Interview

Jan Tenhaven: ‚Die Gründung der USA begann mit einem Geburtsfehler‘

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250 Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung blicken Regisseur Jan Tenhaven und sein Team in der ZDF-Reihe «Amerika – Traum und Wirklichkeit» auf Freiheit, Spaltung und Macht in den Vereinigten Staaten. Im Interview spricht Tenhaven über den Mythos des American Dream, die tiefen Widersprüche der amerikanischen Gesellschaft und darüber, warum viele Konflikte der Gegenwart bereits in den Gründungsjahren des Landes angelegt waren.

Herr Tenhaven, die USA feiern 2026 ihren 250. Geburtstag. Warum war dieser Jahrestag für Sie der richtige Anlass, die Geschichte des amerikanischen Traums neu zu erzählen?
Die USA sind für mich ein Land der großen Erzählungen – und 1776 beginnt eine davon mit dem Satz „All men are created equal“. Zum 250. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung wollten mein Kollege Jens Strohschnieder und ich prüfen: Wie viel von diesem Versprechen ist heute noch Realität, wie viel ist Mythos – gerade unter dieser so polarisierenden zweiten Trump-Regierung.

Ihre Reihe heißt «Amerika – Traum und Wirklichkeit». Wann wurde Ihnen bei den Recherchen klar, wie groß die Lücke zwischen diesen beiden Begriffen heute geworden ist?
Beim Dreh in Alabama mit Joy Davis, einer Nachfahrin von Gefangenen des letzten Sklavenschiffs „Clotilda“, wurde die Lücke körperlich spürbar. Dort sieht man, wie tief die Narben der Sklaverei sind. Joy sagte uns, dass für Menschen wie sie das Gleichheitsversprechen nie gegolten habe. Sie fühlt sich zwar als Amerikanerin, aber den 250. Geburtstag wird sie nicht mitfeiern. Auch beim Dreh mit Paul Eng, einem chinesisch-stämmigen Tofu-Unternehmer in Chinatown von New York, haben wir gemerkt, wie sehr ihn die Frage der Zugehörigkeit beschäftigt, dabei ist er bereits in dritter Generation in Amerika. In ihrem Selbstverständnis sind die USA ein bunter Melting Pot, ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wo jeder und jede den amerikanischen Traum leben kann. Aber wenn man genauer hinsieht, gibt es gewaltige Unterschiede bei den tatsächlichen Chancen, und die Frage, wer wirklich dazu gehört, wird in Amerika wieder sehr laut gestellt. Eric Orwoll, der ein Siedlungsprojekt nur für weiße, heterosexuelle Christen europäischer Abstammung gegründet hat, erzählte uns ohne Umschweife in die Kamera, dass nur diese Personengruppe das eigentliche, das wahre Amerika ausmacht. Sowas wurde immer schon gedacht, aber inzwischen werden solche Ideen mit einem neuen Selbstbewusstsein offen vorgetragen.

Sie erzählen die Geschichte Amerikas über die Themen Freiheit, Spaltung und Macht. Warum haben Sie sich genau für diese drei Perspektiven entschieden?
Freiheit, Spaltung und Macht sind die drei roten Fäden, die sich durch 250 Jahre amerikanische Geschichte ziehen. Sie verbinden die Gründungsdokumente mit aktuellen Konflikten um Rassismus, Migration, Waffen, Identität und die Rolle der USA in der Welt – und geben den drei Filmen eine gewisse Struktur. Aber ehrlich gesagt, überlappen sich diese Themen auch. Zum Beispiel der Freiheitsbegriff: Für die Einen bedeutet Freiheit, überall Pistolen und Gewehre tragen zu dürfen, andere würden gerne die Freiheit genießen, keine Angst vor Waffengewalt und Amokläufen haben zu müssen.

Auffällig ist die große Bandbreite Ihrer Protagonisten – von Trump-Anhängern über Einwanderer bis hin zu Bürgerrechtlern. Nach welchen Kriterien haben Sie die Menschen ausgewählt, die stellvertretend für Amerika stehen?
Wir haben Menschen gesucht, an denen sich gesellschaftliche Bruchlinien konkret erzählen lassen – an der Grenze, in Reservaten, in heruntergekommenen Industriestädten oder wohlhabenden Vororten. Wichtig war uns, dass sie bereit sind, persönlich zu erzählen und dass ihr Blick über das Klischee hinausgeht, egal ob Trump-Fan, Migrantin, Bürgerrechtlerin oder Waffenaktivist. Aber auch unsere breite Auswahl bleibt nur ein Ausschnitt. Die USA sind so unfassbar groß und divers, sodass jeder Film nur ein Mosaikstein eines größeren Bildes sein kann.

