360 Grad

Simply the Best

von

Julian Miller stellt in einem ersten Upfronts-Fazit die aus seiner Sicht vielversprechendsten neuen Formate vor, die ab der nächsten Season bei den Networks laufen werden.

American Crime (ABC)


Ein amerikanischer Kriegsveteran wird brutal ermordet, seine Frau bestialisch vergewaltigt und schwer verletzt. Der Fall schlägt hohe Wellen; in erster Linie, weil quer über ethnische Grenzen gemordet wurde: Die Opfer und ihre Familien sind Weiße, die mutmaßlichen Täter Hispanics. Hispanics, therefore illegal, schlussfolgert die verwaiste Mutter (auf den ersten Blick großartig gespielt von Felicity Huffman) im zugespitzten Trailer des Piloten. Dass die Serie von John Ridley, dem Autor von «12 Years a Slave», verantwortet wird, lässt die Hoffnung berechtigt erscheinen, dass dieser Stoff sowohl mit der notwendigen intellektuellen Schärfe als auch einem hohen Maß an emotionalem Feingefühl erzählt werden wird. Der Trailer verspricht bereits sehr intensive Momente:



Gotham (FOX)


Es gab ein Gotham vor Batman. Vor Poison Ivy. Vor dem Joker. Vor dem Riddler. Vor Catwoman. Das Gotham, in dem Commissioner Gordon gerade ein frisch gebackener Detective im Morddezernat der örtlichen Polizei ist. Ein Gotham, in dem vor kurzem Bruce Waynes Eltern ermordet worden sind. Ein Gotham, das in Mord, Totschlag und Korruption erstickt. Ein Gotham, das einen großen Schatz an erzählenswerten Geschichten in sich trägt.

Der von FOX bereits veröffentlichte Trailer macht schon einmal klar: Dieses Gotham sieht großartig aus, ist optisch für Network-Verhältnisse geradezu eine noire Wohltat. Wenn es nun noch gelingt, die narrative Dichte und Cleverness von Christopher Nolans Batman-Trilogie auch nur halbwegs in «Gotham» rüberzuretten, könnte das eine der stärksten neuen Serien der kommenden Saison werden.



Hieroglyph (FOX)


Historische Stoffe liegen im Trend. «Mad Men» zeigt das verraucht-versoffene Leben im New York der 1960er Jahre, «Boardwalk Empire» einen Mikrokosmos von Korruption und organisierter Kriminalität im New Jersey der frühen 1920er. Mit «Hieroglyph» will FOX nun gleich ganz weit zurück: bis zu den Pharaonen. Warum diese Epoche für den Sender so faszinierend ist, konnte Unterhaltungschef Kevin Reilly recht schlagfertig begründen: „Wir wollten eine Serie über Betrug, Sex, Intrigen am Hof und mystisches Zeug machen – das kann man nirgendwo besser verorten als im alten Ägypten.“

Der Trailer beweist: Optisch geht man in die Vollen, für die epochalen Sets scheint man keine Kosten und Mühen gescheut zu haben. Auch all die antiken Derbheiten, die allzu viele Geschichtsbücher gerne ausklammern, scheinen, so gut es unter der Fuchtel der FCC eben geht, ihren Platz in diesem Format gefunden zu haben, wobei man aber sicherlich keine «Rome»-ähnlichen Orgien erwarten darf. Dennoch: «Hieroglyph» hat das Potential zu einem starken historischen Format – natürlich aber nur, sofern man nicht den Fehler gemacht hat, das alte Ägypten zur Kulisse von allerhand banalem Herumgesoape zu machen.



How to get away with Murder (ABC)


Professor Annalise Keating unterrichtet einen etwas eigenwilligen Strafrechtskurs: „Wie man mit einem Mord davonkommt“, lautet der Titel der Veranstaltung. Der Kurs ist gleichzeitig ein Bewebungsverfahren. Von den mehreren Dutzend Teilnehmern wird sie vier aussuchen, denen sie einen hoch bezahlten und spannenden Job bei ihr geben wird. Dafür müssen sie in einem Mordfall die perfekte Verteidigung finden, um den Angeklagten von der Jury freigesprochen zu bekommen. Unlautere Methoden, die sich haarscharf an der Grenze zum Illegalen oder – sofern das niemand mitbekommt – auch glasklar darüber befinden, sind ausdrücklich gewünscht.

Es ist also mal ein anderer Blick auf das Justizsystem, den «How to get away with Murder» anzubieten hat, abseits von Serien um exzentrische Anwälte, die mit allerhand kuriosen Fällen zu tun haben («Boston Legal», «Ally McBeal»), oder dem altbackenen Procedural-Muster des «Law and Order»-Franchises. Wie plausibel sich Plots und Figurenkonstellationen entwickeln werden, ist freilich noch abzusehen. Da mit Shonda Rhimes eine Executive Producerin im Hintergrund steht, der das Abdriften ins Absurde zumindest nicht völlig fremd ist («Scandal»!), könnte das der alles Entscheidende Knackpunkt sein.



Wayward Pines (FOX)


Dass David Lynchs «Twin Peaks» in den über zwanzig Jahren seit seiner Premiere nie einen Trittbrettfahrer gefunden hat, ist durchaus bemerkenswert. «Wayward Pines» erinnert gleich in mehrfacher Hinsicht an den Serienklassiker der frühen 90er. Die (zumindest bei oberflächlicher Betrachtung) vollkommen lächerlichen Figuren. Die Atmosphäre der konstanten Bedrohung, die auch in den sonderbarsten Momenten mit den sonderbarsten Charakteren nichts von ihrer Bedrohlichkeit einbüßt. Die raue Herbstlandschaft des Nordwestens der USA, die für Psycho-Thriller prädestiniert ist, aber nur vergleichsweise selten für solche herhalten darf.

«Wayward Pines» wandelt recht offensichtlich auf «Twin Peaks»-Spuren: Ein Special Agent des Secret Service strandet nach einem schwerer Verkehrsunfall in der Kleinstadt im ländlichen Idaho, wo die Holzhäuser klein und bunt sind, die Menschen sich generell sonderbar benehmen – und das man nicht mehr verlassen zu können scheint, wenn man einmal dort ist. Trotz der zahlreichen Parallelen zu «Twin Peaks» könnte die Serie aber durchaus ein konzeptuelles Eigenleben entwickeln - auch dank der erstklassigen Schauspielerriege, die den bereits veröffentlichten Trailer zu einem der gelungensten der Upfronts machte.


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