Hintergrund

Krisenchat.de: Ein zweischneidiges Schwert während der Corona-Krise?

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Die im Mai gegründete psycho-soziale Chatberatung soll besonders jetzt den Kindern und Jugendlichen in der Corona-Krise helfen.

Wie der Name schon sagt, ist Krisenchat.de eine im Mai gegründete psycho-soziale Chatberatung für Jugendliche und junge Erwachsene. Dort können Betroffene rund um die Uhr einfach, unkompliziert und kostenlos via WhatsApp-Messenger die dort mittlerweile 150 ehrenamtlichen Krisenberater erreichen, die einen mit ihren Fähigkeiten aus dem psychologisch-sozialen Hintergrund durch die Probleme führen sollen, vollständig anonym. Das Team an Krisenberatern vereint sich hierbei aus Kinder- und Jugendpsychotherapeuten, Sozialpädagogen und -arbeitern, Erzieher und teilweise namhafte Psychotherapeuten aus Vivantes in Berlin und der RWTH Aachen.

Die Gründer dieser Beratung sind die drei 18-jährigen, ehemalige Berliner Abiturienten Kai Lanz, Julius de Gruyter und Jan Wilhelm. Diese haben bereits vor zwei Jahren, noch während ihrer Schulzeit, das Startup exclamo gegründet, eine Anti-Mobbing App für Schüler. Nun haben sie am 2. Mai krisenchat ins Leben gerufen, um den Kindern und Jugendlichen besonders in der jetzigen Corona-Krise zu helfen. Während die meisten Seelsorge-Angebote nur das Telefon oder sehr eingeschränkt eine Chat-Funktion anbieten, hatten die Jung-Unternehmer die Idee.

„Keine Organisation oder Einrichtung in Deutschland bietet bisher so etwas an, eine Chat-Hilfe für Kinder und Jugendliche, die rund um die Uhr erreichbar ist. Das hat uns selbst überrascht, denn psycho-soziale Probleme richten sich nicht nach Sprechzeiten, sondern das passiert erst in den späten Abendstunden oder nachts, das zeigen Untersuchungen. Und da dachten wir, da müssen wir helfen.“, so de Gruyter.

Tatsächlich ereignen sich in den Abendstunden Deutschlands etwa zwei Drittel aller Krisensituationen und während der Corona-Krise ist es laut den Familien- und Jugendministern des Bundes und des Landes mehr geworden. Auch die häusliche Gewalt ist angestiegen. Und aufgrund der Kontaktbeschränkungen und den Lockdowns sind die zumeist hilflosen Kinder und Jugendliche eingesperrt mit ihren eigenen Peinigern und Krisenverursachern.

Damit bietet krisenchat die benötigte Hilfe für Jugendliche, die den Chat als primäres Medium verwenden, um dadurch in einer gewohnten Wohlfühl-Umgebung über ihre Probleme sprechen zu können. Zumindest im Rahmen dieses sensiblen Themas versucht das gemeinnützige Unternehmen stark auf den inhaltlichen und technischen Datenschutz zu achten und haben externe Supervisoren und Informatikteams, die mit Erfahrung und unter Schweigepflicht dies gewährleisten.

Trotzdem brauch das ambitionierte Projekt Hilfe, es sucht auf der eigenen Website dringend nach zusätzlichen Krisenberatern und auch nach finanzieller Unterstützung. Erst vor drei Tagen ist eine neue „gofundme“ Kampagne gestartet, um die finanziellen Mittel für die Projektfortführung und -weiterentwicklung zu bitten. Denn bis jetzt arbeiten alle Krisenberater und die Unternehmer selbst ehrenamtlich. Daher ist die Projektfinanzierung fraglich und wie lange das Projekt überhaupt aufrechterhalten werden kann mit Spenden und dergleichen.

Bis zuletzt versucht die Unternehmung durch den #lautloslaut auf Social Media die jungen Menschen zu erreichen. Zehn Wochen nach Start der Beratung sind sie auch eine Partnerschaft mit Wall und der GMPVC German Media Pool eingegangen, um online sowie auf 100 Plakaten in Berlin für die Beratung zu werben. Krisenchat.de könnte also immer mehr Bekanntheit erlangen. Doch auch wenn die Chatberatung eine Lücke bedienen kann, so kann sie die Lücke auch weiter öffnen.

Bereits 13,4 Prozent der Männer zwischen 18 und 29 Jahren leiden unter Einschlaf- und Durchschlafproblemen laut einigen RKI-Ergebnissen und die BARMER Krankenkasse, die auch schon eine Partnerschaft mit krisenchat eingegangen ist, berichtet, dass die ärztlich diagnostizierte Zahl der Schlafstörungen zwischen 2006 und 2017 um 63 Prozent gestiegen ist. Schuld ist unter anderem der hohe Gebrauch von Social Media und Smartphones, die gewohnte Umgebung der Kinder und Jugendlichen. Genau deswegen bietet krisenchat den alleinigen Kontakt über Whatsapp an, um die Hemmschwelle zu verringern. Aber genau diese Umgebung kann auch zu vielen Krisen für die jungen Menschen führen. Vielleicht ist genau die Hemmschwelle zum Greifen an das Telefon das Notwendige, um darüber in einer anderen Umgebung darüber reden zu können und eine andere Perspektive zu erhalten. Daher sollte krisenchat nur für die akute Hilfe benutzt werden, wofür sie angedacht ist, wenn niemand sonst helfen kann.



Sie kann nicht psychotherapeutische Sitzungen ersetzen oder den Kontakt zu einem Vertrauten nachahmen oder geschweige denn der eigene Umgang mit Krisen. Langfristig sollte man nicht auf dieses Angebot zurückgreifen. Für viele Menschen, besonders Jugendliche, ist das Smartphone das einzige Instrument, um mit Freunden und Verwandten zu interagieren und zuletzt eventuell Krisen zu bewältigen. So zieht sich der Nachwuchs nur noch mehr in die Isolation des Smartphones zurück, während die Familie keine Habe mehr bei den Kindern und Jugendlichen hat. Hier kann man nur im Umgang mit der Chatberatung die Begriffe Selbstverantwortung und Medienkompetenz anbringen.

Als Fazit lässt sich sagen, dass die Aktivitäten der Menschen sich verschieben und verändern und so nutzen auch Kinder und Jugendliche eher den Chat, um Krisen zu bewältigen und Seelsorge zu suchen. Krisenchat kann eine Möglichkeit dafür in der Corona-Krise darstellen. Man sollte auch den Mut und das Engagement der Jung-Unternehmer loben, den Menschen helfen zu wollen. Jedoch steckt die gemeinnützige Unternehmung noch in den Kinderschuhen und die Themen Finanzierung, Datenschutz und Nutzungsverhalten müssen weiterhin überwacht, sowie überdacht werden.

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