In der Folge über die Spaltung begegnen Sie Menschen, die das gleiche Land völlig unterschiedlich wahrnehmen. Hat Sie überrascht, wie weit die gesellschaftlichen Realitäten inzwischen auseinanderliegen?
Ja, dass die USA gespalten sind, ist zwar mittlerweile ein Allgemeinplatz, aber es erstaunt mich jedes Mal aufs Neue, wie stak das Land auseinanderdriftet. Ein Lakota-Reservat mit extrem niedriger Lebenserwartung und das Leben einer erfolgreichen Schönheitschirurgin in Beverly Hills existieren zwar im selben Land, aber nicht in derselben Realität. Das macht auch das filmische Arbeiten in den USA so spannend. Eigentlich reist man nicht durch ein Land, sondern durch unterschiedliche Galaxien. Das bedeutet aber auch: Der Einfluss des Präsidenten auf das alltägliche Leben ist oft kleiner, als man denkt. Im ländlichen Amerika ist Washington manchmal wahnsinnig weit weg. Da interessiert die Leute eher die nächste Sherrif-Wahl, die konkreten Probleme in ihrem County oder die lokalen Waffengesetze.

Mit Pamela Hemphill, der sogenannten „MAGA-Granny“, sprechen Sie mit einer Frau, die beim Sturm auf das Kapitol dabei war und heute Reue zeigt. Was hat Sie an ihrer Geschichte besonders fasziniert?
Sie verkörpert die Radikalität, aber auch die Verletzlichkeit dieses Moments. Hemphill ist jemand, die sich als Patriotin sah, in einer Medienblase lebte, nach Washington fuhr, um „Amerika zu retten“, und heute öffentlich eingesteht, dass sie sich geirrt hat – das macht sie als Figur des 6. Januar komplex und spannend. Allerdingst ist die ehemalige MAGA-Granny eine große Ausnahme. Die meisten Menschen, die in sich in ihren radikalisierten Blasen bewegen, finden da kaum noch heraus, so mein Eindruck.

Die Reihe zeigt immer wieder, dass viele aktuelle Konflikte ihre Wurzeln bereits in den Gründungsjahren der Vereinigten Staaten haben. Ist Amerika heute stärker von seiner Vergangenheit geprägt, als viele Amerikaner selbst wahrhaben wollen?
Ja, absolut. Wir in Europa tendieren dazu, uns zu sehr auf Donald Trump zu fokussieren. Aber er und seine Ideen kamen nicht aus dem Nichts. Ob es um das Wahlrecht, Landraub an Indigenen, Sklaverei, die rassistischen Jim-Crow-Gesetze, das historische Einwanderungsverbot für Chinesen oder die heutige Einreisesperre für Menschen aus vielen muslimischen Ländern geht: Die Kompromisse und Ungerechtigkeiten von damals stecken heute in Institutionen, Gesetzen und Machtasymmetrien. Auch, dass Bürgerrechte immer wieder neu erkämpft und verteidigt werden müssen und nicht nur ein Kapitel aus einem alten Schulbuch sind, wird gerade vielen Amerikanern klar. Zugespitzt gesagt: Die Gründung der USA begann mit einem Geburtsfehler. Dieselben, die sich ihre Freiheit von der britischen Krone erkämpft hatten, bauten ihr Land und ihren Wohlstand auf der Unfreiheit der verschleppten und versklavten Afrikaner auf. Oder noch früher angesetzt: Die ersten europäischen Siedler fanden ja kein leeres Land vor, sondern vertrieben und massakrierten die Indigenen. Die Soldaten, die in Wounded Knee das berüchtigte Massaker an den Ureinwohnern verübt hatten, bekamen damals Orden angeheftet. Und der heutige Kriegsminister, Pete Hegseth, hat gerade noch einmal bekräftigt, dass sie diese Orden auch völlig verdient bekommen hätten. Also, ja, die Vergangenheit ist noch immer sehr präsent.

