Die Kino-Kritiker

«Schoßgebete»

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Mit dem «Feuchtgebiete»-Nachfolger «Schoßgebete» verarbeitete Moderatorin und Schriftstellerin Charlotte Roche ein Trauma der Vergangenheit. Wie gelingt Erfolgsregisseur Sönke Wortmann die Verfilmung des umstrittenen Bestsellers?

Filmfacts «Schoßgebete»

  • Kinostart: 18. September 2014
  • Genre: Drama/Komödie
  • FSK: 16
  • Laufzeit: 93 Min.
  • Kamera: Maher Maleh
  • Musik: Martin Todsharow
  • Buch: Oliver Berben
  • Regie: Sönke Wortmann
  • Darsteller: Lavinia Wilson, Jürgen Vogel, Juliane Köhler, Isabelle Redfern, Roland Wolf, Jan-David Bürger
  • OT: Schoßgebete (D 2014)
Dass Charlotte Roche mit ihrem Debüt-Roman «Feuchtgebiete» 2011 für solch eine Furore sorgte, dass das Thema der sexuellen Freizügigkeit über mehrere Wochen sämtliche Schlagzeilen und Talkshows dominierte, gehört mittlerweile fast zur Allgemeinbildung. Im Schatten des Schmuddelimages ihres ersten Bestsellers erschien mit «Schoßgebete» knapp zwei Jahre später ein auf den ersten Blick ähnlich gelagerter Ausflug in die Untiefen der weiblichen Intimhygiene. Dass Roches schriftstellerischen Ergüsse bis auf eine visuell ähnliche Aufmachung des Buchcovers kaum etwas gemeinsam haben, wird in den Inszenierung beider Leinwandadaptionen umso deutlicher. Mit seiner knallig bildstarken Popverfilmung von „Feuchtgebiete“ schlugen «Kriegerin»-Regisseur David Wnendt sowie seine Hauptdarstellerin Carla Juri («Finsterworld») mit ganzer Kraft in die tiefe Skandalkerbe der umstrittenen Romanvorlage; ein erigiertes Penisballett in Großaufnahme inklusive. Sönke Wortmann, der geschichtsträchtiges Emotionskino der Marke «Das Wunder von Bern» ebenso stilsicher inszeniert wie schlüpfrige Komödien à la «Der bewegte Mann», legt Roches Erotikdrama «Schoßgebete» weniger skandalös kalkuliert an, sondern erzählt zumeist recht konventionell von der tragikomischen Lebens- und Leidensgeschichte einer Durchschnittsfrau, deren Leben durch einen Unfall vollkommen aus den Fugen gerät.

Elizabeth Kiehl (Lavinia Wilson) hat mehr Spleens als andere Frauen Schuhe. Seit einem schweren Unfall in der Familie liegt die junge Frau immer auf der Lauer, ist immer kontrolliert, immer aufs Schlimmste gefasst. Elizabeths Rachegedanken, Verfolgungswahn, Schuldgefühle, ihre Angst vor Fahrstühlen, Zügen oder dem Einsturz ihres Hauses sind Themen der Sitzungen bei Frau Drescher (Juliane Köhler) – und natürlich der Sex mit ihrem Mann Georg (Jürgen Vogel). Therapie gehört genauso zu ihrem Alltag wie Kindererziehung, Biokost und gemeinsame Bordellbesuche mit Georg. Ihr entschlossener Spagat zwischen all den verschiedenen Ansprüchen ist nicht leicht, aber zum Glück ist Elizabeth mit reichlich Witz und einer großen Portion Selbstironie gesegnet…

Wenngleich auch «Schoßgebete» mit dem Thema Sex nicht gerade zugeknöpft umgeht, legt es Sönke Wortmann zu keinem Zeitpunkt darauf an, das Publikum mit unverblümten Bettsportpraktiken zu schockieren. Zwar kann auch dieser Film mit einer ausgedehnten Nacktszene aufwarten, die in ihrer Ästhetik niemals auch nur annähernd mit Pornographie gleichzusetzen ist; gleichzeitig verkommt der Sex dabei nicht zum Selbstzweck, sondern ist Bestandteil einer emotionalen Lösungsphase seitens der Protagonistin und somit ein wichtiger Faktor der Erzählung. Bis «Schoßgebete» in diesen beeindruckenden Schlussakt mündet, wird das Publikum allerdings Zeuge einer weniger offensiv in Szene gesetzten Geschichte, die sich mehr mit dem Innenleben der Hauptfigur auseinandersetzt, als sich auf ihr Äußeres zu konzentrieren. Trauer, Verzweiflung, Lust und Frust: Die trotz internationaler Filmengagements hierzulande wenig bekannte Lavinia Wilson («Allein») verkörpert die ambivalent auftretende Protagonistin Elizabeth furios und erweist sich damit als größter Pluspunkt von «Schoßgebete». Denn während es der Aktrice gekonnt gelingt, die vielen Ansätze ihrer Figur in sich zu vereinen, schafft Wortmann dieses Kunststück nicht immer. Doch auch wenn der Regisseur in seinem Gewirr aus (zu) vielen verschiedenen Handlungssträngen ab und an den Überblick verliert, imponiert sein Werk vor allem aufgrund der unaufgeregt bodenständigen Lebensumstände, in welchen sich die Ereignisse abspielen.

