Hingeschaut

«Neo Magazin»: Böhmi macht's jetzt für die Hälfte

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Gerade einmal eine halbe Stunde Sendezeit spendiert Nischensender ZDFneo für Böhmermanns neues Format. Äußerst bedauerlich, denn somit konnte es zum Auftakt bei weitem nicht sein gesamtes Potenzial entfalten.

Gut ein Jahr ist es nun her, dass die letzte Ausgabe des wohl größten Szene-Hits von ZDFkultur letztmals ausgestrahlt wurde: «Roche & Böhmermann». Doch gerade letzterer hat seine Popularität durch die Sendung derart steigern können, dass er inzwischen auf eine beachtliche Fanschar von jungen, überwiegend hoch gebildeten und vor allem medieninteressierten Menschen verweisen kann. Genau an diese Zielgruppe richtet sich auch «Neo Magazin», wie die Macher gleich bei der Auftaktfolge unmissverständlich klarstellen. Doch nach der Auftaktfolge bleibt es zunächst bei einem zwiespältigen Eindruck: Die Sendung hat Profil, Mut und einen großen Unterhaltungswert - doch in vielerlei Hinsicht gibt es auch noch Luft nach oben.

Dabei beginnt die Show mit einem wahren Paukenschlag: Der Moderator sitzt zu nächtlicher Stunde frustriert in einem Wagen, singt in melancholischer Stimmung über sich selbst, den vermeintlich gefallenen Entertainer, der mit seinem Moderationspartner auch das Mittel zum TV-Ruhm verloren hat. Dieser mit etwa fünf Minuten Laufzeit erstaunlich lange Opener spielt beinahe auf alles und jeden in irgendeiner Form an, das auch nur ansatzweise von Relevanz ist im Haifischbecken Showgeschäft. Eine erwartungsgemäß gewichtige Rolle nimmt hierbei das Ende von «Roche & Böhmermann» ein, doch auch zahlreiche weitere Anspielungen sind mehr oder minder deutlich zu vernehmen. Und nachdem Markus Lanz in der Rolle des TV-Gottes seinem Schützling Mut zuspricht, wechselt die Stimmung und Stilistik des Songs abrupt in einen flotten Gute-Laune-Mix, der sich dann gar musikalischen Meilensteinen wie Bohemian Rhapsody annimmt. Doch auch wenn in jeder Sekunde der ironische Unterton vernehmbar und klar herauszuhören ist, dass sich Böhmermann ebenso wenig ernst nimmt wie die Gaststars Lanz, Olli Schulz oder Domian: Die Produktion dieses Clips ist überaus beachtlich - und sogar durchaus musikalisch.

An dieses Niveau kommen die anschließenden 25 Minuten allerdings dann nur noch selten heran. Insbesondere der Versuch des Moderators, Late-Night-typisch zu Beginn aktuelle Themen aus Politik und Gesellschaft aufzubereiten, misslingt zu großen Teilen. Die leider hörbar einstudierten Gags zünden zum Großteil nicht, der den eigenen Bewegungsradius klar einschränkenden Schreibtisch hat eher eine hemmende Wirkung, Böhmermann wirkt leicht fahrig, ja fast so, als fühle er sich ausnahmsweise einmal wirklich unwohl in seiner Haut. Immerhin beweist er ausreichendes Reflexionsvermögen, um die Schwäche der eigenen Performance zu bemerken und durch geschickte Interaktion mit dem Studio-Publikum die Atmosphäre aufzulockern, bevor sie in peinlicher Stille gipfeln kann. Ohnehin ist es äußerst lobenswert, dass man sich (trotz der kurzen Sendezeit) immer wieder die Zeit nimmt, die Zuschauer zu involvieren, anstatt sie zu bloßem Klatschvieh zu degradieren. Allerdings wäre es auch fahrlässig gewesen, ausgerechnet diese vielleicht größte Stärke des Moderators in wirklich spontaner Interaktion nicht zu nutzen.

