Fernsehfriedhof

Der Fernsehfriedhof: Die "SMS-Abzocke" von RTL

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Quotenmeter.de erinnert an all die Fernsehformate, die längst im Schleier der Vergessenheit untergegangen sind. Folge 223: Erinnerungen an eine Show mit Sonja Zietlow, die es nur gab, um den Zuschauern das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Liebe Fernsehgemeinde, heute gedenken wir einer der kalkuliertesten und berechnendsten Produktionen aller Zeiten.

«Der SMS-Weltrekord» wurde am 21. September 2002 bei RTL geboren und entstand zu einer Zeit, als sich Handys massenweise in Deutschland verbreiteten und die Fernsehproduzenten dank des Erfolgs von «Big Brother» erkannten, dass Sendungen mit einem interaktiven Anteil nicht nur beliebt, sondern dank der Einnahmen aus Telefonanrufen- und SMS-Nachrichten auch äußerst lukrativ sein können. Was lag daher näher, als ein Format zu kreieren, das diese Verdienstmöglichkeiten auf die Spitze trieb?

Das ehrgeizige Ziel des neuen Konzepts war es dann, so viele Zuschauer zum Verfassen von Kurznachrichten zu motivieren, dass damit gleich ein neuer Weltrekord aufgestellt und ein Eintrag ins „Guiness Buch der Rekorde“ erreicht werden konnte. Eine Million Nachrichten innerhalb von 90 Minuten waren dafür den Machern zufolge nötig. Wurde diese Zahl erreicht, war nicht nur der Rekord gebrochen, sondern auch eine im Vorfeld nicht näher bezifferte „großzügige Spende" des Kanals RTL an die hauseigne Stiftung „Wir helfen Kindern“ sicher. Um die Zuschauer dafür ausreichend anreizen zu können, wurden eingegangene Grußbotschaften im laufenden Programm eingeblendet und insgesamt zehn Fragen gestellt, die es galt, ebenfalls per SMS zu beantworten. Unter allen Teilnehmern wurden am Ende ein Auto sowie ein Handy-Guthaben von einer Million Freiminuten verlost.

Durch das Programm führte Fernsehprofi Sonja Zietlow, die kurz zuvor von Sat.1 zu RTL gewechselt war und mit ihrem täglichen Quiz «Der Schwächste fliegt» zunächst einen Fehlstart hinlegte. Dank ihrer Präsentation der Quizreihe «Deutschlands klügste…» hatte sie sich dann jedoch für derartige Events bewährt. Durch ihre frühere Moderation von «Hugo» brachte sie zudem die nötige Erfahrung mit interaktiven Formaten mit. Unterstützt wurde sie von den prominenten Gästen Dirk Bach, Hella von Sinnen und Frauke Ludowig, die nicht nur ihre besten Handy-Geschichten erzählten, sondern von den Zuschauern auch mit Fragen gelöchert werden durften. Natürlich via SMS.

Letztlich entstand eine zusammenhangslose und weitestgehend zähe Sendung, die sich durch ihre unzähligen SMS-Aufrufe und das Fehlen eines richtigen Konzepts hart an der Grenze des Erträglichen bewegte. Diese Einschätzung schienen auch die meisten Fernsehzuschauer zu teilen, denn obwohl eine Ausgabe von «Wer wird Millionär?» mit einer Reichweite von 7,41 Millionen Zuschauern eine hervorragende Ausgangslage bildete, verfolgten die Show am Samstagabend um 21.15 Uhr im Schnitt nur rund drei Millionen Menschen.

Umso erstaunlicher war es daher, dass Sonja Zietlow ein Endergebnis von 2.368.830 eingegangenen SMS und damit die leichte Erreichung des Rekords verkünden konnte. Aufgrund dieses überragenden Erfolgs zeigte sich auch der Sender großzügig und erhöhte die ursprüngliche Spende von 50.000 auf 75.000 Euro. Der Betrag ging schließlich dem Wiederaufbau einer Dresdner Kita zu Gute. Angesichts der geschätzten Einnahmen in Höhe von knapp einer Million Euro (ohne Werbeeinnahmen) für RTL wirkte diese Summe jedoch allzu lächerlich, weswegen im Internet schnell Äußerungen wie „Geldmacherei“ oder „SMS.Abzocke“ zu lesen waren. Eine Fortsetzung erfuhr das Projekt trotz seiner hohen Lukrativität nicht, da man ab Herbst 2002 mit «Deutschland sucht den Superstar» eine Sendung gefunden hatte, die noch höhere Telefoneinnahmen und noch höhere Quoten erzielte.

«Der SMS-Weltrekord» wurde am 21. September 2002 im Alter von einer Folge beerdigt. Die Show hinterließ die Moderatorin Sonja Zietlow, die im Anschluss vor allem durch ihre Sendungen «Ich bin ein Star, holt mich hier raus!», «Fear Factor», «Teufels Küche», «Star Duell» und «Die Sonja und Dirk Show» bekannt wurde, von denen die meisten ebenfalls eine Einbindung von Telefon- und SMS-Aktionen als Bestandteil hatten. Auch das Thema Rekorde ließ sie nicht mehr los, präsentierte sie im Jahr 2012 doch für RTL II die Reihe «Guiness World Records».

Möge die Show in Frieden ruhen!

Die nächste Ausgabe des Fernsehfriedhofs erscheint am kommenden Donnerstag und widmet sich dann dem ersten interaktiven Spielfilm des deutschen Fernsehens.

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