Die von Charlotte Roche stark biographisch geprägte Geschichte über eine Frau, die bei einem Autounfall große Teile ihrer engen Verwandtschaft verliert und anschließend von der Presse tyrannisiert wird, erzählt der Drehbuchautor und Produzent Oliver Berben («Irre sind männlich») aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Zu festen Dreh- und Angelpunkten werden dabei bevorzugt Elizabeths wöchentliche Therapie-Sitzungen bei einer Psychotherapeutin, sowie wiederkehrende Rückblenden auf die tragischen Ereignisse. Im filmischen Hier und Jetzt beschäftigt sich Berben bevorzugt mit zwei Handlungselementen: Zum einen leidet Elizabeths Familie unter Wurmbefall, zum anderen betont die Protagonistin immer wieder den Stellenwert des ehelichen Beischlafs zwischen ihr und Georg (gewohnt stark: Jürgen Vogel). Nicht aufgrund etwaiger Ekelszenen, sondern schlicht aufgrund inhaltlicher Belanglosigkeit ließe sich der Subplot bezüglich der innerfamiliären Verwurmung mühelos wegkürzen, um die Story um einiges dynamischer zu gestalten. Zwar führt sie inhaltlich ins Leere, doch immerhin bleiben dem Publikum Szenen der Marke «Feuchtgebiete» erspart. Für den Erzählfluss relevant erweisen sich hingegen die anderen Handlungsstränge. Dabei entpuppen sich gerade die Rückblenden auf den Unfall – auch visuell – als besonders stark; legen sie doch nach und nach die Hintergründe für Elizabeths Neurosen und Ängste offen. Besonders intensiv geraten hier vor allem die ruhigen Momente, in welchen mit viel Fingerspitzengefühl das leise Auseinanderbrechen einer aufkeimenden Lebenspartnerschaft dargestellt wird. Die ansonsten recht unauffälligen Kameraaufnahmen von Maher Maleh («Das Hochzeitsvideo») werden in den Szenen zu fast vollständig von Farbe und Kontrast befreiten Bildern, welche die Tristesse der Ereignisse gekonnt unterstreichen.

Als komplettes Gegenteil kommen nach und nach die innerfamiliären Spannungen zwischen Elizabeth und ihrem Mann zum Vorschein. Lichtdurchflutete Szenen in einem Bordell setzen ebenso erotisch wie ästhetisch nackte Körper in Szene und schaffen ein beeindruckendes Kontrastprogramm zur kargen Gefühlswelt seitens Elizabeth. Die Momente innerhalb der Therapie-Praxis fungieren schließlich als alles umspannende Klammer, in welchen die Hauptfigur das Geschehen resümiert. Dabei schafft es Sönke Wortmann nicht immer, für die ausreichende Balance zu sorgen. Tragik und Komik brechen einander harsch und sorgen mehrmals für krasse Tonfallwechsel, die manchmal mit Nachdruck das vorher Gesehene unterstreichen, ein anderes Mal jedoch derart auf die dramaturgische Bremse drücken, dass jedwede Emotion im Keim erstickt wird. Ein Glück, dass Regisseur und Film auf ein beeindruckendes Ensemble bauen können, bei dem selbst die Jüngste im Team schauspielerisch starke Akzente setzt.

Fazit: Trotz der vermutlich auf der sexuell manchmal fragwürdigen Moral basierenden FSK-16-Freigabe ist «Schoßgebete» ein konventionelles, deutsches Kinodrama. Dank toller Darsteller und einer interessant verschachtelten Erzählweise kann Sönke Wortmann mit seiner 21. Regiearbeit ein Ausrufezeichen hinter sein Können als Geschichtenerzähler mit Substanz setzen. Da glaubt man kaum, dass sein Film innerhalb eines einzigen Monats entstanden ist.

«Schoßgebete» ist ab dem 18. September in den deutschen Kinos zu sehen.

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