Fernsehfriedhof

Der Fernsehfriedhof: Die Reste-Rampe von ProSieben

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Quotenmeter.de erinnert an all die Fernsehformate, die längst im Schleier der Vergessenheit untergegangen sind. Folge 188: Eine dreiste und lieblose Kopie von «TV Total», «Talk Talk Talk» und «Bitte Lächeln!».

Liebe Fernsehgemeinde, heute gedenken wir einer Sendung, die noch nach ihrem Tod jahrelang überlebte.

«Clip Mix» wurde am 13. März 2002 auf ProSieben geboren und entstand zu einer Zeit, als der Talkshowboom der späten 90er Jahre endgültig vorüber war. Weil Nicole Noevers und ihre «Entscheidungen am Nachmittag» trotz Laiendarstellern eines der ersten Opfer wurde, klaffte im werktäglichen Nachmittagsprogramm um 16.00 Uhr eine große Lücke, die es galt zu schließen. Zunächst wurde diese mit Wiederholungen der Sitcom «Alle unter einem Dach» gefüllt, doch es war schnell klar, dass die Serie gegen die mächtigen Gerichtsshows von RTL und Sat.1 keine endgültige Lösung sein konnte. Da im Abendprogramm «TV Total» noch immer sehr beliebt war und sich sowohl «Talk Talk Talk» als auch «C.O.P.S – Die Comedy Pannenshow» gut schlugen, sollte eine solche Clipshow die erhoffte Rettung bringen.

Natürlich wurde das kopierte Konzept von ProSieben als neuartiges Format beworben. Iris Mayerhofer, die damalige Abteilungsleiterin für den Bereich Talk bei ProSieben, verkündete zum Start stolz: „Die Sendung ist die innovative Weiterentwicklung erfolgreicher Sendungen wie «Talk Talk Talk» oder «Bitte Lächeln!». Wir beschränken uns nicht auf witzige Clips oder Pannen, sondern decken die gesamte Bandbreite an Emotionen ab. «Clip-Mix» bietet täglich eine Stunde unterhaltsame Aufbereitung des nationalen und internationalen TV-Programms.“

Das Ergebnis sah jedoch ernüchternd aus, denn innovativ war an der Produktion eigentlich nichts. Sie bestand aus einer lieb- und zusammenhangslosen Mischung aus mäßig unterhaltsamen Ausschnitten, die zudem in den zahlreichen anderen Clipshows oft schon vorher zu sehen waren. Dabei bestand das Hauptproblem in der Beschränktheit des Materials, denn während bei «TV Total» und anfangs auch bei «Talk Talk Talk» noch Clips von Konkurrenzsendern zu sehen waren, war dies in der neuen Nachmittagsversion nicht vorgesehen. Offenbar sollte diese so billig wie möglich produziert werden, weswegen hauptsächlich Inhalte aus dem Programm von Sat.1 und ProSieben gezeigt wurden. Außerdem übernahm man vollständig die eigenständigen Clip-Formate «Fish & Clips» und «Zapping» von den Kirch-Schwesternsendern DSF und Premiere.

Obendrein war es auch Bestandteil des Konzepts, dass die Ausschnitte nur aus dem Tagesprogramm zwischen 6.00 und 18.00 Uhr stammen sollten. Daher gab es die vermeintlichen Highlights aus den Sat.1-Gerichtsshows, den verbliebenen Daily Talkshows, des Boulevard-Magazins «taff» und aus dem Sat.1-«Frühstücksfernsehen» zu bestaunen. Garniert wurden diese Schnipsel mit einigen obligatorischen Homevideo-Pannen und Videos aus dem Internet.

Zwischen den Filmchen traten im kleinen weiß-gelb-orangen Studio einige skurrile Gäste mit kuriosen Berufen oder Hobbys auf, die zuvor in einem Ausschnitt gezeigt wurden. Darunter waren unter anderem eine Frau, die Horoskope aus dem Gesäß von Menschen lesen konnte, ein Mann mit 100 Piercings im Gesicht, eine Schönheits-OP-Süchtige oder ein Gast, der Würmer im Studio aß.

