Fernsehfriedhof

Der Fernsehfriedhof: Am Zenit des Privatfernsehens

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Christian Richter erinnert an all die Fernsehformate, die längst im Schleier der Vergessenheit untergegangen sind. Folge 317: Die erfolgreichste Sendung des Privatfernsehens, die zugleich dessen Abstieg einläutete.

Liebe Fernsehgemeinde, jeder Trend, jede Bewegung, jede mediale Erscheinung kommt zunächst langsam auf, erreicht ihren Höhepunkt und ebbt dann wieder ab. So verhielt es sich mit Daily Talkshows, Tamagotchis, Bubble Tea und so verhält es sich mit dem deutschen Privatfernsehen, das seine Glanzzeit bezüglich Kreativität, Popularität, Einfluss, Relevanz und Kommerz längst überschritten zu haben scheint. Beim Privatfernsehen lässt sich die Wendemarke nicht bloß grob auf eine Dekade oder ein Jahr eingrenzen, sondern gleich aus mehreren Gründen exakt auf eine einzelne Sendung festlegen. Es ist der 09. Dezember 1995 in der Zeit zwischen 22.05 Uhr und 0.15 Uhr als RTL den Boxkampf zwischen Axel Schulz und dem Südafrikaner Francois Botha übertrug.

Mit Boxen zum Erfolg


Die ersten Jahre der 1990er Jahre waren dadurch geprägt, dass die Privatsender dank ihrer unkonventionellen und zuweilen skandalösen Formate ein wachsendes Publikum für sich gewinnen konnten. Als immer mehr Anbieter auf den Markt drängten, waren die Kanäle gezwungen, ihre vormalige Strategie, die im Wesentlichen auf dem schlichten Erzeugen von Aufmerksamkeit basierte, zu professionalisieren, um das Publikum dauerhaft an sich binden zu können. Hierbei sollte das Genre Sport eine Schlüsselrolle übernehmen. Sat.1 setzte dabei auf den etablierten Fußball und ersteigerte für viel Geld die Rechte an den Spielen der deutschen Bundesliga. Derweil verfolgte Helmut Thoma, der Geschäftsführer von RTL, einen anderen Weg und begab sich stattdessen auf die Suche nach Sportarten, die noch nicht allzu beliebt und teuer waren, um sie mithilfe des Fernsehens erst groß zu machen. Ähnlich war er zuvor bei der Formel 1 vorgegangen, deren Erfolgsgeschichte erst mit der Ausstrahlung bei RTL begann.

Ein vergleichbares Vermarktungspotential wie beim Rennsport erkannte Thoma schließlich im Boxen - aber nur unter der Bedingung, dass es gelingt, den Sport aus dem Rotlicht-Milieu herauszuziehen und ihm von seinem bisherigen Schmuddel- und Kneipen-Image zu lösen. Dafür sollte insbesondere der ehemalige Olympiasieger Henry Maske den zentralen Hebel bilden, weil dieser entgegen aller üblichen Erwartungen ansprechend aussah, eloquent auftrat und überdies sauber boxte. RTL schloss deswegen einen umfangreichen Vertrag mit dessen Manager Wilfried Sauerland ab, wodurch Maske, der nun den Beinamen „Gentleman“ erhielt, fortan exklusiv für den Kölner Kanal in den Ring stieg. Zugleich erwarb man die Rechte an den Kämpfen von Axel Schulz, der ebenso aus dem Box-Stall von Trainer Manfred Wolke stammte. Schnell eroberten die Athleten – auch dank einer gezielten Heroisierung durch RTL - die Herzen des Publikums und zogen mit jedem ihrer Duelle mehr Zuschauer an. Allein im Jahr 1995 wurden auf Basis des Abkommens acht Kämpfe gezeigt, die durchschnittliche Marktanteile von 51 Prozent erreichen und nur durch Werbung etwa 35 Millionen DM erwirtschaften konnten.

Während Maske bereits seit 1993 IBF-Weltmeister war und all seine nachfolgenden Kämpfe somit eine Titelverteidigung darstellten, blieb es Schulz ungeachtet einer Reihe von Siegen bis 1995 verwehrt, um einen internationalen Titel zu kämpfen. Dies änderte sich am 22. April 1995 als Schulz den legendären George Foreman um die kombinierte IBF/WBU-Meisterschaft in Las Vegas herausfordern durfte. Trotz des zeitverschiebungsbedingten Termins mitten in der Nacht schalteten in Deutschland rund 3,90 Millionen Menschen ein und sorgten für einen unglaublichen Marktanteil von 89,9 Prozent. In einer höchst umstrittenen Entscheidung nach Punkten ging der Sieg an Foreman, der seinen Titel zunächst behalten durfte. Vor allem in Deutschland misstrauten aber viele Boxfans und –experten dem Urteil und vermuteten dahinter eine Manipulation der Ergebnisse. Die in vielen Augen ungerechtfertigte Niederlage brachte Schulz zwar um seinen WM-Gürtel, bescherte ihm allerdings gleichzeitig einen erheblichen Sympathieschub. Dieser war so groß, dass sein Manager Sauerland schon künftige Gagen in Höhe von zehn Millionen DM prophezeite. Unterdessen sorgten die anhaltenden Proteste dafür, dass der zuständige Boxverband eine Wiederholung der Ausscheidung anordnete. Da sich Foreman dieser verweigerte, verlor er den Titel letztlich kampflos. Wer ihn erben würde, sollte jenes Duell am 09. Dezember 1995 zwischen Axel Schulz und Fancois Botha entscheiden.

