Die Kritiker

«Tatort – LU»

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Eine Affäre zwischen Bösewicht und Ermittlerin wäre eine willkommene Abwechslung im Ludwigshafener «Tatort». Ob man die inhaltliche Dürre bei Kommissarin Odenthal mit Gaststar Jürgen Vogel überwinden kann, verrät unsere Kritik.

Cast & Crew

  • Regie: Jobst Christian Oetzmann
  • Darsteller: Ulrike Folkerts, Andreas Hoppe, Lisa Bitter, Peter Espeloer, Annalena Schmidt, Jürgen Vogel, Christoph Bach, Ingrid van Bergen, Hendrik Heutmann
  • Drehbuch: Dagmar Gabler
  • Kamera: Jürgen Carle
  • Schnitt: Martina Butz-Kofer
  • Szenenbild: Klaus R. Weinrich
Anfang des Jahres haben wir den vorletzten «Tatort» aus Ludwigshafen als „metafiktionales Burnout“ tituliert: als eine Geschichte, die nicht mehr viel zu erzählen hat, nach rund 26 Jahren auf dem Bildschirm. Dass Ermittlerin Lena Odenthal einen Burnout erlitt, schien Symbolcharakter zu haben. Knapp ein Jahr später ist die Krankheit überwunden, allerdings nur bei Odenthal: Auf inhaltlicher Ebene dümpelt die dienstälteste «Tatort»-Reihe weiter im Nirgendwo.

Mittlerweile scheint die storytechnische Neuausrichtung abgeblasen, private Probleme oder Beziehungsgeflechte spielen im aktuellen Fall „LU“ kaum mehr eine Rolle. Damit unterscheidet man sich wieder deutlicher von den (meist besseren) «Tatort»-Reihen wie aus Dortmund, die stärker eine fortlaufende Handlung fokussieren und die Ermittlercharaktere selbst in den Mittelpunkt rücken. Der Ludwigshafener «Tatort» umgeht sein inhaltliches, charakterliches Nullsummenspiel, indem man die Gastrollen in den Mittelpunkt rückt. Stars des Falls sind diesmal Jürgen Vogel und Ingrid van Bergen.

Vogel spielt den früheren Geldeintreiber Ludwig „Lu“ Wolff, Marke typischer Bösewicht, Narben im Gesicht, Muskelshirt, dubiose Freunde. Lu gerät ins Fadenkreuz der Ermittler, als eine Männerleiche gefunden wird, ein Auftragskiller. Der schien – genau wie Lu – verwickelt zu sein in einen alten Mordfall in einem Chemiewerk, vor 15 Jahren, nie aufgeklärt. Odenthal (Ulrike Folkerts) und ihre Kollegen ahnen, dass sie auch den alten Fall neu aufrollen müssen, um den jetzigen Mord lösen zu können. Es existieren Videoaufnahmen aus dem Werk, die zeigen, wie das damalige Opfer über das Gelände humpelte, zusammenbrach. Der Chemiker starb in den Armen seines Kollegen Mark Moss (Christoph Bach), der hat heute Chancen auf den Vorstandsvorsitz der Firma.

Odenthal befragt Moss, und dieser gibt offen Auskunft über den früheren Schulfreund, der „offenbar immer tiefer in diese Drogengeschichte reingeschlittert ist.“ Hat der Chemiker die Pillen, an denen er damals gestorben ist, im Werk selbst hergestellt? Moss streitet das ab: „Ich würde an Ihrer Stelle wahrscheinlich auch Sodom und Gomorra vermuten. Ist aber Rheinland-Pfalz.“ Genau dahin ist Lu Wolff zurückgekommen, nach 15 Jahren Exil in Thailand. Odenthal merkt schnell, dass der ruppige Badboy Lu und der glattgebügelte Anzugträger Moss eine alte Rechnung offen haben. Und dass beide Morde mit den Drogengeschäften zu tun haben, in die die Protagonisten verwickelt zu sein scheinen. Odenthal knöpft sich Lu vor, allein, nachts im Kommissariat. „Mich hat schon lange niemand mehr angefasst“, haucht Lu, und die Ermittlerin scheint ihm nicht abgeneigt.

Es knistert in diesem «Tatort». Und das ist nur eine der mehr oder weniger plumpen Szenen, die uns im aktuellen Fall erwarten. Die erotische Annäherung zwischen Odenthal und Lu wirkt halbgar, man traut sich nicht, die Geschichte konsequent weiterzuverfolgen oder ihr mehr Sendeplatz einzuräumen. So wird viel Zeit verschwendet mit oberflächlichen Verhören und Observationen, die anachronistisch an Szenen aus einem «Tatort» der 90er wirken – zumindest in dieser ausufernden Länge. Dass die jüngere Kollegin Stern (Lisa Bitter) mit einem iPad hantieren darf, ist da fast ein Stilbruch.

Nur langweilig wirkt auch der Zickenkrieg zwischen Odenthal und Stern, die eigentlich das Zeug hätte zu einer interessanten Figur. Leider bekommt sie von den Autoren nicht die Chance dazu, genauso wenig wie Kollege Mario Kopper (Andreas Hoppe), der sich gar nicht mehr in Szene spielen darf. Beide wanken völlig charakterlos durch den Fall und dienen nur als Blaupause für die Ermittlerhüllen, die die Aufklärung in die richtige Richtung lenken dürfen und ein vermeintliches Gegengewicht zu Odenthal bilden. Stattdessen stehlen die Gastrollen die Show: Jürgen Vogel spielt den Badboy so, wie Jürgen Vogel eben einen solchen Charakter spielt – und das solide, im Rahmen der inhaltlichen Möglichkeiten.

Sehenswert ist auch sein Zusammenspiel mit Ingrid van Bergen, die eine Ex-Bordellchefin porträtiert und im Ludwigshafener Untergrund-Netzwerk die Matriarchin mimt. Audiovisuell ist der Fall sehr atmosphärisch aufbereitet: mit bildrauschenden, in Blutrot getauchte Rückblenden, mit verwackelten Nahaufnahmen und einem jazzigen Noir-Soundtrack. Es sind willkommene Abwechslungen zum angestaubten Ermittlerplot, der letztlich auch noch eine vorhersehbare Auflösung bietet. Qualitativ bewegt sich der Ludwigshafener «Tatort» damit kaum vom Fleck.

Das Erste zeigt «Tatort: LU» am Sonntag, 13. Dezember 2015, um 20.15 Uhr.

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