Die Kritiker

«Sörensen hat Angst»

von

In seinem neuen Film bekommt es Bjarne Mädel mit der Angst zu tun - und gefällt in einer besonders eindrücklichen Figur. Unsere Kritik.

Stab

Darsteller: Bjarne Mädel, Katrin Wichmann, Leo Meier, Anne Ratte-Polle, Matthias Brandt, Claude Heinrich
Drehbuch: Sven Stricker
Regie: Bjarne Mädel
Kamera: Kristian Leschner
Schnitt: Benjamin Ikes
Produzent: Jakob Claussen
Ein Polizist mit einer Angststörung. Klingt komisch, ist aber so – und könnte als Steilvorlage für jede Menge ulkigsten Klamauk dienen. Man stelle sich die Szenen nur einmal vor: Da raubt ein clownesker Tunichtgut mit halbdurchsichtiger Strumpfbinde eine Tankstelle aus, der Angsthasen-Kommissar weilt zufällig auch unter den Kunden, kann aber nichts machen, weil er sich vor lauter Panik fast in die Hosen macht. Oder ein jugendlicher Rabauke schnappt einer tatterigen Oma die Handtasche weg, und statt ihn zu packen, kauert unser Antiheld belämmert in der Ecke, weil ihn wieder die Angstattacke überkommt. Herrlich.

Dass aus diesem Thema nicht so grässliches Fernsehen entstanden ist, wie in den obigen Zeilen beschrieben, dafür garantieren hier die zwei wichtigsten Namen vor und hinter der Kamera: Drehbuchautor Sven Stricker, auf dessen DLF-Hörspielreihe dieser Film basiert, sowie Regisseur und Hauptdarsteller Bjarne Mädel. Denn obwohl sich «Sörensen hat Angst» einer komödiantischen Brechung seines Themas nicht verschließt – und sich dabei nur zu gerne auf das verstockte, freundliche, zurückhaltende, unauffällige Norddeutschland oder Schlachtbetriebe mit dem Namen „Fleischeslust“ einschießt – ist die Hauptfigur des Films ein ernstzunehmender Kommissar, der sich aus dem schnelllebigen und schwerkriminellen Hamburg in die Provinz versetzen lässt, um nicht mehr ständig von seinen Panikattacken heimgesucht zu werden. Blöd, dass just zwei Minuten nach seiner Ankunft auf dem Revier das Telefon klingelt: Der Bürgermeister liegt mit drei Schusswunden an Kopf und Rumpf tot in seinem Stall.

Trotz aller besonderen Vorkommnisse entwirft der Film im Folgenden erstaunlich normale Lebensverhältnisse, die sich vielen der ungeschriebenen Regeln entziehen, mit denen in Film und Fernsehen oft erzählt wird: In immer gut geschriebenen und dabei weitläufig gehaltenen Szenen beschnuppern sich Sörensen (Bjarne Mädel) und seine eingesessenen Kollegen vor Ort (Katrin Wichmann und Leo Meier als Jennifer und Malte) vorsichtig, ehe sie doch rasch vom Beruflichen ins Private kommen. Bei einem gemeinsamen Abendessen in der örtlichen Schenke folgen schließlich die prägnanten Monologe: Sörensen erzählt eindringlich, erschütternd und dabei alltäglich von seiner Erfahrung mit der Angst und dem beschwerlichen Lebensweg, den er aufgrund von ihr hinter sich hat.

Bei dieser Ernsthaftigkeit überrascht es nicht, dass es bald noch düsterer wird: Denn der Mord in dem beschaulichen Dorf, den niemand für möglich gehalten hätte, führt die Polizisten bald in angsteinflößende Hinterhöfe, in denen Matratzen und ein halbes Dutzend Videokameras aufgestellt sind. In den Schubladen finden sich Festplatten, die mit Namen beschriftet sind. Und im Schreibtisch eines Dorfoberlings sind vor Jahren kinderpornographische Bilder gefunden worden. Noch so etwas, was man sich in diesem Ort nicht vorstellen konnte – und wieder eine Situation, bei der es Sörensen unweigerlich mit der Angst zu tun bekommen wird. Toll, wie sehr sich Mädel in seiner Doppelfunktion als Regisseur und Hauptdarsteller, Strickers Drehbuch sowie die Verantwortlichen bei der ARD auf diese Geschichte und ihre zentrale Figur einlassen – und damit einen besonders eindrücklichen Film liefern.

Das Erste strahlt «Sörensen hat Angst» am Mittwoch, den 20. Januar um 20.15 Uhr aus.

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