachim Kuhlenkampff führte darin von 1964 bis 1969 und von 1979 bis 1987 durch ein buntes Ratespiel mit Late-Night-Elementen (Eröffnungsmonolog) und Musik. Eine Show, die sich nicht nur des Konzeptes wegen sondern auch aufgrund der außergewöhnlichen Persönlichkeit des Moderators größter Beliebtheit erfreute. 1971 folgte das ZDF mit Hans Rosenthals legendärem «Dalli Dalli» („Das war spitze!“), 1974 konterte die ARD mit «Am laufenden Band» von und mit Rudi Carell.

Neben weiteren Klassikern war es dann vor allem noch an «Wetten, dass..?», wie keine andere Sendung für das Image der Samstagabend-Spielshow zu stehen. Von 1981 bis 2014 trieben erst Frank Elstner, dann Thomas Gottschalk, Wolfgang Lippert, erneut Gottschalk und schließlich Markus Lanz ihr Unwesen im Show-Dino. Eigentlich schade, dass Letzterer das Ganze derart ruiniert hat.

In Erinnerung bleiben aber auch Shows wie «Donnerlippchen» (man denke an den obligatorischen Auftritt des Vollstreckers) oder «Geld oder Liebe?» mit Jürgen von der Lippe sowie der Dauerbrenner «Herzblatt», das von 1987 bis 2005 mit verschiedenen Moderatoren lief und sich großer Beliebtheit erfreute. In dieser Show, die auf dem US-Vorbild «The Dating Game» basierte, sah man auch im deutschen TV bereits den sich andeutenden Wandel weg von der großen Abendshow hin zur kleineren Vorabend-Spielshow mit kompakterer Laufzeit und ohne großes Brimborium.

Als die Spielshow zur Gameshow wurde


Mit dem Start der privaten Fernsehsender im Jahr 1984 erlangte das Genre der Spielshow eine völlig neue Bedeutung. Nach amerikanischem Vorbild wurde das Treiben mehr zu einer reinen Gewinnveranstaltung und präsentierte lockere Spielchen in knapper Sendezeit. Sat.1 adaptierte das amerikanische «Wheel of Fortune» zum deutschen «Glücksrad» und ließ Hausfrauen, Beamte und junge Väter um Mikrowellen, Toaster und nagelneue Röhrenfernseher spielen. Dazu bot man eine reizende Assistentin zum Umdrehen der Buchstaben (die spätere Dschungelkönigin Maren Gilzer in einer Traumrolle) und zwei durchaus eitle Moderatoren – ein Erfolgsrezept, das zuerst zehn Jahre beim Bällchensender und dann noch vier bei Kabel 1 und zwei bei 9Live auf den Buckel bekam.

Bei Tele 5 (sowie später RTL2 und tm3) machte man ab 1988 aus dem US-Format «Bruce Forsyth’s Hot Streak» das äußerst beliebte «Ruck Zuck» mit Werner Schulze-Erdel und später Jochen Bendel. Die Show hielt sich mit Pausen bis 2000 im Programm und war auch danach immer nochmal Thema für Specials.

RTL hatte ab 1992 mit «Familienduell» einen weiteren veritablen Knaller am Start, der auf dem amerikanischen «Family Feud» basierte, das in den USA bis heute läuft und zudem in viele Länder verkauft wurde. Dazu gesellte sich noch «Jeopardy!», das man zuerst als «Riskant» mit Hans-Jürgen Bäumler ausstrahlte, später aber im Besitz sämtlicher Rechte mit dem Originaltitel versah und Frank Elstner anvertraute.

Einer der nachhaltigsten Klassiker gelang RTL zudem mit dem Format «Der Preis ist heiß» das ab 1989 nicht nur Moderator Harry Wijnvoord, sondern auch Preisansager Walter Freiwald zu Stars des Tagesprogramms machte. «The Price is Right» stand inhaltlich Pate und führte bis 1997 zu 1873 deutschen Folgen. Freiwalds Einleitungsworte „Und hier ist sie wieder, die Show der fantastischen Preise. Seien Sie mit dabei, wenn es wieder heißt: Der Preis ist heiß!“ wurden legendär – dass die beiden sich hinter der Kamera nie grün waren und letztlich in unterschiedlichen Staffeln des «Dschungelcamps» landeten, ist ein Fall für die TV-Geschichtsbücher. Peter Bond und Maren Gilzer vom «Glücksrad» sowie Jochen Bendel von «Ruck Zuck» ereilte bekanntermaßen dasselbe "Schicksal".

Sat.1 hatte neben dem «Glücksrad» aber noch ein weiteres Ass im Ärmel – im wahrsten Wortsinne sogar. Jörg Draegers «Geh aufs Ganze», das auf dem US-Vorbild «Let's Make a Deal» basierte, startete 1992 und hielt inklusive eines Wechsels zu Elmar Hörig und zurück zu Draeger und eines Senderwechsels zu kabel 1 bis 2003 durch. Immer dabei: Der legendäre Zonk als Inbegriff des Scheiterns und bis heute popkulturell anerkanntes Schlagwort.