Das größte Box-Spektakel, das Deutschland je erlebt hat


Nach dem tragischen Misserfolg war das Interesse an einer Wiedergutmachung groß wie nie – zumal sich mit ihr erneut die Chance verband, dass mit Schulz ein weiterer Weltmeistertitel nach Deutschland gehen konnte - diesmal sogar im Schwergewicht, also in der sogenannten Königsklasse. Zuvor war dies aus Deutschland einzig Max Schmeling im Jahr 1930 gelungen. Folgerichtig waren die Erwartungen an den Kampf seitens der Verantwortlichen von RTL äußerst groß, den sie daher zu einem Mega-Event aufbliesen. So waren sie schon zwei Monate früher bei der Revanche zwischen Henry Maske und Graciano Rocchigiani verfahren und wurden dafür mit der Rekord-Sehbeteiligung von 17,59 Mio. Zuschauern belohnt.

Bei Schulz drehte man dann die Schraube noch etwas weiter und erhob die zwölf angesetzten Runden zum „größten Box-Spektakel, das Deutschland je erlebt hat“ (Zitat aus der Berliner Zeitung). Rund um den Kampf wurden in der Stuttgarter Hanns-Martin-Schleyer-Halle Musiker, Effekte, Feuerwerkskörper und Go-Go-Tänzerinnen sowie der kultige Ring-Ansager Michael Buffer aufgefahren. Rund 200 Personen und 20 Kameras waren für RTL während der Übertragung im Einsatz, was angesichts der Tatsache, dass die wichtigsten Aktionen auf einer Fläche von gerade 35qm stattfanden, deutlich überzogen wirkte. Die Gesamtkosten allein für die Inszenierung beliefen sich Schätzungen zufolge auf etwa fünf Millionen DM. Darin enthalten waren nicht die Gagen für die Kämpfer, die mit 2,3 Millionen für Schulz und 3,5 Millionen DM für Botha ebenfalls rekordverdächtig ausfielen.

Entsprechend offensiv bewarb RTL die vermeintliche Sensation und versah sie mit dem Slogan „Die Stunde der Wahrheit“. Zusätzlich stimmte ein Axel-Schulz-Special von «Exclusiv – Das Starmagazin» das Publikum bereits ab 19.10 Uhr auf die spätere Show ein. Um die enormen Aufwendungen wieder refinanzieren zu können, kletterten die Ticketpreise auf bis zu 2.750 DM für einen Logenplatz. Parallel forderte der Vermarkter von RTL die bis dato höchsten Werbepreise. Rund 220.000 DM kostete ein 30sekündiger Spot in der Kampfpause. Selbst bei den Vorberichten schlug eine halbe Minute noch mit 130.000 DM zu Buche. Diese Zahlen bezogen sich ausschließlich auf die Werbeunterbrechungen im Fernsehen, denn zusätzlich überwiesen die Hauptsponsoren Hasseröder, Daniel Hechter und Listerine gewaltige Summen, um ihre Namen überall am Ring anbringen zu dürfen. Allein für das Logo auf dem Boden waren 660.000 DM fällig. Außerdem ließ Listerine unter den 13.000 Zuschauern in der Halle Proben ihres Mundwassers verteilen. Und dennoch waren alle Werbeinseln und alle Sponsormöglichkeiten restlos ausgebucht. Schon aufgrund dieser nie dagewesenen Kommerzialisierung des Sports stellte die Veranstaltung die Spitze des Privatfernsehens dar.

Ein Rekord für die Ewigkeit


Die Rechnung ging auf, denn der Fight lockte nochmal mehr Menschen als beim vorherigen Rekordkampf zwischen Maske und Rocchigiani an, wodurch Schulz die Bestmarke auf nunmehr 18,03 Millionen Zuseher verschieben konnte. Dieser Wert bildete am Ende die höchste TV-Quote des Jahres 1995 und überragte sogar die «Wetten, dass..?»-Ausgabe mit dem Auftritt von Michael Jackson. Er bildet bis heute die höchste Reichweite, die ein privater Sender jemals erzielen konnte. Nie zuvor und niemals wieder haben mehr Menschen zur selben Zeit eine Sendung auf einem kommerziellen Anbieter angesehen. Auch diesbezüglich ist der Abend als Gipfel des Privatfernsehens einzustufen.

