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Fernsehfriedhof

Der Fernsehfriedhof: Deutschland sucht den Superwitz

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Quotenmeter.de erinnert an all die Fernsehformate, die längst im Schleier der Vergessenheit untergegangen sind. Folge 169: Ein altbackenes Komiker-Casting aus den frühen 90ern, das rückwirkend sehr richtungsweisend war.

Liebe Fernsehgemeinde, heute gedenken wir einer Sendung, die modern und altmodisch zugleich war.

«Gaudimax» wurde am 26. März 1991 im Bayerischen Fernsehen geboren und entstand zu einer Zeit, als weder der Begriff „Comedian“ noch die Vokabel „Casting“ allgemein geläufig waren. Um so erstaunlicher war es daher, dass ausgerechnet ein Konzept, das lediglich auf dem Erzählen von Witzen basierte, maßgebliche Elemente für spätere Formate einführte. In jeder Ausgabe traten jeweils drei Amateur-Komiker an, die möglichst lustige Anekdoten erzählen sollten und so um die Gunst des Publikums wetteiferten. Schon allein dieser Talentwettstreit erinnerte an spätere Castingshows. Dazu kam, dass es für jede Runde ein vorgegebenes Thema gab, zu dem die jeweiligen Gags (z.B. Arzt-Witze) passen mussten. Im Grunde war hier bereits der Gedanke der Motto-Shows geboren. Wer gewann, entschied (wie bei den meisten heutigen Castings) das Publikum - allerdings noch nicht per Telefonabstimmung, sondern durch die Heftigkeit des Gelächters der anwesenden Zuschauer, welches vom „Lachometer“ in Punkte umgewandelt wurde. Pro Staffel wurde auf diese Weise in Vorrunden, Halbfinals und Finals jeweils der „Goldene Gaudimax“ des Jahres ermittelt. Die Gewinner waren quasi die „Superstars“ oder „Supertalente“ der frühen 90er Jahre.

Die ersten beiden Staffeln liefen zunächst am Dienstagvorabend lediglich im Regionalfernsehen des Bayerischen Rundfunks, weswegen das Turnier anfangs ein eher lokales Ausmaß hatte. So stammten auch die drei konkurrierenden Witzbolde ausschließlich aus Bayern sowie den angrenzenden Nachbarstaaten Österreich und Schweiz. Diese örtliche Beschränkung erschwerte allerdings die Akzeptanz für Nicht-Bayern, weil die Teilnehmer meist einen derart starken Dialekt besaßen, dass sie außerhalb Süddeutschlands schlicht nicht verstehbar waren. Dennoch wanderte die Produktion am 30. Juni 1992 in Form eines Specials versuchsweise ins Gemeinschaftsprogramm der ARD. Dort überzeugte der Testlauf so sehr, dass ab 15. September immer dienstags um 21.05 Uhr eine komplette Staffel nachgereicht wurde – jetzt mit einer geringeren bayerischen Färbung.

Als ein Jahr später eine weitere Runde folgte, wurden die vorgetragenen Scherze mit Auftritten von professionellen Kabarettisten und den Spaßmusikern vom „Schauorchester Ungelenk“ garniert, die nun regelmäßig auftraten. Für die Bewertung der Kandidaten ersetzte zudem eine prominente Jury (u.a. Heinz Schenk) das "Lachometer", wodurch der Ablauf ein weiterer Bestandteil späterer Castingshows erhielt. Zusätzlich stand den Kandidaten ein Joker zur Verfügung, der wie in früheren Ausgaben von «Schlag den Star» funktionierte. Die Mitspieler konnten nämlich Prominente an ihrer Stelle einen Witz aufsagen lassen, in der Hoffnung, dass ihre besser ankam als die eigenen. Zur Auswahl standen unter anderem Margarethe Schreinemakers, Hugo Egon Balder, Heinz-Rudolf Kunze, Ottfried Fischer, Willy Millowitsch und Sandra Maischberger, die ihre Scherze vorab aufgezeichnet hatten. Aufgrund all dieser Änderungen wurde die ursprüngliche Sendezeit für die einzelnen Episoden von 25 Minuten auf eine Stunde ausgeweitet und das Ergebnis in «Die Gaudimax-Show» umbenannt. Darüber hinaus wanderte es auf den Donnerstagabend, wo es insgesamt für zwei Jahresstaffeln blieb.

Obwohl das Format rückwirkend aufgrund seiner Strukturen wegweisend wirkt, galt es bereits zu seiner Ausstrahlung als altbacken und nur mäßig unterhaltsam. Die vorgetragenen Späße waren meist minutenlange Erzählungen mit ewigen Redundanzen und Vorurteilen. Stets nach dem Motto: „Treffen sich ein Schweizer, ein Österreicher und ein Bayer...“ Dazu kam, dass die Kandidaten auffallend oft ältere Herren waren, die aus Karnevalsvereinen kamen und bisher hauptsächlich ihren Stammtisch erheitern konnten. Deswegen wurden auch immer wieder zotige, frauenfeindliche oder tendenziell rassistische Geschichten vorgetragen, die erwartungsgemäß beim Publikum besonders gut ankamen. Die Kulisse, in der all das dargeboten wurde, war zwar bunt, aber genauso farblos und unmarkant wie der Moderator Gerd Rubenbauer, der damals ebenso bei Sportübertragungen der ARD vor der Kamera stand.

Daher wunderte es nicht, dass die Show trotz ihrer vier Staffeln niemals der absolute Quotenhit war. Dennoch brachte sie Kaufvideos und Bücher hervor, welche die besten Witze der Reihe beinhalteten. Ironischerweise versuchte das ZDF parallel mit «Deutschland lacht» ein ähnliches Prinzip zu etablieren, das obwohl (oder gerade weil) es rundum zeitgemäßer wirkte und den Wettkampfcharakter weniger betonte, kaum Anklang bei den Zuschauern fand.

«Gaudimax» wurde am 30. September 1994 beerdigt und erreichte ein Alter von dreieinhalb Jahren. Gleichzeitig entstanden im Jahr 1993 für das Regionalprogramm des BR noch zehn eigene Episoden, die dann unter dem Titel «Weißblauer Gaudimax» liefen. Alle Varianten hinterließen den Moderator Gerd Rubenbauer, der noch bis 2008 als Sportkommentator für das Erste und den Bayerischen Rundfunk arbeitete. Außerdem präsentierte er mit «Deutschland Champions», «Sag’ die Wahrheit», «Weißblau klingt’s am schönsten» und «Wies’n Live» weitere Unterhaltungs-Knaller, bevor er sich weitestgehend aus dem TV-Geschäft zurückzog. Der Gewinner der ersten «Gaudimax»-Staffel Harry Prünster konnte später eine erfolgreiche Karriere im ORF starten, wo er unter anderem durch die dortige Version des Witz-Castings sowie die Sendung «Oh, du mein Österreich» führte und zuletzt mit seiner Teilnahme an den Shows «Dancing Stars» und «Das Match» auffiel. Übrigens, die Idee, im Fernsehen die besten Witzeerzähler zu suchen, wurde im Jahr 1997 von RTL unter dem Titel «Kennen Sie den?» wieder aufgewärmt, bevor sie ab Mitte der 2000er für mehrere Jahre im Rahmen von «Verstehen Sie Spaß?» sogar am Samstagabend zu finden war.

Möge die Show in Frieden ruhen!

Die nächste Ausgabe des Fernsehfriedhofs erscheint am kommenden Donnerstag und widmet sich dann der großen Weihnachtspleite von Sat.1.

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