Die Kritiker

Hexenverbrennung? So einfach geht’s nicht

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Der deutsche Historienfilm hat sich bis dato nicht allzu intensiv mit der Hexenverbrennung auseinandergesetzt. Das hat auch gute Gründe, wie der ZDF-Film «Die Seelen im Feuer» beweist.

Cast & Crew

Vor der Kamera:
Mark Waschke («Schilf») als Cornelius Weinmann, Silke Bodenbender («Silberhochzeit») als Johanna Wolff, Paulus Manker als Fürstbischof Fuchs von Dornheim, Alexander Held («Stralsund») als Weihbischof Friedrich Förner, Maximilian von Pufendorf («Auf Herz und Nieren») als Hans Schramm, Axel Milberg («Tatort – Borowski») als Hexenkommissar Herrenberger, Richy Müller («Tatort – Lannert und Bootz») als Bürgermeister Johannes Junius, Michael A. Grimm («In aller Stille») als Pater Kircher


Hinter den Kulissen:
Regie: Urs Egger, Buch: Annette Hess und Stefan Kolditz, nach dem gleichnamigen Roman von Sabine Weigand, Musik: Marius Ruhland, Kamera: Holly Fink, Schnitt: Britta Nahler, Produktion: Film-Line Productions und Eclypse Filmpartner

Im Kern gibt es zwei große Themen, mit denen sich historische Stoffe der hiesigen Filmlandschaft auseinandersetzen: Neben der NS-Zeit versuchen Filmemacher in der Bundesrepublik auch häufig, die DDR-Vergangenheit aufzuarbeiten. Blickt man weiter zurück, dann wird es schon dünner. Eine Reihe von Mittelalterverfilmungen aus Deutschland gibt es aber zumindest. Wenn sich dann, zum Beispiel mit der «Wanderhure», Produktionen finden, die ungefähr in der Zeit der Hexenverbrennung anzusiedeln wären, so darf deren Authentizität jedoch mindestens angezweifelt werden. Warum sollte man sich also nicht einmal an einem im Mittelalter angesiedelten Stoff versuchen, der sich mit Hexenverbrennung auseinandersetzt, dachten sich da wohl die Verantwortlichen beim ZDF und ließen «Die Seelen im Feuer» herstellen. Immerhin einen Fallschirm hatte man dafür: Die Story beruht auf der gleichnamigen Romanvorlage von Sabine Weigand. Doch der Fallschirm öffnet nicht vollständig.

Ein zentrales Problem hat die Story nämlich gleich zum Auftakt: Sie irrt ziellos umher. Gezeigt wird zunächst der Wiener Arzt Cornelius Weinmann (Mark Waschke), der in seine Heimat Bamberg zurückkehrt, weil sein Vater im Sterben liegt. Dass der alte Herr ablebt, spielt aber eigentlich keine wirkliche Rolle. Aber nun gut, die Autoren brauchen ja einen Vorwand um den Großstädter in die Provinz zu locken. Weil der Fürstbischof merkt, dass der Doc etwas drauf hat, setzt er alles daran, ihn dort auch zu halten. Natürlich fühlt sich der Stadtmensch auf dem rückständigen Land mehr als unwohl. Ein wahnsinnig innovatives Motiv, auf dem nur gefühlte 6000 Heimatserien und -filme basieren. In welcher Epoche diese nun angesiedelt sind, spielt dabei nicht wirklich eine Rolle.

Weinmann jedenfalls wird zum Bleiben gezwungen. Und dann beginnt der Hexentanz: Der Arzt soll verdächtige Frauen auf Muttermale untersuchen, welche sie nach Meinung der Machthaber als Hexen identifizieren. In der Folgezeit geschieht viel, aber wenig passiert. So brisant wie die Story gerne wäre, ist sie bei weitem nicht. Irgendwie wird der Zuschauer das Gefühl nicht los, dass unmotiviert Hexen gesucht und verurteilt werden. Dabei lassen sich die Taten der Verantwortlichen zwar ohne Frage kaum rechtfertigen, dass sie aber so leidenschaftslos gehandelt haben, das erscheint kaum glaubhaft. Mit einem wenig intensiveren Enthusiasmus wird die außerdem stattfindende Hungersnot in die Geschichte eingepflegt. An dieser Stelle gingen die Autoren eher nach dem Motto vor: Muss halt sein, gehört ja irgendwie dazu, wird aber ohnehin schnell wieder vergessen.

