Interview

Julia Koschitz: ‚Wir sollten wissen, woher wir kommen‘

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In «Das verschwundene Kind» lebt Julia Koschitz als Sophie mit Freunden und deren Kindern ein alternatives Familienmodell – bis das Verschwinden des zwölfjährigen Aarons die Gemeinschaft erschüttert. Im Interview spricht die Schauspielerin über Lügen als vermeintlichen Schutz, verdrängte Konflikte und die Frage, wie viel Wahrheit Familie und Freundschaft aushalten.

Frau Koschitz, Sophie möchte in «Das verschwundene Kind» gemeinsam mit ihren Freunden die klassische Kleinfamilie hinter sich lassen und Kinder, Alltag und Verantwortung miteinander teilen. Was hat Sie an dieser Lebensidee und an Sophie besonders interessiert?
Wir leben mittlerweile sehr weit weg von dem Prinzip Großfamilie, dass so ein Konzept fast exotisch wirkt. Dabei macht es total Sinn, weil man sich gemeinsam viel mehr unterstützen und die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilen kann, so wie es die vier Protagonisten in unserer Geschichte geplant haben. Ausschlaggebend für meine Entscheidung bei diesem Projekt mitzumachen war aber vor allem das psychologisch so fein geschriebene Buch von Silke Zertz, dass mich sofort reingezogen und für mich viele spannende Fragen aufgeworfen hat. Es geht um Lebensträume und die Kompromisse, die wir machen, wenn sich diese nicht so erfüllen lassen wie erhofft. Um die Vermeidung von Konflikten und um Schuldzuweisungen, die vermeintlich dabei helfen, eine Erklärung zu finden. Es geht um die Schwierigkeit, genauso wie um die Sehnsucht, Leben miteinander zu teilen. Das hat mich interessiert.

Die Hausgemeinschaft klingt zunächst beinahe idealistisch: Natur, Freundschaft und gemeinschaftliche Erziehung. Hatten Sie beim Lesen das Gefühl, dass dieses Modell grundsätzlich funktionieren könnte - oder steckt sein Scheitern bereits in der Konstruktion?
Ich denke, dass dieses Modell absolut funktionieren kann, aber deswegen ist es nicht vor Komplikationen gefeit. Keine Gemeinschaft kann reibungslos koexistieren. Aber ich habe gleichzeitig eine große Bewunderung für Menschen, die das schaffen, weil es eines kollektiven Verantwortungsgefühls bedarf und der Fähigkeit jedes einzelnen, den anderen sein zu lassen und auch zurückstecken zu können. Das ist ja schon in einer Beziehung mit einem Menschen eine Herausforderung.

Mit dem Verschwinden des zwölfjährigen Aarons verändert sich alles. Wie spielt man eine Figur, die einerseits von großer Sorge um ein Kind geprägt ist und andererseits zunehmend mit Misstrauen gegenüber den Menschen konfrontiert wird, denen sie bislang besonders vertraut hat?
Es war genau das, was mich an der Figur interessiert hat. Dieser innere Widerspruch zwischen Schuldgefühlen einerseits und dem Eindruck ungerecht behandelt zu werden. Und genauso empfindet sie stellvertretend für ihren Sohn, über den sich alle beklagen. Ich finde diese Ambivalenz zutiefst menschlich.

Der Film erzählt davon, wie schnell langjährige Freundschaften unter extremem Druck Risse bekommen können. Was erfahren wir durch die Suche nach Aaron über Sophie, das in ihrem bisherigen gemeinsamen Alltag verborgen geblieben ist?
Ohne zu viel vorweg zu nehmen, geht es um den groben Irrtum, den Sophie und die Freunde begehen, dass sie ihre Kinder mit einer Lüge beschützen können. Es mag Situationen geben, wo eine Lüge wirklich Schutz bietet, aber in diesem Fall ist es ein Fehler. In unserer Geschichte geht es um unausgesprochene Wut und Verletztheit, um die Angst, den anderen durch eine Konfrontation zu verlieren. Es geht um eine schwerwiegende Entscheidung, die wahnsinnig ambivalent ist und eine lebenslange Herausforderung darstellt. Und es geht darum, einem Menschen nicht eine falsche Identität zumuten zu können. Wir sollten wissen, woher wir kommen - das ist ein tiefes inneres Bedürfnis eines jeden Menschen.

