Die Kritiker

«Tatort: Die Zeit ist gekommen»

von   |  1 Kommentar

Langsam aber sicher erweist sich Sachsens Hauptstadt Dresden als einer der zuverlässigsten Lieferanten intensiver Krimikost. Das stellt auch der «Tatort: Die Zeit ist gekommen» unter Beweis.

Hinter den Kulissen

  • Regie: Stephan Lacant
  • Drehbuch: Michael Comtesse, Stefanie Veith
  • Cast: Karin Hanczewski, Cornelia Gröschel, Martin Brambach, Max Riemelt, Katia Fellin, Claude Heinrich, Karsten Antonio Mielke
  • Produktion: Tanja Marzen
  • Kamera: Michael Kotschi
  • Musik: Dürbeck & Dohmen
  • Schnitt: Monika Schindler
Das junge Elternpaar Anna (Katia Fellin) und Louis Bürger (Max Riemelt) will sein Leben endlich auf die Reihe bringen – feste Arbeit für beide, keine Partys mehr, keine Drogen und ein schönes Zuhause für ihren 12-jährigen Sohn Tim (Claude Heinrich). Doch als ein Wohnungsnachbar, der Polizist Jan Landrock, vor ihrem Haus erschlagen aufgefunden wird und die Dresdner Kommissarinnen Gorniak (Karin Hanczewski) und Winkler (Cornelia Gröschel) ermitteln, wird der vorbestrafte Louis vorläufig festgenommen. Er kann Anna überreden, ihn aus der Untersuchungshaft zu befreien. Gemeinsam mit Tim, der sich in Obhut des Jugendamtes befindet, wollen sie ins Ausland fliehen und dort ganz von vorn anfangen. Als sie aber Tim im Kinderheim abholen wollen, kommen ihnen die Ermittlerinnen zuvor. Der Fluchtversuch entwickelt sich zur ungeplanten Geiselnahme. Louis und Anna verschanzen sich mit Tim, der Heimleiterin Lehmann (Anita Vulesica) und dem 17-jährigen Nico (Emil Belton) in der Küche des Heims.

Winkler, Gorniak und Kommissariatsleiter Schnabel (Martin Brambach) arbeiten fieberhaft an einer Strategie, um die Situation zu deeskalieren und Louis zur Aufgabe zu bewegen. Doch der fordert, dass der wahre Mörder von Landrock gefasst wird und bleibt zum Äußersten bereit…

Der Dresdner «Tatort» hatte Anlaufschwierigkeiten. Nach sechs Episoden verabschiedete sich aufgrund kreativer Differenzen erst Hauptdarstellerin Alwara Höfels aus der sächsischen Hauptstadt. Kurz nach ihr verließ auch Drehbuchautor Ralf Husmann (bekannt durch «Stromberg») die Arbeit am «Tatort», was im Anbetracht seiner bisherigen Arbeiten, die vorwiegend durch einen besonders trockenen Humor, viele Meta-Spielereien sowie Geschichten am Zahn der Zeit geprägt waren, auch nicht unbedingt verwunderte. Bis zu diesem Zeitpunkt taten sich die Fälle der Dresdner Ermittler nämlich nicht unbedingt durch ihren Humor hervor. Und auch nur bedingt durch Qualität. Doch mit «Déja vu» und «Wer jetzt allein ist» zogen die Höfels-Krimis auf der Zielgeraden noch einmal ordentlich an. Und mit dem Psychothriller-«Tatort» «Das Nest» erhielt ihre Nachfolgerin Cornelia Gröschel («Der Staat gegen Fritz Bauer») in der Rolle der Kommissarin Leonie Winkler einen Einstand nach Maß. Der nunmehr dritte Fall für sie und ihre Kollegen Gorniak und Schnabel ist da eher etwas zum Durchatmen. Doch das hohe Niveau der Dresdner «Tatort»-Episoden kann Regisseur Stephan Lacant («Freier Fall») trotzdem halten, obwohl es ihm das Skript längst nicht einfach macht.