The Next Gameshow Generation


Doch entwickelte sich das Genre in der Folge noch in viele weitere Richtungen. Auf der einen Seite kam man auch bei den Privaten auf den Dreh, die Spiele wieder im Abendprogramm deutlich prominenter und großformatiger anzusetzen. 1993 startete RTL mit der «100.000 Mark Show» die wohl spannendste Spielshow der Neunziger. Ulla Kock am Brink moderierte mit oft vor Spannung brüchiger Stimme, die Spiele waren für die damalige Zeit sensationell, der Gewinn exorbitant.

Auch Abwandlungen beziehungsweise Hybriden zwischen Spielshow und anderen Themenbereichen erblickten das Licht der Welt: So verzauberte eine gewisse Linda de Mol von 1992 bis 2000 die Deutschen mit ihrer «Traumhochzeit». Eine große Zeit für RTL.

Doch auch einige deutlich später gestartete Shows bleiben haften und werden sicher in die Geschichtsbücher eingehen. So entwickelte Stefan Raab 2006 das Konzept zu «Schlag den Raab», einer Art moderner 15-Kampf zwischen einem testosterongetriebenen Champion (Raab) und einem Kandidaten aus dem Volk. Abwechslungsreiche Spiele, die humorigen Live-Kommentare von Frank Buschmann und die satte Sendezeit von oft über vier Stunden taten ihr Übriges. Diese Show fehlt uns schon jetzt.

Ein anderer Zweig, der zeitweise wilde Blüten in Sachen Vielfalt (oder nennen wir es Übersättigung) trieb und treibt, war der der Quizshow. Mit dem riesigen Erfolg von «Wer wird Millionär» (der in großem Maße Günther Jauch zuzusprechen ist) wollte plötzlich jeder Sender seine eigene neue coole Rateshow. Dass am Ende nur die besten überlebten ist dabei selbstverständlich. Nicht umsonst quizzt Herr Jauch nun bereits seit 1999 – ein absolut verdienter Erfolg.

Back to the roots - oder alles nur geklaut?


Nicht nur, dass die RTL-Gruppe uns zukünftig mit RTLplus einen neuen Retrosender präsentieren wird, der einerseits heißt wie der große Bruder früher, man bringt andererseits auch noch eine ganze Palette heißgeliebter Formate zurück und versucht damit, im Markt der reiferen Frauen (und vermutlich auch Männer) zu fischen.

«Familienduell» wird in Zukunft von der verlässlichen Inka Bause präsentiert, «Jeopardy!» erhält mit Joachim Llambi einen neuen Abfrager. Für «Ruck Zuck» und das «Glücksrad» stehen die Moderatoren noch nicht fest – vielleicht erbarmt sich Jochen Bendel ja und macht den Kult komplett. Ob Frederic Meissner, Peter Bond und Maren Gilzer noch Lust auf Glücksrad- und Buchstabendrehen haben, wird man sehen. Auch, ob noch weitere Kultgameshows den Weg zurück ins TV finden werden. Die Zuschauer werden es entscheiden.

Meine verlorenen Perlen


Bei all diesen Überlegungen seitens RTLplus fehlen mir nämlich noch drei Formate, die mich trotz teilweise nur kurzer Laufzeit im deutschen TV oder unnötiger Änderungen am Grundkonzept derart faszinieren konnten, dass ich mir Remakes in ihrer ursprünglichen Form mehr als wünschen würde.

Auf dem dritten Platz landet in dieser Kategorie bei mir die Show «Koffer Hoffer», erdacht von Frank Elstner, die von Karl Dall und Gerd Donie (in der Rolle des Dieners Enno von Schwerin) kongenial präsentiert wurde. Immerhin 100 Folgen zeigte Tele 5 von 1991 bis 1992 – danach verschwand das witzige Format jedoch leider wieder in der Versenkung. In der Show mussten Kandidaten auf Koffer bieten, die an Flughäfen gefunden und nie mehr abgeholt wurden. Die größte Gaudi bestand neben den launigen Sprüchen Dalls jedoch im späteren Öffnen der Fundstücke, da diese natürlich oft erschreckend trivialen Inhalt zutage förderten, der den Geboten nicht gerecht wurde.

Auf dem zweiten Platz präsentiere ich eines der wohl kürzesten Vergnügen der deutschen Gameshow-Geschichte: «Krypton Faktor» mit Jörg Draeger. Die deutsche Adaption des gleichnamigen britischen Erfolgsformates präsentierte vier Kandidaten, die sich in extrem anspruchsvollen Kategorien beweisen mussten. Zum Abschluss folgte immer ein Hindernisparcours in einem stillgelegten Hüttenwerk („Nachtschicht auf dem Stahlwerk“). Leider hielt sich der Erfolg in engen Grenzen, nach nur 13 Episoden im Jahr 1991 war schon wieder Schluss. Vielleicht seiner Zeit voraus?