Immerhin, so muss es fast formuliert werden, sieht die Produktion ansprechend aus. Die mittelalterliche Kulisse wirkt über weite Strecken glaubhaft. Ein wenig anders ist die Lage, wenn man die Authentizität in anderen Aspekten begutachtet: Das fängt beim Dialekt an, der nur an wenigen Stellen zu erahnen ist. Dass auch nur so ähnlich um das Jahr 1630 in Bamberg gesprochen wurde, scheint mehr als zweifelhaft. Der über weite Stellen absurd gewählte Score hilft in diesem Fall nicht wirklich weiter. Die Kombination all dieser Faktoren macht es den Schauspielern nicht besonders leicht, ihre Arbeit abzuliefern. Das prominent gewählte Ensemble macht seine Sache dennoch weitgehend gut. Gerade die drei bekannten männlichen Cast-Mitglieder Mark Waschke, Alexander Held und Axel Milberg scheinen ihre Figuren verstanden zu haben und zeigen den moralisch-narzisstischen Arzt, den ambivalenten Weihbischof oder aber den investigativen Kommissar zumindest so gut, wie man es sich vorstellen kann. Allein, es hilft nicht mehr besonders viel.

Symptomatisch für die Probleme des Films ist sogleich eine der ersten Szenen der Produktion. Hauptfigur Cornelius Weinmann kommt auf einem Pferd angeritten und sitzt auch was sein Verhalten anbelangt auf einem hohen Ross. Passender könnte die Analogie hier kaum sein, denn von diesem Ross kommt der Protagonist über die vollen 109 Minuten nicht runter. Als einsamer Kämpfer für die Gerechtigkeit wird die Figur charakterisiert und ist damit vor allem eins: langweilig.

Doch damit ist leider nicht genug des Schlechten: Denn natürlich gibt es auch noch einen weiblichen Love Interest für den Protagonisten – wie sollte es auch anders sein. Um die Spannung für die ersten 400 Sekunden des Films aufrecht zu erhalten, wird an dieser Stelle darauf verzichtet den Namen der Figur oder der Darstellerin zu nennen, in die sich Cornelius Weinmann verliebt. Nachdem dieses künstlich erzeugte Hindernis aber schließlich überwunden ist, weiß der Film in den folgenden 103 Minuten zielsicher jegliche Spannung zu umschiffen.

Anders als zwischendurch passt die gewählte Musik gen Ende dann doch einigermaßen gut, inhaltlich bleibt das meiste aber genauso ein Humbug, wie es die Hexenverbrennung selbst war. Ein wenig erträglicher wird das Geschehen eventuell, so sich der Zuschauer immer wieder klar macht, dass der Kern der Geschichte der Realität entspricht. Die Lovestory allerdings rechtfertigt das nicht und echtes Heilmittel ist dieser Fakt ebenso wenig.

Man mag der Meinung sein, dass nicht jede der Realität nachempfundene Erzählung eine besondere Spannung oder Relevanz besitzen muss. Das ist wohl korrekt, aber dann muss doch die Frage erlaubt sein, warum eine Verfilmung dieser Geschichte denn überhaupt nötig ist. «Die Seelen im Feuer» liefert darauf keine zufriedenstellende Antwort. Die schauspielerischen Leistungen, die auf den Schirm gebracht werden, sind zwar überwiegend gut, dafür stimmt ansonsten recht wenig. Etwas wirklich Besonderes zu kreieren, lässt der Stoff zugegebenermaßen sowieso nicht zu, aber auch die „normale“ Maschinerie läuft schlicht und ergreifend nicht rund. Alleine deshalb wohl, wird sich im deutschen Spielfilm kaum mit Hexenverbrennung auseinandergesetzt. So einfach geht es eben nicht.

«Die Seelen im Feuer» ist am Montag, 2. März um 20.15 Uhr im ZDF zu sehen.

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