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Interview

RTL II-Programmdirektor Tom Zwiessler: „Erreichen heute mit Journalismus viel mehr Menschen zwischen 14 und 29 Jahren als früher“

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Was plant RTL II mit Berliner Obdachlosen und einem bisher unter anderem vom ZDF bekannten Moderator? In welcher Form wird sich der Sender im kommenden Jahr wieder ans Casting-Genre wagen. Wie geht es im Feld „Young Fiction“ weiter und wie sehen die «RTL II News» 2019 aus? Wir haben RTL II-Programmdirektor Tom Zwiessler zu einem besonderen Interview getroffen.

Ein sonniger Tag in München-Grünwald. Wir treffen RTL II-Programmdirektor Tom Zwiessler im zweiten Stock der Senderzentrale zu einem besonderen Interview. Zwiessler lacht darüber, dass das Interview in eine Art Spiel integriert ist, weil im deutschen Fernsehen immer weniger gespielt wird und Gameshows ohnehin auf dem Rückzug sind. Vor ihm liegen nun acht beidseitig bedruckte Karten; die jeweiligen Themengebiete für das Interview sind verborgen. Zwiessler überlegt nicht lange und zeigt auf eine mittig liegende Karte.



Herr Zwiessler, sehr schön. Normalerweise würde man dieses Themengebiet irgendwo in der Mitte des Gesprächs platzieren. Wir starten aber mit den «RTL II News», die 2018 für Schlagzeilen gesorgt haben. Ein solches Projekt in Berlin zu beenden ist sicher keine leichte Entscheidung gewesen?
Die «RTL II News» sind für uns eine wichtige Sendung, die wir seit Bestehen kontinuierlich weiterentwickeln. Der Einschnitt, den wir in diesem Jahr vorgenommen hatten, war in der Tat nicht leicht. Das heißt nicht, dass RTL II künftig weniger Journalismus macht. Ganz im Gegenteil, Journalismus und Informationssendungen spielen weiter eine große Rolle bei RTL II. Die News bekommen ein anderes Gewicht und werden ab Januar von infoNetwork, einer der erfahrensten Produktionsfirmen im Bereich der Nachrichtenberichterstattung realisiert.

Wie soll die neue Sendung aussehen?
Die News, die wir jetzt schon um 17 Uhr zeigen, sind das Vorbild für die Sendung, die wir ab Januar 2019 senden.
RTL II-Programmdirektor Tom Zwiessler
Die News, die wir jetzt schon um 17 Uhr zeigen, sind das Vorbild für die Sendung, die wir ab Januar 2019 senden. Inhaltlich wird die Sendung weiter das zeigen, was unsere Zuschauer aus der Welt wissen sollen und wollen. Das sind neben dem Wichtigsten aus Deutschland und der Welt auch Themen aus den Bereichen Gesellschaft, Netzwelt oder Buntes.

Wir sind uns einig: Die Welt wird immer komplexer, die Probleme vielleicht auch größer. Kann man jungen Menschen das alles in sieben bis acht Minuten erklären?
Wenn man genau hinschaut, wird man feststellen, dass der Anteil der harten News, also der Meldungen, die den Tag wirklich einordnen, gleich lang geblieben ist. Im bunten Bereich, bei den VIP-News, haben wir gekürzt.

RTL II war aber immer so stolz, speziell auf die Quoten bei den 14- bis 29-Jährigen. Es gab immer wieder Meldungen auch von RTL II, dass die Sendung bei den Jungen sogar mit der «Tagesschau» mithalten konnte. Das wurde jetzt aufgegeben. Ihrer vorherigen Info entnehme ich, es wäre zu kurz gedacht, zu sagen, dass RTL II weniger junge Menschen mit Info-Programmen versorgt?
Das ist richtig. Wir haben eine Priorisierung vorgenommen und einen Schwerpunkt gelegt bei journalistisch-dokumentarischen Formaten. Die gibt es aktuell und auch zukünftig in deutlich größerer Anzahl. Wir erreichen daher mit Journalismus heute viel mehr Menschen zwischen 14 und 29 Jahren als früher.

Noch sieben Karten liegen vor Tom Zwiessler. Er überlegt etwas länger…



Perfekte Wahl! Wir schließen uns thematisch an und sind jetzt bei den Sozial-Dokus. Eine echte Erfindung von Euch… Menschen, Dokus, ungeschönt und ungefiltert. Hat Sie der Erfolg überrascht? Oder kann man sagen, es ist eine Art «Big Brother» 5.0?
Nein, das kann man nicht sagen. Wir zeigen Menschen in ihrem echten Umfeld. «Hartz und herzlich» war da unser erstes Programm, danach kam «Armes Deutschland». Wir waren selbst überrascht von dem Erfolg, speziell bei den vorhin schon angesprochenen 14- bis 29-Jährigen, wo wir schon mal auf über 20 Prozent kommen. Das Thema wurde im Fernsehen bisher kaum beleuchtet – das mag vielleicht ein Grund für den Erfolg sein. Mittlerweile haben das auch die anderen Sender erkannt. Dabei geben wir uns große Mühe, die Menschen in ihrem Alltag zu zeigen und ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Das heißt: Unsere Teams begleiten sie und leben mit ihnen über eine lange Phase. Wir wollen mit den Reihen jenseits der Klischees unterwegs sein.