Eine Lüge stellt schließlich vieles infrage, worauf die Gemeinschaft aufgebaut wurde. Ist «Das verschwundene Kind» für Sie deshalb stärker ein Film über das Verschwinden eines Jungen oder über die Frage, wie viel Wahrheit eine Familie beziehungsweise Freundschaft aushält?
Zweiteres. Ganz klar.

Mit Mark Waschke, Anna Schudt und Hans Löw besteht die zentrale Hausgemeinschaft aus vier sehr erfahrenen Schauspielern. Wie wichtig war es, schon früh eine Vertrautheit entstehen zu lassen, damit man diesen Figuren ihre gemeinsame Vergangenheit abnimmt?
Wir hatten im Vorfeld Leseproben, die sehr spannend waren, weil wir bereits da in Diskussionen gekommen sind, wo wir teilweise nicht mehr wussten, ob wir aus unserer persönlichen Warte oder schon aus der der Figuren argumentieren. Ich hatte nicht das Gefühl, dass wir viel Anlaufzeit gebraucht haben, wir sind gleich eingestiegen. Mit den dreien zu arbeiten war einfach nur ein großes Vergnügen.

Die Mittlere Elbtalaue und das Leben in der Natur bilden einen starken Kontrast zur zunehmenden Bedrohlichkeit der Geschichte. Welche Bedeutung hatte der Drehort für Ihr Spiel und für die Atmosphäre am Set?
Ich würde jetzt lügen, wenn ich dem Ort eine zu große Bedeutung für mein Spielgefühl geben würde - aber ohne Zweifel, es ist eine traumhaft schöne Gegend, mit hinreißenden Himmelsbildern.

Silke Zertz hat das Drehbuch nach Motiven von Kristina Hauffs Roman «Unter Wasser Nacht» geschrieben. Haben Sie den Roman für Ihre Vorbereitung genutzt oder wollten Sie Sophie bewusst ausschließlich aus dem Drehbuch heraus entwickeln?
Nein, ich muss zugeben, dass ich den Roman nicht gelesen habe, weil ich von Anfang an wusste, dass sich das Drehbuch von der Geschichte ziemlich losgelöst hat. Manchmal entscheide ich diesbezüglich anders, aber in diesem Fall habe ich mich lieber am Drehbuch, statt am Original orientiert.

Regisseurin Sabine Bernardi muss lange offenhalten, was tatsächlich passiert ist und wem das Publikum noch vertrauen kann. Wie schwierig ist es als Schauspielerin, Wissen über den weiteren Verlauf auszublenden und in jeder Szene nur den Erkenntnisstand der eigenen Figur zu spielen?
Ehrlich gesagt sollte man immer so spielen, als ob man nicht wüsste, wie die Geschichte weitergeht. Im Leben weiß man das auch nicht.

Der Wunsch Ihrer Figuren, die Grenzen der klassischen Kleinfamilie zu überwinden, berührt eine sehr gegenwärtige Diskussion über Familie und gemeinschaftliches Leben. Hat die Arbeit an «Das verschwundene Kind» Ihren eigenen Blick darauf verändert, was Familie eigentlich ausmacht?
Ich empfinde es immer als Geschenk in eine andere Welt eintauchen zu können und auf irgendeine Weise nehme ich immer etwas mit. Mal mehr, mal weniger. Ich glaube, mich haben eher die Fragen beschäftigt, wie sehr man ein aufrichtiges Leben führen kann, mit und vor sich selbst, mit seinem Partner oder Partnerin, mit seiner Familie und seinen Freunden. Und ich vermute, dass wir uns diese Frage immer wieder aufs Neue stellen müssen. Wie sehr kann ich mich und muss ich mich anderen mit meinen Abgründen zumuten? Und bin ich mir der Konsequenzen meines Handelns wirklich bewusst?

Danke für Ihre Zeit!

«Das verschwundene Kind» ist am Montag, 19. Oktober, um 20.15 Uhr im ZDF zu sehen. Der Film ist seit 10. Oktober im ZDF-Streamingportal abrufbar.

Kurz-URL: qmde.de/176295
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