Hintergrund

Serientheorie: Das ewige Drama mit den Coming-of-Age-Formaten

von   |  1 Kommentar

Filme und Fernsehserien folgen einem klaren Muster – und das seit Jahrzehnten. Dieses Mal: Die verzweifelte Reise des Erwachsenwerdens.

Coming-of-Age-Stoffe gibt es fast wie Sand am Meer, doch nur wenige schaffen den Sprung von einer guten Starthandlung zu einem inhaltlich überzeugenden Ende. Zahlreiche Genre-Vertreter wie das einst hoffnungsvoll gestartete Pay-TV-Drama «Girls» verschwanden in der Bedeutungslosigkeit, weil sich die Gefühle und Dramen der vier Hauptfiguren stets wiederholten anstatt sich entlang ihres persönlichen Reifeprozesses zu wandeln.

«Gossip Girl» ist ein weiterer populärer Vertreter dieses Genres, der seinerseits von Staffel zu Staffel sein Handlungskonzept so lange auf der Stelle treten ließ, bis das Format inhaltlich wie psychologisch kaum noch Sinn ergab, und am Schluss gar das große erzählerische Versprechen nicht mehr eingelöst werden konnte: Zum Start der Serie hatten die Produzenten Josh Schwartz und Stephanie Savages erklärt, die von Kristin Bell als „Gossip Girl“ gesprochene Erzählerfigur irgendwann auch in der Serie als On-Screen-Charakter auftreten zu lassen. Doch wer tatsächlich bis zum Ende dranblieb, wurde herb enttäuscht.

Einen ähnlichen Weg wählten Bob Levy, Leslie Morgenstein und Marlene King, die die Buchvorlage von «Pretty Little Liars» als Serienstoff umsetzten. Das ursprüngliche Konzept war schon nach rund zwei Staffeln auserzählt, als offenbar wurde, dass die verstorbene Figur Alison DiLaurentis doch noch am Leben war. Statt eines gut genutzten Schlusspunktes folgten fünf weitere Staffeln, die weder auf der thematischen noch auf der Handlungsebene irgendeine neue Betrachtung zutage förderten.

Der große Fehler von Formaten wie «Gossip Girl» und «Pretty Little Liars» ist dabei ähnlich gelagert wie dramaturgische Fehlkonstruktionen der Serienvariante der „großen Reise“: wenn vor dem Start kein festgelegtes Ende steht, sondern von Staffel zu Staffel eine eigentlich inhaltlich am Schlusspunkt angekommene Serie weitererzählt werden soll. Natürlich sind die wirtschaftlichen Anreizstrukturen eindeutig: Kühe, die Milch geben, werden auch auf dem Warner-Bros.-Lot nicht geschlachtet. Doch gutes Fernsehen entsteht so nicht.

Doch wenn die Macher wirklich wissen, was sie mit ihrem Stoff erzählen wollen, entstehen Produktionen, die ganze Generationen prägen: Eine der bis heute gelungensten Coming-of-Age-Serien ist das von Kevin Williamson erdachte «Dawson’s Creek», basierend auf autobiographischen Erfahrungen des Schöpfers. Neben den Geschichten um vier heranwachsende Jugendliche werden auch die Beziehungen mit und unter ihren Eltern erzählt. Der narrative Aufhänger ist aber die Leidenschaft der Hauptfigur Dawson: Schon in der ersten Season probiert er sich als Filmemacher, am Ende der letzten Staffel produziert er für einen Fernsehsender seine eigene Serie namens „The Creek“, bevor er auf sein Idol treffen darf: Steven Spielberg.

Die Jugendserie «O.C., California» verfolgt einen ähnlich stringenten Ansatz: Ryan ist ein kleinkrimineller Jugendlicher aus einem Armenviertel von Los Angeles, den sein engagierter (und wohlhabender) Pflichtverteidiger unter seine Fittiche nimmt und in seine Familie einführt. Trotz erster Anpassungsschwierigkeiten bekommt er in der elitären Umgebung die Bildung, für die sein scharfes Köpfchen immer schon gedacht war – bevor er in der allerletzten Einstellung des Serienfinales den Stab weiterreicht und selbst einem benachteiligten Teenager zur Seite springt, der in die Bredouille geraten ist.

Die Hauptcharaktere dieser Serien lassen sich nicht anhand von Stereotypen definieren. Ryan ist nicht nur der Problemjunge, der abgerutscht ist und von einer reichen Familie aus Newport Beach aufgenommen wurde, sondern fällt gleichsam durch sein soziales Gespür und seinen Gerechtigkeitssinn auf, sobald er Gelegenheit erhält, diese persönlichen Ressourcen auch einzusetzen.

Eine ebenso erfolgreiche Unterkategorie der Coming-of-Age-Serien sind Superheldenformate wie die TheCW-Serie «Smallville», in der Tom Welling den Außerirdischen Clark Kent verkörpert, der seine übernatürlichen Kräfte entdeckt. In zehn Staffeln wird die Geschichte des jungen Clark Kent in der Prä-Superman-Phase seiner Biographie erzählt, ehe er in der letzten Szene sein Superhelden-Kostüm anzieht und davon fliegt. Der Rest ist bekannt.

Hier gibt's alle Teile der Serientheorie!

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Familie Tschiep
12.07.2020 17:00 Uhr 1
Warum keine jüngeren Serien wie Druck, Club der roten Bänder oder Riverdale?

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