Die weitere Zeit wird für den einen oder anderen gelungenen Einspieler genutzt, in denen die TV-Liebhaber der Bildundtonfabrik wieder einmal ganze Arbeit leisten, bevor man sich die letzten zehn Minuten Zeit für die Gäste Gina-Lisa Lohfink und Oliver Welke nimmt. Da man bei ersterer offenbar kein allzu großes Vertrauen in ein substanzielles Gespräch mit Mehrwert hatte, spannt man Janni und Lisa lieber auf Pferde und lässt sie in nicht immer jugendfreier Art und Weise über Liebe und Partnerschaft sprechen - im weitesten Sinne des Wortes zumindest. Gina-Lisa wird dabei nur die Aufgabe zuteil, Sätze vom Teleprompter abzulesen und ansonsten mögliche "Denkpausen" durch ihre hysterische Lache im Keim zu ersticken. Leider nur wenig ergiebiger ist der Talk mit Welke, für den ganz offenkundig schlicht viel zu wenig Zeit blieb. Was umso bedauerlicher ist, wenn man sieht, wie gut die beiden prinzipiell interagieren.

Generell ist die Zeit der größte Störfaktor der ersten Ausgabe. Lässt man die Einspieler außen vor, merkt man beinahe minütlich, wie die Verantwortlichen vor und hinter der Kamera förmlich durch die Show hetzen. Durch etliche klar bemerkbare Schnitte hat man zudem als Fernsehender das ungute Gefühl, nur ein zusammengeklöppeltes Werk präsentiert zu bekommen, aus dem etliche Teile der Aufzeichnung extrahiert wurden. Das schränkt den Sehgenuss letztlich erheblich ein und nimmt der Sendung auch ein Stück weit Authentizität.

Insofern gibt es letztlich zwei große Kritikpunkte, die man bei der ersten Folge von «Neo Magazin» anbringen kann: Der Stand-Up-Teil zu Beginn der Aufzeichnung und die mit 30 Minuten in Anbetracht der zahlreichen Programmpunkte beinahe schon lächerlich kurz bemessene Sendezeit. Dennoch muss man das Format als Medieninteressierter beinahe schon unweigerlich lieb haben, sofern man sich mit dem böhmermannschen Humor auch nur ansatzweise arrangieren kann. In einer halben Stunde sind so viele offensichtliche wie subtile Anspielungen auf die Popkultur und Medienwelt zu finden wie in kaum einer anderen Sendung - mittlerweile nicht einmal mehr bei «Circus HalliGalli». Man merkt sämtlichen Beteiligten an, mit welch großen Ambitionen und Eifer sie an ihr neues Baby gehen - immer mit dem Ziel, gutes und innovatives Fernsehen für die (viel zu) kleine Bevölkerungsgruppe zu produzieren, die dieses zu schätzen weiß.

Somit hat man dem Format gleich mit Folge eins ein ganz eigenes Profil gegeben, das sicherlich nicht jeder Zuschauer, der gerade zufällig in der «Frauentausch»-Werbung zu ZDFneo rüberzappt, zu schätzen wissen wird. Wer jedoch hinsichtlich Fernsehunterhaltung noch nicht seinen gesamten Idealismus aufgegeben hat und die Flimmerkiste nur noch dazu nutzt, um sich von dummen Menschen, die dumme Menschen für dumme Menschen spielen, redaktionell kreierte Dummheiten an den Kopf werfen zu lassen, der wird «Neo Magazin» zumindest seine Ambitionen zugute halten müssen. Ob man dem Format dann weitere Chancen gibt, die derzeit noch vorhandenen Schwächen auszumerzen, muss letztlich jeder selbst für sich entscheiden. Wünschenswert wäre es - bevor nachher statt Böhmermann Frank Schmidts Putzfrau noch auf Late-Night macht.

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