Statistisch gesehen

Singende Rollenspieler

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Die Gesangstalente der deutschen «Superstars» werden eher belächelt, nun sogar boykottiert. Dabei gibt es so eine schöne Ausrede für unser Versagen im internationalen Vergleich.

Statistisch gesehen singen 60 Prozent der Deutschen gerne mal während des Autofahrens. Viele von ihnen findet man später bei «DSDS» wieder. Nun allerdings ohne Lärmschutzwände.

Deutschland hat einen neuen Superstar: Mehrzad Marashi ist der glückliche Gewinner, auch wenn böse Zungen ihm nachsagen, nur gewonnen zu haben durch die massive Kampagne gewisser Zeitungen, die zu einem Boykott des Finalgegners Menowin Fröhlich aufriefen, der mit seiner zwielichtigen Vergangenheit in Verruf geraten war. Aber darum soll es hier gar nicht gehen. Und ob Mehrzad einen kometenhaften Aufstieg erlebt ähnlich dem früherer «Superstar»-Gewinner wie Ellie Erl oder Thomas Godoj, steht ohnehin noch in den Sternen. Die kennen Sie gar nicht mehr? Dann aber zumindest Alexander Klaws, der ist schließlich immer noch täglich im TV zu sehen. Als Soap-Darsteller. Oder Mark Medlock, dessen Songs zwar recht simple Ibiza Strandmucke sind, aber das ist ja auch eine Art Musik und überaus erfolgreich dazu. Ja, es kommt wohl nicht von ungefähr, dass den Produkten von «Deutschland sucht den Superstar» von Musikliebhabern hierzulande keine besonders große Qualität eingeräumt wird.

Nun proben die Gegner der Bohlenschen Fließbandmusik allerdings zum ersten Mal den Aufstand: Um den Einstieg von Mehrzads Debütsingle "Don't Believe" auf Platz 1 zu verhindern, haben sich in den sozialen Netzwerken Gruppen zusammengetan, die sich darauf verständigt haben, sich in der betreffenden Kaufwoche einen bestimmten anderen Song kollektiv zuzulegen und damit die Nummer Eins zu besetzen. Die auserkorenen Songs: der 90er-Eurotrash "Boomerang" von Blümchen und der Klassiker "Stairway To Heaven" von Led Zeppelin. Dass es zwei verschiedene solcher Initiativen gibt, die sich ein britisches Vorbild genommen haben, das 2009 die Weihnachtswoche vor «The X Factor»-Gewinner Joe McElderry rettete, dürfte der Aktion aber wohl leider das Genick brechen.

Oder um endlich einmal Zahlen sprechen zu lassen: Amazon listet in einem verkaufsfördernd ausgerufenen Songduell Mehrzad Marashi mit 63 Prozent klar vor Led Zeppelin mit 37 Prozent. Im Vergleich Mehrzad gegen Blümchen steht es gar 76 zu 24. So wird für beide Herausforderer wohl nur eine nicht für möglich gehaltene neue Spitzenposition in den Charts drin sein, denn "Stairway To Heaven" kam vor zwei Jahren als digitale Veröffentlichung auf Platz 71 und auch "Boomerang"s damaliger Platz 11 solte zu knacken sein. Die Pole Position dürfte trotz allem auch in dieser Staffel an den Gewinner von «Deutschland sucht den Superstar» gehen.

Viele Zuschauer, die auch das amerikanische «American Idol» verfolgen, betonen die hohe Qualität der dortigen Sänger ganz im Gegensatz zur deutschen Auswahl, auch wenn auch den meisten amerikanischen Gewinnern der internationale Durchbruch verwehrt blieb. Woran liegt's? Haben die Deutschen kein Talent? Interessiert sich RTL nicht mehr für Talent, sondern nur noch für eine möglichst schillernde Lebensgeschichte? Bleiben talentierte Sänger der Sendung von vornherein fern und warten lieber darauf, dass sie von Stefan Raab entdeckt werden? Reden wir unsere Superstars mutwillig schlecht? Oder liegt es vielleicht einfach daran, dass die USA so viel größer sind als Deutschland?

Vereinfachen wir die Casting-Welt für einen Moment, indem wir sie wie in einem Fantasy-Rollenspiel betrachten: Jeder Kandidat hat eine Eigenschaft "Gesang", die mit einem nummerischen Wert belegt ist. Talent 0 haben dabei jene Kandidaten, die einfach nur ins Fernsehen wollen, aber gar nicht singen können, 1 der Durchschnittskandidat, der schon im Casting aussortiert wird und jeder weitere Punkt bedeutet mehr Gesangstalent, sodass wirkliche Ausnahmekandidaten auf 8, 9 oder gar 10 Punkte kommen. Diese Punkte lassen sich mittels statistischer Verteilungen (in diesem Fall: Poisson-Verteilung) sehr einfach simulieren. «DSDS» hatte in diesem Jahr 35.000 Bewerber. Rechnet man das über das Bevölkerungsverhältnis auf die USA um, so müssten es dort gut 130.000 für «American Idol» sein. Verteilt man für beide Castingkontingente die Talentpunkte nach dem gleichen Schema und mit dem gleichen Durchschnitt von 1, so gibt es interessante Unterschiede:



Im Schnitt weisen die US-Kandidaten in jeder Runde mehr als einen halben Punkt Talent mehr auf - nicht weil sie grundsätzlich besser sind, sondern weil sie einfach aus einem größeren Kandidatenpool schöpfen. Auch wenn der Unterschied selbst bei den Siegern gering erscheint, konkret bedeutet dies: In gut 56 Prozent der Fälle singt der US-Sieger besser als der deutsche und in 33 Prozent immerhin gleich gut. Der deutsche dagegen zeigt nur in 11 Prozent der Staffeln das bessere Gesangstalent. Nimmt hinzu, dass hierzulande ein gutes Drama im Selektionsprozess eine gute Stimme schlägt, reduziert sich dieser Wert schnell auf null.

Wenn also mal ein Amerikaner zu Besuch ist und sich wundert, wieso die deutschen Superstars so mies singen - und sich vielleicht zu allem Überfluss auch noch an Alexander Klaws' Auftritt beim «World Idol» erinnert: Mit dem Argument, dass unser Land zu klein ist, wahren wir unser Gesicht. Und beim Autofahren trällern die Amis wahrscheinlich auch nicht besser als wir.

Oft steckt mehr hinter den Zahlen des TV-Geschäfts als man auf den ersten Blick sieht. Oder weniger. Statistisch gesehen nimmt sie unter die Lupe.

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