Die Presse bezeichnet ihn immer noch als „Regie-Wunderkind“ und nach Xavier Dolans spektakulären Dramen «Laurence Anyways», «Sag nicht, wer Du bist» und «Mommy» ist dieser Titel auch kein Wunder. Doch mit «Einfach das Ende der Welt» ist nun erst einmal Schluss mit den Lobeshymnen.
Dass «Einfach das Ende der Welt» ursprünglich auf einem Theaterstück basiert, kann man sich im Anbetracht des fertigen Films richtig gut vorstellen. Xavier Dolan lässt seine Protagonisten eineinhalb Stunden lang und in bester Kammerspielmanier allerhand Dialog von sich geben und lässt dabei eine Situation eskalieren, die allerdings schon vor Einsetzen der eigentlichen Handlung eskaliert ist. Für die Dramaturgie des Films ist das leider ein großes Problem; hinzu kommt, dass sich sämtliche Charaktere in «Einfach das Ende der Welt» darüber definieren, wie hasserfüllt und antipathisch sie dem das Geschehen erst in Gang bringenden Louis gegenüber treten. Dieser kehrt nach Jahren der Abwesenheit zu seiner Familie zurück, die ihm ausgerechnet daraus einen Strick zu drehen versucht, sehr lange nicht bei ihr gewesen zu sein.
Auf der einen Seite sehen wir die Eskalation, auf der anderen Seite den Versuch der Deeskalation. Gleichzeitig sind die Streitgründe zwischen den Geschwistern derart banal (Vincent Cassels Figur etwa ist einfach nur ein durch und durch engstirniger Macho, der bei jeder von seiner abweichenden Meinung konsequent in die Luft geht) und die Figuren besitzen keinerlei Feingefühl dafür, die Argumentationen ihrer Gegenseite verstehen zu wollen, sodass sich «Einfach das Ende der Welt» anfühlt, als sähe man gerade einer Gruppe Kleinkindern dabei zu, wie diese sich einfach nur darin zu übertrumpfen versucht, „mehr Recht“ zu haben, als der andere. Das ist nicht nur ermüdend, sondern dreht sich auch bis zuletzt im Kreis; von der Geschliffenheit der Dialoge sowie der genauen Beobachtungsgabe aus Dolans früheren Werken ist in «Einfach das Ende der Welt» nichts mehr zu sehen. Dass sich das Drama dennoch in einigen (Vor-)Auswahlen internationaler Filmpreise behaupten kann, liegt in erster Linie wohl an den Schauspielern.
Wie schon in Dolans älteren Filmen bleibt sich der kanadische Regisseur auch bei «Einfach das Ende der Welt» in vielen inszenatorischen Details treu, die anders als etwa in «Mommy» allerdings lediglich Selbstzweck zu sein scheinen. So greift er auch diesmal an mehreren Stellen auf bekannte Pop-Stücke zurück, um in Form eines musikalischen Statements die Bedeutung der Szene zu unterstreichen. In der aller letzten Sekunde – der Überblende von Szene zu Abspann – gelingt das auch ganz vortrefflich. Mit Mobys „Natural Blues“ fasst Dolan die fast schon apokalyptische Stimmung dieses Familientreffens hervorragend zusammen und schafft es auch in den fünf symbolträchtigen Minuten zuvor, den schwachen Film auf fulminante Weise zu Ende zu bringen. An anderer Stelle ist von dieser Poesie hingegen nichts zu spüren. Der Einsatz des Sommerhits „Dragostea Din Tei“ kommt aus dem Nichts und wirkt in seiner Aufdringlichkeit fast schon hipsteresk. Abseits der Musikuntermalung fällt vor allem die visuelle Suche nach Nähe zu den Figuren auf. Wann immer es geht, bewegt sich Kameramann André Turpin (drehte auch das Erfolgsvideo zu Adèles „Hello“) so nah wie möglich an seine Figuren heran, sodass in manchen Einstellungen nicht einmal das vollständige Gesicht auf der Leinwand zu sehen ist. Es unterstreicht die klaustrophobische Atmosphäre von «Einfach das Ende der Welt»; aber auch, dass Dolan in dieser Inszenierung wohl mehr sieht, als zu guter Letzt in ihr steckt.

• Assassin’s Creed • Einfach das Ende der Welt • I Killed My Mother • James Bond 007 • James Bond 007: Spectre • Jason Bourne • Laurence Anyways • Mommy • Sag nicht wer Du bist! • Spectre • Yves Saint Laurent
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