Es ist ein heißes Eisen, das Regisseur und Autor Savaş Ceviz in seinem Spielfilmdebüt «Kopfplatzen» anfässt. Und so geht seine Geschichte über einen Pädophilen, der seine Neigungen nicht länger zurückhalten kann, mächtig unter die Haut.
Ceviz‘ Langfilmdebüt «Der mit den Fingern sieht» ist eine unaufgeregte Dokumentation über einen blinden Maler. Der hier schon vorherrschende nüchtern-beobachtende Ansatz findet sich nun auch in «Kopfplatzen» wieder. Sowohl erzählerisch als auch inszenatorisch. Kamerafrau Anne Bolick («Schwimmen») setzt auf größtmögliche Farbreduktion, auf eine geordnete Einfachheit und Präzision. Es gibt keine Farbspielereien oder Experimente mit besonders kreativen Kamerafahrten. Die Bilder in «Kopfplatzen» sind in erster Linie zweckdienlich. Selbst in jenen Momenten, in denen man Markus seine im Inneren ausgefochtenen Kämpfe gegen sich selbst und seine Triebe ansieht, bleibt die Kamera distanziert und neutral. Wir erhalten keinerlei Veranschaulichung von Markus‘ Seelenleben. Seine Qual und seine Mühen, ebenjenen Qualen zu entkommen respektive aus dieser Qual heraus nicht für sein Umfeld gefährlich zu werden, wird einzig und allein von Max Riemelts starkem Spiel greifbar gemacht.
Ganz besonders in Erinnerung bleibt dabei ein Gespräch zwischen Markus und einem Psychologen, der seinen Patienten darüber aufklärt, dass seine Neigungen bis an sein Lebensende nicht verschwinden werden. Stattdessen kann das einzige Ziel einer Therapie jenes sein, mit der Situation umzugehen und Momente, die für Markus gefährlich werden könnten, zu vermeiden. So solle er beispielsweise den Bus verlassen, sobald ein Kind hinzusteigt und die Anwesenheit junger Menschen (in diesem Fall vor allem Jungs) generell meiden. In Markus‘ darauf folgendem Wutausbruch, der sich vor allem um die Frage dreht, ob sich der Psychologe selbst vorstellen könne, sein Leben lang auf Sex zu verzichten, verdeutlicht noch einmal die schwierige Situation, die Ceviz immer wieder heraushebt: Markus kann selbst nichts an seinen Neigungen ändern, obwohl er dazu gewillt ist; Es geht lediglich darum, Schadensbegrenzung zu betreiben, weshalb ihn vermutlich nicht bloß sein Leben lang seelische Qualen plagen, sondern auch eine Zukunft in Einsamkeit bevorsteht. 
Markus (Max Riemelt) und Arthur (Oscar Netzel) haben sich angefreundet.
Doch bevor die Macher Gefahr laufen, ihren Film als zu versöhnlich, zu sehr auf Seiten der Täter argumentierend anzulegen, streuen sie auch immer wieder Momente ein, in denen klar wird, was für eine Gefahr von Markus und damit stellvertretend von Pädophilen ausgeht. Wenngleich Markus‘ regelmäßige Besuche eines eingesperrten Wolfes ihre Symbolik etwas zu offensichtlich vor sich hertragen, so dreht sich einem bei Chats mit anderen Pädophilen, die „ihre Kinder“ schon mal als Himmelsgeschenke titulieren und sich damit herauswinden, dass diese die Zuneigungen und Zärtlichkeiten ja auch selbst wollen, der Magen um. Auch Markus‘ regelmäßige Besuche in Schwimmbädern sowie angedeutete Verfolgungsszenarien fühlen sich vor allem deshalb so beklemmend an, weil Markus von Anfang an als tickende Zeitbombe eingeführt wird, die zu jedem Moment hochgehen kann. Damit umgeht Savaş Ceviz gekonnt den Fehler, falsche Sympathien für seine Hauptfigur zu schüren, stellt ihn aber auch nicht als Täter bloß, sondern betont zuverlässig die Gefahr der Störung aber auch die dringende Notwendigkeit, sich als Pädophiler dringend in notwendige Behandlung zu begeben. 

• Der mit den Fingern sieht • Kopfplatzen • Berlin Syndrom • Schwimmen • Matrix 4
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