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Unter der Lupe: Das Julia-Leischik-Prinzip

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Für die einen ist sie Heulsuse der Nation, für die anderen Bastion der Authentizität im Sektor des Help-TV. Machen wir uns auf die Suche nach der Wahrheit – irgendwo zwischen den Extremen.

Leischik im TV

  • 2007–2011: Vermisst (RTL)
  • 2011: Verzeih mir (RTL)
  • 2011: Vermisst Spezial – Spurlos verschwunden (RTL)
  • 2012: Zeugen gesucht – mit Julia Leischik (Sat.1)
  • seit 2012: Julia Leischik sucht: Bitte melde dich (Sat.1)
  • seit 2016: Verzeih mir (Sat. 1)
  • seit 2016: Ganz in Weiß (Sat.1) als Produzentin
Die kleine Julia wurde im Herbst des Jahres 1970 in Köln geboren. Was klingt wie der Beginn eines wunderbar nervenschonenden Rosamunde-Pilcher-Films über den Aufstieg des kleinen sympathisch-blonden Mädchens zum gefeierten TV-Star ist in Wirklichkeit reale Fernsehgeschichte Deutschlands – und die Geschichte einer Frau, die wie kaum eine andere eine Marktlücke erkannt, gefunden und ausgefüllt hat.

Das öffentliche Phantom


Julia Leischik ist bereits seit 2007 konstant im deutschen Fernsehen zu sehen. Über ihr Privatleben gibt es jedoch gerade so viele Informationen, dass man nicht sofort geneigt ist, einen Josef Matula auf die Lauer zu schicken. Man könnte auch sagen: Sie stellt ihr Ego nicht in den Vordergrund und lässt lieber die Menschen zu Wort kommen, denen sie zu helfen versucht.

Bekannt ist immerhin, dass Leischik verheiratet ist und eine Tochter hat. Ihre eigene Kindheit verbrachte sie im Bayrischen Wald, bevor es sie später wieder nach Köln zog.

Sie hat Abitur, absolvierte ein Praktikum bei der italienischen Vogue und schloss, wo sie schon einmal in Mailand war, ein Studium der Rechtswissenschaften in Kombination mit Italienisch an.

Rund zehn Jahre bevor Julia Leischik das erste Mal vor die Kamera und ins Rampenlicht trat, arbeitete sie zunächst hinter den Kulissen: 1998/1999 war sie bei Voice Germany als Redakteurin im Bereich Talk tätig. Bis 2003 arbeitete sie als Chefredakteurin und Produzentin bei filmpool unter anderem am Aufbau von Doku-Fiction-Formaten und Gerichtssendungen. 2003 erfolgte dann der folgenschwere Wechsel ins Factual Entertainment zu Endemol – und somit auch vor die Kamera, als ihr mitentwickeltes Format «Vermisst» auf Sendung ging.

Durchbruch bei RTL


Und dieses fand dort direkt ein Millionenpublikum und zeigte auch in den Folgejahren keine größeren Abnutzungserscheinungen. 2011 übernahm Leischik zusätzlich die Moderation der Sendung «Verzeih mir», die von 1992 bis 1994 bereits von Ulla Kock am Brink präsentiert worden war, und wartete mit einem Special zu «Vermisst» auf.

2010 stieg sie gar zur Ausführenden Produzentin von «Vermisst» auf, verließ Sender und Produktion aber bereits im Sommer 2011 um sich eine neue Fernsehbleibe zu suchen.

Sat.1 calling


Der Bällchensender rief – und Leischik kam. Dank eines Exklusiv-Vertrages wurde sie eines der Sendergesichter von Sat.1 und präsentierte dort mit «Julia Leischik sucht: Bitte melde dich» ein Format, das Puzzleteile aus «Vermisst» und der aus den Jahren 1992-1998 bekannten Sendung «Bitte melde dich!» mit Jörg Wontorra mischte.

Zudem moderierte sie zwei Ausgaben der Sendung «Zeugen gesucht – mit Julia Leischik», die in Zügen an das ZDF-Schlachtschiff «Aktenzeichen XY» erinnerte. Die Reality-Show «An deiner Seite» musste aufgrund von Zeitmangel eingestampft werden.

Seit 14. Februar ist sie mit der inzwischen vierten Auflage von «Verzeih mir» am Start – zudem paart Sat.1 diese ab heute mit der neuen Sendung «Ganz in Weiß», die von Isabell Varell moderiert, von Julia Leischik jedoch erdacht wurde und produziert wird.

Somit erwartet die Fernsehzuschauer bei den Kollegen von Sat.1 für die nächsten vier Wochen immer sonntags mit «Ganz in Weiß» (17.55 Uhr) und «Verzeih mir» (18.55 Uhr) der ultimative Tränenblock.

Gute Ideen sind rar


Am Erfolg der Julia Leischik besteht besonders in Hinblick auf die Einschaltquoten kein Zweifel – wie sieht es aber aus, wenn man die Formate genauer unter die Lupe nimmt? Eine Bestandsaufnahme.