Darüber hinaus erreichte auch die finanzielle Ausschlachtung der Produktion ihren Höhepunkt, die sich nun am alleräußersten Ende der gesetzlichen Möglichkeiten bewegte. So waren alle 50sekündigen Kampfpausen vollständig mit Werbespots gefüllt. Dies war schon deshalb nötig, weil es damals aufgrund der Forderung nach strikter Trennung von Werbung und Inhalt nicht zulässig war, Unterbrechungen aus lediglich einem Spot zeigen zu dürfen. Um also überhaupt zwei Werbefilme laufen lassen zu können, mussten die Pausen bis zur letzten Sekunde ausgenutzt werden. Dies sorgte allerdings beim heimischen Publikum für großen Unmut, weil ihm auf diese Weise Aufnahmen aus den Ecken und die Gespräche zwischen Trainern und Boxern verwehrt blieben. Dies aber sind wichtige und zuweilen entscheidende Momente eines Kampfes. Eine heute übliche Split-Screen-Lösung war damals nicht gestattet.

Das Privatfernsehen frisst sich selbst auf


Der Medienwissenschaftler Klaus Kreimeier beschrieb diese hohe Werbepräsenz, die bereits bei Henry Maske zu beobachten war, als eine „groteske Relation von gebotenem Schauvergnügen und Werbespots“. Für ihn schaffte sich in diesem Augenblick das Fernsehen selbst ab, weil das eigentliche Programm „im Dschungel seiner Werbebotschaften und Konsumappelle für den Zuschauer einfach nicht mehr auffindbar“ war. Letztlich, so schlussfolgerte Kreimeier, „streift der Kapitalismus in der Medienindustrie zwar alle Fesseln ab, doch mit der Entfesselung zerplatzt er auch, er zerstört sich selbst und ruiniert seine eigenen Grundlagen.“ Man könnte es anders formulieren: Das nimmersatte Privatfernsehen war derart hungrig geworden, dass es am Ende begann, sich selbst aufzufressen.

Natürlich führte die Überschreitung seines Zenits nicht zum unmittelbaren Untergang des kommerziellen Rundfunks, denn er existiert schließlich weiterhin und ist äußerst lebendig. Er hatte an diesem Punkt aber seine maximale inhaltliche, ästhetische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Ausdehnung erreicht und bewegt sich fortan bloß noch rückwärts. Er ist seitdem eher damit beschäftigt seinen jeweiligen Status zu verteidigen, als ihn weiter auszubauen.

Zurück in der Schmuddel-Ecke


Bezeichnenderweise kippte an diesem Tag nicht nur die Beliebtheit des Privatfernsehens, sondern auch die des Boxsports, denn nach der zwölften Runde stimmten die Punktrichter in einer erneut umstrittenen Entscheidung wieder gegen Schulz. Das Publikum in der Halle reagierte darauf äußerst verärgert, sah es Schulz wiederholt zu Unrecht um seinen Titel gebracht. Laute Buh-Rufe waren die Folge, die sich schnell zu heftigen Protesten entwickelten. Der Zorn vieler Anwesender war derart groß, dass sie Flaschen, Gläser und Münzen in Richtung Ring warfen. Dabei erwiesen sich insbesondere die verteilten Mundwasser-Proben des Sponsors als dankbare Munition. Der RTL-Experte Werner Schneyder kommentierte die traurigen Aufnahmen zwar mit den Worten „Diese Bilder wollen wir nicht sehen.“, doch dies bewegte die Regie nicht dazu, ihre 20 laufenden Kameras abzuwenden. Am Ende erlitten insgesamt sechs Menschen leichte Verletzungen durch Wurfgeschosse, womit der Sport wieder bei seinem Rotlicht und Schmuddel-Image angekommen war.

Sein kümmerliches Finale fand all dies dann in der Nacht als man zusätzlich zu all dem Ärger im Urin von Botha das Dopingmittel Nandrolon nachweisen konnte, weswegen der Kampf später vom Sportgericht für ungültig erklärt und Botha der Titel aberkannt wurde.

Die Vorfälle vom 09. Dezember 1995 hinterließen den Boxer Axel Schulz, der im Juni 1996 nach der Foreman-Niederlage und dem Botha-Debakel ein drittes Mal versuchte, den IBF-Titel zu erobern und daran abermals scheiterte. Die weiteren Auftritte sowohl von Henry Maske als auch der späteren Klitschko-Brüder waren zwar weiterhin große Erfolge, die damaligen Rekorde konnten sie hingegen nicht mehr einstellen. Auch nicht als sich Axel Schulz und Henry Maske Ende 2006 bzw. Anfang 2007 zu einem jeweils einmaligen Comeback überreden ließen. Übrigens, die fernsehgeschichtliche Bedeutung des damaligen Events war im November 2015 die Lösung auf eine 500.000-Euro-Frage bei «Wer wird Millionär?». Dank der korrekten Antwort auf die Frage, welches das meistgesehene RTL-Programm aller Zeiten sei, gewann die Kandidatin in einer Sonderfolge mit insgesamt über 1,5 Mio. Euro die bisher höchste Summe des Quiz-Klassikers. So ist der Kampf für noch einen weiteren Rekord verantwortlich.

Die nächste Ausgabe des Fernsehfriedhofs erscheint am Donnerstag, den 28. April 2016.

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