Die Kritiker

«München Mord: Der Letzte seiner Art»

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Die 1970er Jahre müssen in München eine ganz besondere Zeit gewesen sein. Mit Olympia 72 und dem Endspiel der Fußballweltmeisterschaft 1974 stand die Isar-Metropole zweimal im Fokus der Weltöffentlichkeit. Aber da gab es auch die Musikszene. Es waren Produzenten aus München, die der Disco ihren Rhythmus verpassten. «München Mord: Der Letzte seiner Art» lässt diese Zeit noch einmal aufleben. In Form eines Toten, der offenbar in der Vergangenheit gelebt hat.

Stab

STAB:
REGIE: Jan Fehse
BUCH: Peter Kocyla
KAMERA: Michael Wiesweg
MUSIK: Stephan Massimo
TON: Rainer Plabst, Arkadius Rilka
DARSTELLER: Bernadette Heerwagen, Marcus Mittermeier, Alexander Held, Christoph Süß, Martin Umbach, Edita Malovcic, Alexander Beyer, Jeanette Hain.
Der Mann, der dort auf einem Gehsteig an der S-Bahn tot aufgefunden wird, wirkt aus der Zeit gefallen. Die Brille, der Mantel, die Frisur, das alles passt nicht in unsere Gegenwart und stellt die Kommissare Flierl, Neuhauser und Schaller vor die Frage, was es mit diesem Outfit auf sich haben mag? Der Mann wirkt nicht so, als hätte er sich verkleidet. Er sieht aus, als wäre es 1978 in eine Zeitmaschine ein- und 2021 wieder ausgestiegen. Schaller, der älteste Kommissar des Ermittlertrios, fühlt sich an die Anfänge seiner Polizeikarriere erinnert, als in München noch die Schickeria den Takt vorgab und auch so manche Halbweltgröße in diesen Kreisen ihren Platz fand. So wie Gustav Schmidinger. Der war der Pate von München – und genau diesen Gustav Schmidinger finden die Ermittler auf einem alten Foto in der Wohnung des Ermordeten wieder. Schnell lässt sich ermitteln: der Ermordete war in jungen Jahren so eine Art Laufbursche Schmidingers.

Eine kleine Nummer, sicherlich, aber eine kleine Nummer, die das Vertrauen eines echten Paten genossen hat. Eines Paten, der vor 30 Jahren in die USA ausgewandert und just in diesen Tagen in seine alte Heimat zurückgekehrt ist. Hat der Ermordete in gewisser Weise in der Vergangenheit gelebt, weil er damals, vor 40 Jahren, für einen kurzen Moment im Schatten eines Paten so etwas wie eine gewisse Relevanz in der Unterwelt der Stadt genießen durfte? Und wenn das der Fall ist – war er vielleicht gar nicht das anvisierte Opfer? Der Tote bewegte sich seit einiger Zeit im alten Kiez Schmidingers. Dort gab er sich als Bonvivant, der Obdachlosen auch schon einmal, wenn er es sich erlauben konnte, ein paar Scheine zusteckte. Ist er möglicherweise versehentlich für Schmidinger gehalten worden, der sicher nicht nach München zurückgekehrt ist, um einfach nur seine Rentenansprüche geltend zu machen?

«München Mord» ist für sein eher gemächliches Tempo bekannt. Nur nichts überstürzen, könnte die Devise der Serie lauten. Manchmal aber ist Gemächlichkeit leider auch mit einer gewissen Behäbigkeit gleichzusetzen. So bietet die Story zwar einige Momente für wohl geschriebene Dialoge und situative Komik, die Inszenierung jedoch versucht nicht einmal so etwas wie Spannung aufzubauen. Vielmehr gleicht der Fall der Verfilmung eines Besucherprogramms. Da besuchen die Ermittler den Besitzer einer Wäscherei, der über die Rückkehr des Paten wenig erfreut sein dürfte, da steht der Besuch der Leiterin eines Pflegedienstes an, die offenbar nicht nur Krankenkassenleistungen anbietet und Bedenken gegenüber Schmidingers Rückkehr äußert. Der Betreiber eines Wettbüros ist auf Schmidinger nicht gut zu sprechen, weil er seinen Laden wegen dessen Rückkehr dichtmachen soll. Und auch sein Sohn und seine Ex-Frau geben gar nicht erst vor, für den alten Mann eine Party feiern zu wollen. Das Ensemble von Verdächtigen kann sich also durchaus sehen lassen und nach und nach zeigt sich, dass jede handelnde Person ein stichhaltiges Motiv hätte, Schmidinger aus dem Weg räumen zu wollen. Nur das alles ist so bieder inszeniert, dass es einfach keine Funken fliegen lassen will. So wird immer wieder über die Vergangenheit geredet, über eine Zeit, die es so nicht mehr gibt. Aber was war an dieser Zeit so – anders? So wirklich erklären lässt sich das nicht, da dieses vergangene Gefühl stets behauptet wird, aber nie greifbar wird.

Jedoch hat dieser Film auch ein echtes Highlight zu bieten: Martin Umbach in der Rolle des Paten. Umbach bringt einen solchen Spaß in seine Rolle ein, dass es eine Freude ist, ihm beim Spiel zuschauen zu dürfen. Dabei versucht er nicht einmal, den Paten als einen Don Corleone darzustellen. Vielmehr spielt er einen Mann, der gerne ein Don Corleone wäre, in Wahrheit aber ein ziemlicher schmieriger Schleimbolzen ist. Ja, damals, als er noch jung war, da hatten Ganoven noch Ehre. Doch, doch. So redet er. Aber wenn er so redet, hinterlässt er eine Schleimspur, auf der er im Grunde selbst ausrutschten müsste. Diese Art von Schmierlappigkeit ist - grandios.

Sicher kann auf der Habenseite auch verbucht werden, dass es der Geschichte trotz ihres behäbigen Tempos über lange Strecken tatsächlich gelingt, immer wieder durch unerwartete Wendungen das Interesse an der Story aufrecht zu erhalten. Mörder und Motiv werden tatsächlich erst gegen Ende offenbart, einem Ende, dass überraschenderweise die Grenze zum Melodram überschreitet. «München Mord» bewegt sich im Grunde im Geiste einer Serie wie «Wilsberg» und nicht in den trüben Gewässern eines Dortmunder «Tatort»s. Um so mehr überraschen die dunklen Wolken, die zum Ende hin über der Szenerie auftauchen und eine düstere Auflösung präsentieren, die man im Rahmen dieser Reihe so eigentlich nicht erwartet. Das wird sicher nicht bei allen Fans der Reihe Begeisterung hervorrufen, belegt aber immerhin den Mut der Macher, gewohnte Wege auch einmal zu verlassen und trösten über die Behäbigkeit hinweg, mit der sich die Story lange Zeit mühevoll voranbewegt.

«München Mord» ist am Samstag, 13. Februar 2020 ab 20.15 Uhr im ZDF zu sehen.

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