Interview

Nina Grosse: 'Vielleicht hätte ich die Geschichte auch ohne Iris‘ Berbens Geburtstag aus der Sicht einer Frau erzählt'

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Die «Nicht tot zu kriegen»-Regisseurin erzählt Quotenmeter.de, wie der Iris-Berben-Geburtstagsfilm entstanden ist.

Wenn man jemanden so intensiv kennenlernt, wie wir beide uns während der Arbeit zu «Die Protokollantin», dann ist das natürlich ein ganz anderes Arbeiten, da man sich sehr vertraut und den anderen genau kennt. Das erleichtert viel.
Nina Grosse über die Zusammenarbeit mit Iris Berben
Wie ist es denn für Sie, Ihrem Beruf wieder unter halbwegs normalen Bedingungen nachgehen können? Der Film wurde ja unter Lockdown-Maßnahmen beendet …?
Genau. Wir haben im Januar und Februar gedreht, gerade noch bevor das alles losging und haben den Film im Lockdown fertiggestellt. Und ich bin sehr froh, nun endlich wieder unter Menschen zu sein.

Wie ist das denn, wenn man einen Film im sogenannten Lockdown fertig stellen muss? Haben Sie alleine oder mit Abstand zu ihren Kollegen im Schnitt gesessen? Oder haben Sie im Home Office gearbeitet?
Nein, wir waren schon im Schneideraum, haben aber den notwendigen Abstand eingehalten, Schutzmasken getragen und viel Hände gewaschen. Übers Home Office kann man leider, oder besser Gott sei Dank, nicht schneiden.

Würden Sie sagen, dass das Einfluss auf die Kreativität hatte? Etwa weil man im Schneideraum weniger ins Gespräch kam? Oder war es nur eine kleine Lästigkeit?
Nein, nein. Wenn jetzt während dieser Beschränkungen Dreharbeiten stattfinden, dann ist das sicherlich für alle Beteiligten schwierig. Aber unser Film war ja wie gesagt abgedreht und ich hatte die völlige Freiheit, das fertige Material zu verwalten.

Springen wir passend dazu doch einmal direkt zu den Dreharbeiten Ihres Films. Abseits des offensichtlichen, inhaltlichen Tonfallwechsels zwischen «Die Protokollantin» und «Nicht tot zu kriegen»: Wie war das, jetzt zum zweiten Mal Iris Berben zu inszenieren? Gab es ein anderes Arbeitsverhältnis?
Wenn man jemanden so intensiv kennenlernt, wie wir beide uns während der Arbeit zu «Die Protokollantin», dann ist das natürlich ein ganz anderes Arbeiten, da man sich sehr vertraut und den anderen genau kennt. Das erleichtert viel. Aber «Nicht tot zu kriegen» ist natürlich auch ein ganz anderer Stoff, viel komödiantischer als «Die Protokollantin» und das hat uns beiden sehr viel Spaß gemacht. Wir konnten an unsere bisherige Zusammenarbeit anknüpfen aber trotzdem in eine ganz andere Richtung gehen.

War es vielleicht sogar leichter, den komödiantischen Tonfall erst im zweiten Projekt zu haben?
Ja, es kann gut sein, dass man durch die gemeinsame Zusammenarbeit an etwas Düsterem erst recht die Lust verspürt, in andere Gefilde zu galoppieren.

Sozusagen die Unbeschwertheit als Belohnung.
Also so unbeschwert was es dann ja auch wieder nicht… (lacht)

Natürlich. (schmunzelt) Eine logistische Frage, die sich mir gestellt hat: Gab es vielleicht Filme aus Iris Berbens Schaffen, die Sie gern in «Nicht tot zu kriegen» untergebracht hätten, die Rechte dafür aber nicht bekommen haben?
Ja, das gab es. Ich möchte jetzt keine Namen nennen, aber insbesondere bei einem Film war das schade, bei dem hat es aus lizenzrechtlichen Gründen nicht geklappt. Letztlich hätte ich aber aus Längengründen gar keinen Platz mehr dafür gehabt.

Wie kann ich mir denn den Prozess vorstellen, als Sie sich die entscheidenden Ausschnitte ausgesucht haben?
Es war wirklich eine große Fummelarbeit, denn die Filmausschnitte müssen ja im weitesten Sinn zu der Geschichte von «Nicht tot zu kriegen» passen. Daher fielen z.B. so Sachen wie «Sketch Up» und «Rosa Roth» schon mal raus. Ich habe mir fast alle Filme von Iris angesehen und versucht, ihren filmischen Werdegang von «Supergirl» bis hin zu «Duell in der Nacht» einzufangen. Und das musste wiederum so eingebettet werden,, dass es in die Filmhandlung passt. Das hatte also nichts mit meinem persönlichen Best-Of zu tun, sondern es ging rein darum, welche Szenen sich gut in die Erzählung einfügen.