Unangefochten auf Platz 1 meiner Gameshow-Highlights liegt aber – explizit – die erste deutsche Staffel der weltweit erfolgreichen Spielshow «Fort Boyard». 1991 strahlte Sat.1 acht Episoden aus, in denen Reiner Schöne und Rita Werner moderierten. In dieser einen Staffel kamen alle Besonderheiten des Formates zum Tragen, das wunderbare Setting war ein Alleinstellungsmerkmal, der verrückte Wissenschaftler im Rätselturm äußerst skurril. Leider waren die Produktionskosten derart hoch, dass man erst 2000 und 2002 weitere Staffeln bei ProSieben zeigte – zudem nur noch als Prominentenspecials (was mich angeht, der Untergang jeder guten Idee) und mit stark verändertem Rahmen und Bedingungen. Der Zauber war verflogen. Der letzte Nachklapp 2010 auf kabel eins tappte dann in exakt die gleiche Falle. Das Original von 1991 war und ist jedoch ein Klassiker und zurecht weltweit bis heute ein Hit – würde man diesen Zauber auch für den deutschen Markt neu erwecken können, das Fernsehen wäre wieder um eine auch heute noch spannende Show reicher.

Wer sich eine mit den Augen von 2016 sicher nicht ganz untrashige ganze Episode der damaligen ersten Staffel anschauen möchte, wechselt jetzt einfach mal zu den Kollegen bei Youtube.

Conclusio


Steckbrief

Björn Sülter ist bei Quotenmeter zuständig für Rezensionen, Interviews, Schwerpunkte und Die Experten. Zudem lieferte er in den Jahren 2016/2017 die Kolumne Sülters Sendepause. Der Autor, Journalist, Podcaster und Sprecher ist Fachmann in Sachen Star Trek und schreibt seit über 20 Jahren über das langlebige Franchise. Er ist Teil der Chefredaktion bei Robots & Dragons, Experte bei SYFY sowie freier Mitarbeiter bei Serienjunkies, der GEEK! und dem FedCon Insider und Chefredakteur des Corona Magazine. Seine Homepage erreicht ihr unter Sülters Sendepause.
Eindeutig: In Sachen Gameshow herrschte auch in Deutschland niemals Ebbe. Frisuren, Kleidung, Preise, Spiele - all das hat sich stets verändert, angepasst und war dem allgemeinen Zeitgeist und Wandel unterzogen. Das Gewinnenwollen konnte jedoch niemals eingedämmt werden. Ob in der gepflegten Rateshow bei Jauch oder in nervenaufreibenden Spielen gegen den Raabinator - die vergangenen Jahrzehnte haben viele herausragende Auswüchse dieses Genres hervorgebracht.

Ob RTLplus nun wirklich gut daran tut, alte und sicher auch angestaubte Formate neu aufzulegen, muss man abwarten - zu groß sollten die Erwartungen vermutlich nicht sein. Als Nischenbefriedigung der Ü30-Generation taugt dieser Anlauf aber allemal. Zwischen «Alf», «MacGyver» und «Dr. Frank» kann man dann endlich wieder nach Herzenslust Zocken, Mitfiebern und Schadenfreude zelebrieren. Fehlen zum perfekten TV-Tag eigentlich nur noch Neuauflagen der damaligen Talkshows «Arabella», «Hans Meiser» oder «Ricky». Oder wäre das des Retrofeelings dann vielleicht doch etwas zu viel?

Der Sülter hat für heute Sendepause, ihr aber bitte nicht – Wie sind eure Erfahrungen? An welche Gameshows erinnert ihr euch gerne zurück? Welche sind zu Unrecht gescheitert? Welche müssen dringend neu aufgelegt werden? Welche Moderatoren fehlen heute im TV? Und worauf verzichtet ihr eigentlich ganz gerne? Denkt darüber nach und sprecht mit anderen drüber. Gerne auch in den Kommentaren zu dieser Kolumne. Ich freue mich drauf.

In 14 Tagen sehen wir uns zur nächsten Ausgabe von «Sülters Sendepause».

Die Kolumne «Sülters Sendepause» erscheint in der Regel alle 14 Tage Samstags bei Quotenmeter.de und behandelt einen bunten Themenmix aus TV, Film & Medienlandschaft.

Für konkrete Themenwünsche oder -vorschläge benutzt bitte die Kommentarfunktion (siehe unten) oder wendet euch direkt per Email an bjoern.suelter@quotenmeter.de.

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Es gibt 1 Kommentar zum Artikel
P-Joker
07.05.2016 16:16 Uhr 1
Gleich im Abschnitt "Samstagabendwelt" sind dem Autor zwei Fehler unterlaufen:

1. Dalli Dalli lief nie Samstags, sondern Donnerstags.
2. Herzblatt lief im Vorabendprogramm.

Unter "verlorene Perlen" stelle ich mir auch eher etwas anderes vor.
z.B. :
"Wünsch dir was" (ehemals mit Dietmar Schönherr und Vivi Bach)
"Am laufenden Band" und "Die verflixte 7" (beide mit Rudi Carrell)

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