Das Drehbuchautorenduo aus Michael Comtesse (schrieb zuletzt auch das Skript zum «Tatort: Das perfekte Verbrechen») Stefanie Veith («Gleißendes Glück») erzählt einmal mehr keinen geradlinigen Whodunit, sondern eher ein „Whathappens“; Bedeutet in diesem Fall: Auch wenn in einer Rahmenhandlung nach dem Mörder eines Polizisten gesucht wird, konzentriert sich der «Tatort: Die Zeit ist gekommen» vor allem auf die Folgen dieses Verbrechens. Der vermeintliche Täter ist nämlich schnell gefasst, flieht allerdings aus der Untersuchungshaft, weil der vorbestrafte Louis Bürger keine andere Möglichkeit sieht, um dieser Situation zu entkommen. Schließlich sprechen einige Indizien gegen ihn und als Vorbestrafter hat die Polizei sich ihre Beweise ja vermutlich ohnehin schon zurechtgelegt.

Dabei gelingt es den Machern die meiste Zeit über sehr gut, Irritation zu schüren. Wenn der «Tatort: Die Zeit ist gekommen» damit beginnt, dass sich der inhaftierte Louis eine am unteren Ende angespitzte Zahnbürste gewaltsam ins Ohr rammt, dann zeugt diese brutale Geste schon von einer gewissen Unberechenbarkeit. Andererseits mimt «Kopfplatzen»-Akteur Max Riemelt die Verzweiflung ob dieser ausweglosen Situation aber auch jede Sekunde glaubhaft genug, als dass man ihm seine Unschuldsbeteuerung jederzeit abnimmt. Als Zuschauer findet man sich alsbald selbst zwischen den Stühlen wieder: Ist Louis nun ein irrer Verbrecher, der seinen Status durch eine Geiselnahme einfach nur zusätzlich untermauert? Oder passieren all diese Dinge wirklich aus einer absoluten Notsituation heraus und als Zuschauer wird man lediglich Zeuge, wie sich ein in die Enge gedrängter Mensch mit bemerkenswert rabiaten Methoden irgendwie zu verteidigen versucht?

Während die von Louis abgehaltene Geiselnahme in einer Jugendeinrichtung zum erzählerischen Fokus wird, handelt der «Tatort: Die Zeit ist gekommen» die normalerweise im Zentrum stehenden Mordermittlungen eher beiläufig ab. Vielleicht ein wenig zu beiläufig, um am Ende auch jedem kleinen Detail folgen zu können. Viel wichtiger ist allerdings, mit welcher Präzision es Regisseur Stephan Lacant hier gelungen ist, den emotionalen Verwirrtheitszustand seines Protagonisten einzufangen. Schon in seiner vielfach hochgelobten Arthouse-Perle «Freier Fall», zu dem übrigens aktuell ein zweiter Teil in der Mache ist, mimte Max Riemelt einen Mann im Ausnahmezustand; und Lacant wusste, sowohl die kleinen als auch die großen Gesten optimal für sich sprechen zu lassen. Im «Tatort: Die Zeit ist gekommen» sind die Gesten nun noch kleiner, die Aussagekraft hinter ihnen geht allerdings weit über das eines typischen Krimi-Standardrepertoires hinaus.

Vielleicht geht dabei manch einem der Suspense abhanden. Denn gerade die Aufklärung des eigentlichen Falls – bei dem natürlich nicht verraten werden soll, ob Louis nun der Täter oder nicht – gleicht fast einem Understatement. Und auch das Ende enttäuscht, das es eigentlich dafür prädestiniert wäre, offen zu bleiben. Doch trotz alledem erweist sich auch der neunte Dresdner «Tatort» als ganz starker Beitrag an diesem Sonntagabend.

Die ARD zeigt den «Tatort: Die Zeit ist gekommen» am 5. April 2020 um 20:15 Uhr.

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Sentinel2003
04.04.2020 11:16 Uhr 1
Vor allem hat zumindest für mich Cornelia Gröschel da etwas frischen Wind rein gebracht!

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