Es gibt in der Geschichte eben diesen Stalker und der sieht sich, als ihr größter und gefährlichster Fan, immer wieder ihre alten Filme an. Und da er sie dafür hasst, dass sie älter wird und nicht mehr so schön ist, guckt er eben nur Filme, in denen sie eine junge Frau war.
Nina Grosse über «Nicht tot zu kriegen»
Es hätte ja auch sein können, dass Sie da auch nach eigenem Geschmack gegangen sind. So nach dem Motto: "Wenn ich jetzt schon mal die Chance habe, mich an der Vita von Iris Berben zu bedienen, dann will ich auch meine Lieblinge ein wenig stärker pushen".
Nein, es geht ja um Figuren. Es gibt in der Geschichte eben diesen Stalker und der sieht sich, als ihr größter und gefährlichster Fan, immer wieder ihre alten Filme an. Und da er sie dafür hasst, dass sie älter wird und nicht mehr so schön ist, guckt er eben nur Filme, in denen sie eine junge Frau war. Deswegen konnte ich nicht einfach Ausschnitte aus z.B.«Die Protokollantin» einfügen, auch wenn mir das gefallen hätte.

Wo Sie den Roman gerade ansprechen: Im Presseheft steht, dass die Ansage zu «Nicht totzukriegen» quasi war, einen Jubiläumsfilm zu Iris Berben zu inszenieren. Und dann kam plötzlich dieser Roman auf den Tisch. Wie darf ich mir da den Pitch vorstellen? "Hallo! Ich habe da einen Roman über eine Pornodarstellerin, den ich aber ganz anders aufziehen möchte" wird’s ja nicht gewesen sein. (lacht)
Also so habe ich es natürlich nicht gepitcht. Sonst wäre der Stoff wohl kaum angenommen geworden. (lacht) Das Tolle an dem Roman ist, dass es um eine alternde Frau geht, die nicht bereit ist, ihr bisheriges Leben aufzugeben, bloß weil sie älter wird. Im Roman plant die Pornodarstellerin ihr Comeback in Form einer Ausstellung und wehrt sich so gegen das „Unsichtbar-Werden“ älterer Frauen, genauso wie sich die Frau im Film eben wehrt. Das Spiel mit Damals und Jetzt, mit einer glorreichen Vergangenheit und der eher verlustreichen Gegenwart im Alter, all das existiert ja auch im Roman.

Also dachte ich mir: Warum nicht aus der Pornodarstellerin eine Schauspielerin machen und Iris Berben besetzen? Der Stalker wiederum, der in seiner Wohnung sitzt und sich all ihre Filme ansieht, kommt im Roman ja so nicht vor. Es war die zündende Idee, in diesem neuen Erzählstrang die alten Filme von Iris unterzubringen und so ihre Biografie zu illustrieren. Und ich denke, das war der springende Punkt, um das Projekt durchzubekommen.

Es gibt die Anekdote, dass Walt Disney seiner Crew von «Das Dschungelbuch» bat, die Buchvorlage wegzuwerfen, weil sie etwas Eigenes entwickeln sollten. Das ist natürlich ein besonders krasser Ansatz, um einen Roman für die Leinwand zu adaptieren. Das exakte Gegenteil wurde mir neulich zugetragen: Der Autor einer anderen ZDF-Produktion hatte seine Vorlage immer bei sich auf dem Nachttisch hat, um jederzeit nachschauen und sich Gedanken machen zu können. Wo in ihren vier Wänden lag «Ein Schlag ins Gesicht» während des Produktionsprozesses von «Nicht totzukriegen»?
Ich bin da schon eher bei der Wegwerf-Variante. Und ich meine das gar nicht abwertend dem Roman gegenüber. In dem Fall hatte es einfach damit zu tun, dass die Hauptfigur im Buch Robert Fallner ist. Das ist die Rolle, die im Film von Murathan Muslu gespielt wird. Da der Film aber eine Hommage an Iris sein soll, musste die Geschichte aus ihrer Perspektive erzählt werden. Das war der erste wesentliche Unterschied zwischen Buch und Film. Dann ist da natürlich der Switch von der Pornodarstellerin zur alternden Schauspielerin und dann noch die Sache mit dem Stalker, der sich die alten Filme anschaut – ich habe dem Franz [Dobler] viel zugemutet.

