Die Kritiker

«Barbaren»: Deutsche Heldengeschichte um die Schlacht im Teutoburger Wald

von   |  3 Kommentare

"Varus, Varus, gib mir meine Legionen zurück!" soll Kaiser Augustus geschrien haben, nachdem drei seiner Legionen im Teutoburger Wald vernichtend von den germanischen Stämmen geschlagen wurden.

Mit dem Aufschwung hochwertiger deutscher Produktionen durch die Streaminganbieter, dürfte es nur eine Frage der Zeit gewesen sein, bis man sich nach dem Erfolg von historischen Serien wie «Vikings» oder «Rom» auch der deutschen Histoire und deren Heldengeschichten widmen würde.

Dass sich die Showrunner Jan-Martin Scharf und Arne Nolting als Vorlage für die sagenumwobene Varusschlacht entschieden, ist dabei wenig überraschend. Als eine der ersten großen germanischen Heldengeschichten, dient sie als Archetypus deutscher Heldensagen und kann als Äquivalent zur vielfach verfilmten Schlacht bei den Thermopylen, wo sich die Spartaner unter deren Anführer Leonidas I. der übermächtigen persischen Streitmacht von König Xerxes I. stellten, gesehen werden. Mit dem kleinen, aber wichtigen Unterschied, dass in der Varusschlacht die stark unterzähligen Germanen gewannen und tausende Römer, die Rede ist von einem achtel des römischen Gesamtheeres, in den Tod schickten.

Fraglich ist, weshalb man in der medial im Voraus vielfach propagierten „deutschen Antwort auf Vikings“, statt sich rein auf den historischen Stoff bzw. den der Schlacht titelgebenden Varus (Gaetano Aronica) und dessen Bezwinger Arminius (Laurence Rupp) zu konzentrieren, eine Dreiecksbeziehung rund um Arminius, seine spätere Frau Thusnelda (Jeanne Goursaud) und den Krieger Folkwin (David Schütter) in den Fokus rücken musste. Offensichtlich darf im Jahr 2020 der Topos der „starken Frau“ in Form von Thusnelda auch in «Barbaren» nicht fehlen. Problematisch wird diese Darstellung allerdings immer dann, wenn man ihr, wie im vorliegenden Fall, diese Rolle zu keiner Zeit abnimmt und sie erzwungen statt natürlich wirkt. Im Gegensatz zur Schildmaid Lagertha aus «Vikings», die als taffe Wikingerkriegerin zu jederzeit glaubwürdig und interessant dargestellt wird, scheinen die Autoren mit Thusnelda lediglich ein Häkchen auf der To-do-Liste abhaken zu wollen. Herausgekommen ist dadurch eher ein trotziges Mädchen anstatt einer harten Barbarenkriegerin. Zuschreiben kann man dies den insgesamt teils schwachen Dialogen der Serie, dem etwas hölzernen Schauspiel Goursauds, dass teilweise an Soaps aus dem Vorabendprogramm erinnert, aber auch der historischen Vorlage, die bisher schlicht nicht viel Zeit zur Entfaltung ihrer Person zulässt. Vielleicht wurde auch einfach zu sehr versucht dem im 20. Jahrhundert aus ihrem Namen entstandenen und heute abwertend gebrauchten Begriff „Tussi“ entgegenzuwirken. Geklappt hat das leider nicht sonderlich gut.

Weitaus besser funktioniert die Serie, wenn der Haupthandlung rund um Arminius, dem Sohn des cheruskischen Stammesführers und Ziehsohn Varus‘ gefolgt wird. Nicht nur, weil Laurence Rupp als Arminius sowie Gaetano Aronica als Varus die schauspielerischen Lichtblicke der Serie personifizieren und aus den Skripten das bestmögliche herausholen, sondern auch, weil die historisch überlieferte Geschichte des Arminius, der von seinem Vater Segestes (Bernhard Schütz) als Pfand für den Frieden nach Rom geschickt wurde, dort mit den römischen Sitten und Bräuchen von Varus aufgezogen wurde, um später in der römischen Armee Karriere zu machen und sich letztendlich gegen Rom stellte, einfach einen hervorragenden Erzählstoff bietet.

Überzeugen kann zudem das ordentliche Szenen- und Kostümbild, dass den Zuschauer hervorragend in die Zeit der Römer und Barbaren zurückversetzt. Die Gewaltdarstellung ist äußerst explizit, damit allerdings in diesem Fall auch realistisch. Auch die Idee, die Römer Latein sprechen zu lassen trägt ausgezeichnet zur Immersion bei, selbst wenn diese zumindest für das deutschsprachige Publikum durch das zum Teil sehr aktuell wirkende Hochdeutsch der Germanen wieder etwas aufgehoben wird.

Letztlich ist «Barbaren» eine etwas substanzlose Verfilmung einer der bekanntesten deutschen Heldengeschichten, die trotz einiges Augenrollens zu unterhalten weiß. Wer sich für historische Stoffe interessiert und vom Produktionsniveau kein zweites «Rome» erwartet, kann sich den Sechsteiler ab sofort auf Netflix anschauen.

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Es gibt 3 Kommentare zum Artikel
Torsten.Schaub
25.10.2020 10:20 Uhr 1
Habs schon durch und war nicht so Begeistert. Kann man mal schauen, zum Zeitvertreib, aber der große Wurf war es nicht. Auf keinen Fall ein zweites Rome und auch kein Vikings. Was nervt ist die lateinische Originalsprache der Römer, wo man wohl sehr historisch sein wollte. Aber wer historisch genau sein will, der sollte es dann auch in der Handlung sein. Und dies ist auch nicht mehr zeitgemäß. Wenn ich lesen will, nehme ich mir ein Buch und will keine Untertitel. Ansonsten ist es zwar eine handgemachte Produktion mit ein paar netten Kämpfen, aber alles in allem doch nur mittelmaß. Wer mehr Handlung, Action und Atmosphäre will, greift dann doch eher zu Vikings und Co.
Grungi
15.11.2020 19:33 Uhr 2
Ist Showrunner ein Lehrberuf?
Vittel
16.11.2020 11:45 Uhr 3
Hab es jetzt auch durch und fand es ganz nett, aber der große Wurf ist es in der Tat nicht.

Die lateinische Sprache der Römer fand ich ganz angenehm, ist mal was anderes. So viel Text hatten die Römer ja nicht. Mich hat die deutsche unsynchronisierte Sprache irgendwie aus dem Konzept gebracht. Das war irgendwie zu zeitgenössisch, obwohl zu einem synchronisierten Vikings ja kein Unterschied besteht, die sprechen ja auch modernes Deutsch. Vielleicht merkt man, dass die Synchronisation nur ein Hilfsmittel ist und gar nicht der Originalsprache entsprechen will.



Die Darsteller, insbesondere Jeanne Goursaud/Tussnelda waren mir auch etwas zu zeitgenössisch. Irgendwie ist sie einfach zu attraktiv oder zumindest hat die Maske sie zu attraktiv gestylt. Auch hier wundert mich im Vergleich zu Vikings oder The Last Kingdom, warum ich mich daran störe, denn dort geben sich die Models mit Laufsteg-Makeup ja auch die Klinke in die Hand und dort stört es mich nicht.

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