Mit Sonya Kraus setzten die Macher ausgerechnet die Moderatorin ein, die mit «Talk Talk Talk» einer der Vorlagen präsentierte, was dem Format eine weitere Möglichkeit für Originalität raubte. Zur Seite wurde ihr das ProSieben-Gesicht Alexander Mazza («SAM», «Rosen vom Ex») gestellt, mit dem sie bereits die Abenteuer-Shows «Desert Forges» und «Fort Boyard» begleitete. Die beiden lieferten einen soliden Job ab und ließen sich kaum anmerken, dass sie im Grunde dauerhaft unterfordert waren.

Weil der Sendung ihre Halbherzigkeit stets anzumerken war, blieb wohl auch die Resonanz bei den Zuschauern nur mäßig. Die Reichweiten der ersten Folgen lagen meist unter 700.000 Zuschauern und die Marktanteile bewegten sich nur um sechs Prozent. Schon im April machten daher Berichte die Runde, dass das Format Mitte Mai abgesetzt würde. Diese entpuppten sich zwar als Falschmeldung, doch letztlich war das Ende nur eine Frage der Zeit. Auch eine Neuausrichtung der Show, durch die jede Ausgabe einen thematischen Schwerpunkt (z.B. die schönsten Hochzeiten oder die dicksten Menschen) erhielt, brachte keine Trendwende. Einzig das Fehlen eines geeigneten Nachfolgers verzögerte die Beerdigung. Als ProSieben dann jedoch mit der Gynäkologin Verena Breitenbach eine schlüpfrige Variante von «Zwei bei Kallwass» umsetzen konnte, flogen Sonya Kraus und Alexander Mazza am 11. Oktober 2002 endgültig aus dem Nachmittagsprogramm.

Doch anstatt die Produktion endgültig zu begraben, wanderte sie auf den Vormittag und wurde dort aufgrund ihres fehlenden Aktualitätsbezugs unzählige Male wiederholt und umgeschnitten. Obwohl keine neuen Ausgaben mehr hergestellt wurden, hielt sie sich auf diese Weise mit einigen Unterbrechungen noch rund vier Jahre nach ihrer eigentlichen Absetzung.

«Clip Mix» wurde letztlich am 25. August 2006 beerdigt und erreichte aufgrund unzähliger Wiederholungen und Umschnitte eine unbekannte Anzahl an Folgen. Die Show hinterließ die Moderatorin Sonya Kraus, die parallel noch bis zum Jahr 2011 durch das Original «Talk Talk Talk» führte. Mit ihren Sendungen «Do it yourself – S.O.S.», «Die Alm», «Die Burg», «Simply the Best», «Solitary - Besieg dich selbst!» und Auftritten bei den «TV Total»-Events gehörte sie jahrelang zu den wichtigsten Gesichtern von ProSieben. Im Jahr 2012 kehrte sie mit «Deutschlands lustigste Homevideos» wieder zum Genre der Clipshows zurück. Alexander Mazza wechselte zunächst ins öffentlich-rechtliche Fernsehen, wo er insbesondere die Moderation des Magazins «Brisant» sowie der letzten Staffel von «Herzblatt» übernahm. Im Jahr 2009 kehrte er für die gefloppten Sat.1-Formate «Die beste Idee Deutschlands» und «Mister Perfect - Der MännerTest» noch einmal zum Privatfernsehen und Showgenre zurück. Mittlerweile ist er der erste männliche Moderator des ZDF-Frauenmagazins «ML Mona Lisa». Übrigens hatte Mike Krüger mit seiner fast parallel gestarteten Clipshow «Krüger sieht alles» zumindest anfänglich sehr viel mehr Glück als Kraus und Mazza.

Möge die Show in Frieden ruhen!

Die nächste Ausgabe des Fernsehfriedhofs erscheint am kommenden Donnerstag und widmet sich dann der Comedy-Pannenshow von Sat.1.

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