Er sagte aber wunderbarerweise, dass ich machen könne, was ich wolle, solange die Seele seines Romans erhalten bleibt. Und er hatte sofort begriffen, dass Roman und Film zwei völlig unterschiedliche Medien sind und dass er sich vom Roman verabschieden muss, wenn daraus ein guter Film werden soll. Dann habe ich ihm kürzlich den Film gezeigt und ein wenig gebibbert, wie er ihn denn nun findet. Und er ist super happy damit. Also ist alles gut ausgegangen.

Ich habe mir einfach die Freiheit genommen, mich soweit von der Vorlage verabschieden zu können, dass ich daraus einen guten Film machen konnte
Nina Grosse
Erinnern Sie sich noch, wann Sie das letzte Mal in den Roman reingeschaut haben?
Ich schaue immer mal wieder in den Roman. Ich habe auch für den Film bestimmte Dialoge 1:1 übernommen und mich von seinen Beschreibungen der Atmosphäre inspirieren lassen. Das Buch liegt auch jetzt immer noch auf meinem Schreibtisch. Aber ich habe mir einfach die Freiheit genommen, mich soweit von der Vorlage verabschieden zu können, dass ich daraus einen guten Film machen konnte. Während des Schreibprozesses habe ich Franz auch immer wieder Drehbuchfassungen geschickt, zu denen er sehr wichtige Bemerkungen gemacht hat. Gerade in Bezug auf Fallner als "seine Hauptfigur" konnte er mir da sehr viele, hilfreiche Tipps geben. Wir haben da sehr konstruktiv zusammengearbeitet.

Durch die verschobene Perspektive – männliche Hauptfigur, weibliche Hauptfigur – lässt mich das zu unserem Interview zu «Die Protokollantin» zurückschauen, in dem wir darüber sprachen, dass es noch immer so wenige weibliche Hauptfiguren gibt. Hier ist der Anlass für den verschobenen Fokus Iris Berbens Geburtstag. Aber hätten Sie diese Fokusverschiebung auch gemacht, wenn es diesen Anlass nicht gegeben hätte?
Als selbst älter werdende Frau empfinde ich die Idee von einem Stalker, der einer alternden Frau sinngemäß sagt: „Du bist alt, bleib lieber zuhause und zieh die Vorhänge zu!“ und die ihm wiederum entgegnet, dass sie gar nicht daran denkt, aufzuhören und sich zurück zu ziehen, natürlich als ein sehr wichtiges Statement für uns Frauen. Insofern: Ja, vielleicht hätte ich es auch ohne Iris‘ Geburtstag aus der Perspektive der Frau erzählt.

Das Casting. Klar: Eine Rolle stand von Anfang an fest. Aber wie war das mit den anderen Figuren? Castet man da danach, wer im Kopf gut zu Iris Berben passen würde? Oder war das ein ganz normaler Castingprozess?
Alle anderen Rollen zu besetzen, ging relativ problemlos und schnell. Die größte Herausforderung war in der Tat Fallner. Er musste deutlich jünger als Iris sein, sich aber von ihr nicht in eine Ecke drängen lassen. Er musste viril sein, trotzdem warm und charmant, so daß man den beiden diesen Flirt und auch die Erotik glaubt. Da habe ich viel gecastet und war nie so richtig zufrieden. Dann hat mir eine Freundin von Murathan erzählt und als er zum Casting kam, war ich wirklich wie vom Blitz getroffen. Das hat einfach wahnsinnig gut funktioniert und alles was Fallner sein sollte, hat Murathan mitgebracht. Man merkt, dass er kein gelernter Schauspieler ist. Er hat eine Authentizität, die man sonst ganz schwer findet. Für mich war das ein Geschenk, ihn gefunden zu haben.

Im Zuge von Iris Berbens Geburtstag kann es natürlich sein, dass jetzt ein paar neue Leute auf ihr Schaffen aufmerksam werden. Hätten Sie da zum Abschluss noch ein paar Nachholtipps für diese – quasi aus erster Hand?
Na, erstmal natürlich die fünf Folgen von «Die Protokollantin» auf 3sat im August! (lacht) Und dann eigentlich die Filme, die auch in «Nicht tot zu kriegen» vorkommen. «Duell in der Nacht» ist ein ganz toller Film mit ihr, «Es kommt der Tag»… Ach ja und «Das Zeugenhaus» von Matti Geschonneck.

Vielen Dank für das Gespräch.

«Nicht tot zu kriegen» ist am 10. August 2020 ab 20.15 Uhr im ZDF zu sehen. In der Mediathek ist der Film bereits abrufbar.

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