First Look

«Tell Me a Story», oder: Wie verkaufe ich ein soapiges Drama?

von

Was die Verantwortlichen als Psychothriller-Serie verkaufen, die klassische Märchen ins Heute holt, ist viel mehr eine solide bis gut aussehende Edel-Soap mit bemühten Storyfäden.

Ausführende Produzenten

  • Gonzalo Cilley
  • Andres Tovar
  • Dana Honor
  • Aaron Kaplan
  • Liz Friedlander
  • Kevin Williamson
Es ist eine warnende Fabel darüber, wie durch Vorabkommunikation gesetzte, falsche Erwartungen für Enttäuschung sorgen können. Oder darüber, wie sehr ein nur spärlichen Einfluss auf die Story ausübendes Gimmick einer Serie zusätzliche Aufmerksamkeit einbringen kann: «Tell Me a Story», die neuste Arbeit des «Scream»-Drehbuchautoren Kevin Williamson, hat einen Vorspann, der in diffusen Wasserfarbentwürfen ikonische Märchenmotive in eine raue, heutige Realität versetzt. Und sämtliche PR-Kommunikation rund um die Serie, die in den USA auf dem Streamingdienst CBS All Access beheimatet ist, stellt das auf einem spanischen Format basierende Serienprojekt auch exakt in diese Richtung:

«Tell Me a Story» versteht sich laut den Serienverantwortlichen als Psychothriller-Serie, die weltberühmte, klassische Märchen in ein raues, verdrehtes modernes Setting versetzt. Die erste Staffel wurde als subversive Geschichte über Liebe, Verlust, Gier, Rache und Mord bezeichnet, die auf "Die drei kleinen Schweinchen", "Rotkäppchen" und "Hänsel und Gretel" basiert. Wer sich deshalb nun eine finstere Variante von «Once Upon a Time» ausmalt, irrt aber. Ja, auf dem Papier ist «Tell Me a Story» eine schwerere Verquickung verschiedener Märchen. Aber eigentlich ist diese Serie viel eher eine Hochglanz-Seifenoper, die sich mit ein bisschen Thrillerästhetik (dunkle Farben, eine durch Häuserschluchten gleitende Kamera, kühle Musik) und ein paar fadenscheinigen Märchenanspielungen einfach nur auffällig vermarktet.

«Tell Me a Story» dreht sich um den Restaurator Jordan (James Wolk), der auf eigene Faust drei Verbrecher jagt. Um einen Vertretungslehrer namens Joshua (Billy Magnussen), der eines Nachts einen One-Night-Stand mit einer jungen Frau namens Kayla (Danielle Campbell) hat – und dann herausfindet, dass sie eine seiner neuen Schülerinnen ist. Darüber hinaus trauert Kayla noch immer um ihre kürzlich verschiedene Mutter – und kommt mit ihrer erst neulich wieder in ihr Leben getretenen Großmutter (Kim Cattrall) kaum klar. Und dann ist da noch die Armeeveteranin Hannah (Dania Ramirez), die sich mit ihrem Vater verkracht, aber aus Not enger mit ihrem Bruder Gabe (Davi Santos) zusammenwächst, als der bei einer intimen Drogenfeier Augenzeuge eines grauenvollen Unfalls wird.

Durch Requisiten sowie Kostüme (da wären etwa Schweine-Halloweenmasken oder ein kaum getragener, roter Mantel) wird diesen Handlungsfäden eine grobe Märchenassoziation verliehen. Doch «Tell Me a Story» könnte genauso gut ohne diese Märchenanleihen ablaufen – es würde weder die Figurenzeichnungen noch die thematischen Dimensionen der Serie verändern.


Sehr frei nach "Des Kaisers neue Kleider" wäre dann aber die blanke Wahrheit unverkennbar. Mit verbotenen Lieben, ausgetretenen Familienkonflikten und einer sehr platten Drogensucht-Storyline ist «Tell Me a Story» einfach nur eine kostspielige Soap – wesentlich durchdachter und geschliffener sind die Dialoge nicht. Das ist ziemlich enttäuschend, hat Kevin Williamson doch bereits mehrmals bewiesen, wie gewitzt zugespitzt seine Dialoge sein können. In der Auftaktfolge verleiht wenigstens noch der Hintergrund dauerpräsenter Nachrichten aus dem heutigen Amerika dem Geschehen eine clevere Textur. Doch das Damoklesschwert realer Begebenheiten aus Trumps Amerika gerät schon in Folge zwei so weit in den Hintergrund, dass die Diskrepanz zwischen den ebenfalls nachlassenden Märchenmotiven und der harschen Wirklichkeit schnell an Reiz verliert.

Was für «Tell Me a Story» spricht, sind Billy Magnussens Performance (er allein scheint den Tonfall zu treffen, den der Vorspann verspricht) und das solide Erzähltempo: Anders als viele, viele weitere exklusiv für Streamingdienste entwickelte Serien ist «Tell Me a Story» weitestgehend frei von Leerlauf und Redundanz. Schade nur, dass dieses Format trotzdem eine platte Fingerübung ist und nicht etwa die Leistung eines Kevin Williamson auf der Höhe seines Könnens.

«Tell Me a Story» ist ab dem 1. Mai 2020 auf TV Now abrufbar.

Kurz-URL: qmde.de/117828
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