Steckbrief

Björn Sülter ist bei Quotenmeter seit 2015 zuständig für Rezensionen, Interviews & Schwerpunkte. Zudem lieferte er die Kolumne Sülters Sendepause und schrieb für Die Experten und Der Sportcheck.
Der Autor, Journalist, Podcaster, Moderator und Hörbuchsprecher ist Fachmann in Sachen Star Trek und schreibt seit 25 Jahren über das langlebige Franchise. Für sein Buch Es lebe Star Trek gewann er 2019 den Deutschen Phantastik Preis.
Er ist Headwriter & Experte bei SYFY sowie freier Mitarbeiter bei Serienjunkies, der GEEK! und dem FedCon Insider und Chefredakteur des Printmagazins TV-Klassiker und des Corona Magazine.
Seine Homepage erreicht ihr hier, seine Veröffentlichungen als Autor auf seiner Autorenseite.
Ihre erste mitentwickelte Sendung «Vermisst» griff zwar auf durchaus bekannte Elemente aus Vorgängern wie «Verzeih mir» oder «Bitte melde dich!» zurück, brachte aber ein entscheidendes Element neu ins Spiel: Leischik selber übernahm die aufwändige Arbeit, weltweit mit ihrem Team nach den gesuchten Personen zu suchen. Zugestanden: Auch ein Kai Pflaume war bereits seit 1993 für Sat.1 in «Nur die Liebe zählt» unterwegs gewesen - bei weitem jedoch nicht in einem Aumaße wie Leischik. Zwischen Bamberg und Burkina Faso wirbelt sie seit 2007 quer über den Globus und klingelt nach eigener Aussage persönlich an jeder Tür. Dafür allein gebührt ihr höchster Respekt. Mit «Verzeih mir» übernahm sie später ein etabliertes Format, bevor es sie zu Sat.1 zog.

Dort adaptierte sie ihre eigene Idee von «Vermisst», mischte sie mit dem bereits erwähnten ehemaligen Wontorra-Format und präsentiert seitdem genaugenommen eine (fast) identische Sendung - nur mit anderem Namen. Die Sendung «Zeugen gesucht – mit Julia Leischik» kann man ohne Häme als "Aktenzeichen Leischik" bezeichnen – zu unübersehbar sind die Gemeinsamkeiten. Dass sie auch bei ihrem neuen Sender nun erneut «Verzeih mir» moderiert, ist vermutlich eher Sender- als Leischik-Strategie – auch wenn man die Sinnfrage dieses erneuten Reboots eindeutig stellen muss. «Ganz in Weiß» ist zu guter Letzt ein Format, dass nicht nur Leischiks eigene bisherige Formate durch den Wolf dreht, sondern auch noch eine gehörige Portion «Traumhochzeit» hinzufügt.

Somit muss man klar konstatieren: Julia Leischik hätte in einem anderen Leben vermutlich weder das Rad noch den ersten Benzinmotor gänzlich selber erfunden. Gute Ideen bezüglich Design oder Ausstattung wären aber auch dort definitiv von ihr zu erwarten gewesen. Stattdessen ist es ihr aber gelungen, bestehende Formatideen weiterzudenken, mit Energie und Leben zu füllen und dadurch eine Zugänglichkeit zu erschaffen, die das Publikum fesselt – auch wenn damit im Zweifel kein Innovationspreis zu gewinnen ist.

Von Allüren, Tapsigkeit und Volksnähe


An bahnbrechenden Ideen alleine kann man ihren Erfolg also nicht festmachen. Was also ist dran an dieser Frau, abgesehen von hohem Einsatz und cleveren Kniffen an bekannten Stoffen?

Julia Leischik umschifft viele Probleme des modernen Help-TVs. Sie wirkt nie voyeuristisch, legt den Fokus geschickt auf die Menschen, um die es geht (und weg von sich), zeigt Gefühle und steht dazu und verbreitet durch ihr oft etwas unbeholfenes Vorgehen, primär in fremden Ländern, eher das tapsige Gefühl einer typischen Frau von Nebenan. Auf diese Weise wirkt die sympathische Blondine volksnah und frei von Allüren – eine Seltenheit im Haifischbecken der großen Egos. Ob es sich dabei um eine perfekte Fassade oder um die reale Person handelt, vermag nur sie selber ganz im Geheimen für sich zu beantworten: Aber auch das ist in jedem Fall eine Leistung.

In der Causa Leischik sind am Ende des Tages somit nicht die originellen oder gar kreativen Einfälle ausschlaggebend, sondern der Mensch an sich und die ehrlichen Gefühle, die diese Frau durch ihre Suche, ihre Hilfestellung und ihre Begleitung in schwierigen Zeiten beim Zuschauer weckt.

Auf einem hart umkämpften TV-Markt, der sich immer weiter von der offenbar zu langweiligen Realität entfernt und sein Heil in den Talenten findiger Drehbuchschreiber sucht, wirkt Leischik fast wie ein Fossil aus einer besseren Zeit, als wir das, was wir auf der Mattscheibe sahen, auch wirklich noch glauben durften. Eine ähnliche Nische besetzt aktuell übrigens «Bauer sucht Frau» und gibt uns das wohlige Gefühl, den dort gezeigten Personen gar nicht zuzutrauen, sich zu verstellen. Auch dort ist es nebenbei erwähnt eine sympathische Blondine, die skandalfrei moderiert.

Fazit


Julia Leischik ist und bleibt zu Recht auf der Überholspur. Sie hat bereits früh in ihrer Karriere eigene Stärken und Schwächen erkannt, analysiert, in die öffentliche Version ihrer selbst integriert und sich seitdem auf erstaunliche Weise auch nicht verbiegen lassen. Außerdem punktet sie mit hohem Einsatz, Skandalfreiheit und aufrichtigem Interesse an der Materie und bietet somit eine perfekte Identifikationsfigur im Bereich des Help-TVs. Dafür gebührt ihr höchster Respekt.

Dass sie sich, gerade im Vergleich zu vielen anderen in diesem Sektor, auch noch absolut authentisch und sympathisch gibt, könnte man fast als Kalkül um viele Ecken bezeichnen. Doch traut man einem Menschen wie ihr so etwas zu? Eben.

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