Dabei geben wir uns große Mühe, die Menschen in ihrem Alltag zu zeigen und ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Das heißt: Unsere Teams begleiten sie und leben mit ihnen über eine lange Phase. Wir wollen mit den Reihen jenseits der Klischees unterwegs sein.
RTL II-Programmdirektor Tom Zwiessler über den Erfolg der Sozial-Dokus seines Senders
Gemein haben beide Formate jedenfalls den Schlüsselloch-Blick. Die Produktionsteams begleiten die Menschen ja vier, manchmal sechs Monate, kehren später wieder zurück. Was macht das auch mit den Mitarbeitern der Firmen?
Die Macher sind bei Menschen, die zu einem abgekoppelten Fünftel der Gesellschaft gehören. Genau das hat auch zu einer intensiven Debatte bei uns intern geführt: Wie gehen wir mit diesen Themen um? Wir wollen die Menschen und ihre Lebenssituation sehr ernst nehmen. Das bedeutet zum Beispiel, dass wir im Fall der Doku-Reihe über Kinderarmut eine Psychologin involviert haben, die vor, während und vor allem auch nach den Dreharbeiten mit den Kindern in Kontakt steht. Es hat auch dazu geführt, dass wir eine Kooperation mit dem Deutschen Kinderhilfswerk ins Leben gerufen haben. Die Organisation tritt in Kontakt zu den Familien, die in den Sendungen gezeigt werden, leitet Spendenangebote der Zuschauer an die richtigen Stellen und bietet gezielte Hilfe und Förderprogramme für die Kinder an.

Wir glauben, mit dem «Berlin-Projekt» einen weiteren, äußerst interessanten Aspekt sozialer Armut portraitieren zu können.
RTL II-Programmdirektor Tom Zwiessler zu seinem neuen Format «Berlin Projekt»
Was ist für 2019 in diesem Bereich in Planung? Abgesehen von «Hartz und herzlich», das ja immer mal woanders dreht.
Wir haben «Armes Deutschland – Deine Kinder» in eine zweite Staffel geschickt. Die Dreharbeiten hierzu werden etwa ein Jahr dauern. Wir haben aber ein sehr spannendes neues Format in Planung: Es heißt «Das Berlin-Projekt», kommt aus den Niederlanden und wird von Talpa für uns umgesetzt. Darin begleiten wir fünf Obdachlose bei dem Versuch, sich aus ihrer aktuellen Situation wieder heraus zu kämpfen. Wir setzen hier einen Host ein: Tim Niedernolte, der unter anderem die Kindernachrichten «logo!» für das ZDF moderiert hat und der zudem sozial sehr engagiert ist. Er ist ein Jahr lang unterwegs und begleitet die Protagonisten. In den Niederlanden war die Sendung sehr erfolgreich, handelte in der ersten Staffel in Amsterdam, Staffel zwei kam dann aus Rotterdam. Wir glauben, mit dem «Berlin-Projekt» einen weiteren, äußerst interessanten Aspekt sozialer Armut portraitieren zu können.

RTL II hat in diesem Bereich auch ein Format von Spiegel TV getestet; «Hartes Deutschland» mit 12,2 Prozent. Geht’s weiter?
Ja, da machen wir weiter. Das Format ist ein schönes Beispiel dafür, dass Reportagen, die man in der Form vielleicht nicht bei RTL II erwartet, unglaublich erfolgreich sind. Wir arbeiten mit einer Reihe von Produzenten zusammen, die früher auch nicht in unserem Portfolio waren, seien es die genannte Spiegel TV, oder Gruppe5 und B.vision, die vor allem für öffentlich-rechtliche Sender produzieren.

Ebenfalls fortgesetzt wird auch «Abgestempelt» mit Hans Sarpei, das wir am 3. Oktober getestet haben. Das wird als Staffelprogrammierung kommen. Gleiches gilt für das innovative Konzept «Das denkt Deutschland» von der Tele München Gruppe. Das ist eine Genre-Innovation, eine Talkshow „on location“ zu gesellschaftlich relevanten Themen.

Lesen Sie auf der kommenden Seite weiter: Sechs Themengebiete sind noch offen…

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