In Ihren Filmen kommen sowohl Menschen zu Wort, die Amerika als Land unbegrenzter Möglichkeiten sehen, als auch jene, die sich seit Generationen ausgeschlossen fühlen. Gibt es nach Ihren Recherchen überhaupt noch einen gemeinsamen amerikanischen Traum?
Für manche Migranten funktioniert der Traum immer noch, und trotz aller Unzulänglichkeiten sind die USA weiterhin ein Sehnsuchtsort für viele Menschen. Wir haben in Ecuador mit einer politisch-verfolgten Frau aus Venezuela gedreht, die sich nichts sehnlicher für sich und ihren kleinen Sohn wünscht als ein Leben in den USA. Sie hatte sogar bereits die Zusage für ein Visum, aber Trump stoppte das Asylprogramm. Trotzdem versucht sie weiter, in das für sie gelobte Land zu kommen. Gleichzeitig ist der amerikanische Traum oft eben auch nur das: ein Traum. Die nackten Zahlen sind eindeutig. In keinem anderen westlichen Industrieland klafft die Schere zwischen Arm und Reich so weit auseinander. Die reichsten zehn Prozent der Amerikaner besitzen rund zwei Drittel des gesamten Vermögens. Jeder Zehnte lebt unterhalb der Armutsgrenze. Rein statistisch gesehen ist die Geschichte vom Tellerwäscher, der zum Millionär wird, ein Märchen. Aber es gibt natürlich viele spektakuläre Einzelfälle von sehr erfolgreichen Amerikanern, die das Gegenteil zu beweisen scheinen.

Die dritte Folge beschäftigt sich mit Macht und Amerikas Rolle in der Welt. Haben Sie den Eindruck, dass sich die USA unter dem Motto „America First“ gerade von ihrem Selbstverständnis als globale Führungsmacht verabschieden?
Ja, das tun sie. Nach desaströsen Kriegen, zuletzt im Irak und in Afghanistan, lassen sich solche teuren und tödlichen Missionen auch einfach nicht mehr gut bei den Wählern verkaufen. Trump hatte dafür einen Riecher und im Wahlkampf versprochen, sich aus Kriegen herauszuhalten – zumindest aus solchen, die den Amerikanern nicht ganz direkt Vorteile verschaffen. Militärisch bleiben die USA eine Supermacht, aber ihre moralische und politische Glaubwürdigkeit als „wohlwollender Hegemon“ erodiert. Der Rückzug aus multilateralen Institutionen, Kürzungen bei Entwicklungshilfe und kurzfristige Interventionen wie im Iran oder Venezuela signalisieren vielen Partnern, dass sie sich breiter aufstellen müssen. Aus Partnern werden Gegner. Trump wettert: „Die EU wurde gegründet, um die USA übers Ohr zu hauen.“

Mit Persönlichkeiten wie John Bolton, Jill Lepore, Keisha N. Blain oder Sebastian Thrun haben Sie sehr unterschiedliche Stimmen versammelt. Gab es unter den Experten eine Aussage, die Ihren eigenen Blick auf Amerika verändert hat?
Beeindruckt hat mich, wie klar Historikerinnen wie Jill Lepore und Nell Irvin Painter die Begriffe Freiheit, Rasse und Demokratie als dauernd umkämpfte Konzepte beschreiben. Und Yuval Levin hat mit seinem Hinweis, man solle weniger fragen, was die Gründerväter „gemeint“, und mehr, was sie tatsächlich „geschrieben“ haben, meinen Blick auf die Gründungsdokumente geschärft. Insgesamt bin ich immer wieder von dem unerbittlichen Optimismus der Amerikaner überrascht. Trotz aller aktuellen Probleme ist der Glaube an die Selbstheilungskräfte der Demokratie immer noch vorhanden. Aber, auch da waren sich die meisten Expertinnen einig: Bis zu einer politischen Kehrtwende wird noch viel Porzellan zerschlagen werden.

Die Reihe verbindet aktuelle Reportagen mit historischen Rückblicken. Wie schwierig war es, aus 250 Jahren amerikanischer Geschichte eine Erzählung zu entwickeln, die sowohl verständlich als auch differenziert bleibt?
Die größte Schwierigkeit war, radikal zu fokussieren, ohne zu verfälschen. Wir mussten uns auf Schlüsselereignisse und -konflikte konzentrieren und sie konsequent über Menschen erzählen – so wird Geschichte verständlich, bleibt aber in ihren Ambivalenzen sichtbar.

Wenn Zuschauer die drei Filme gesehen haben: Sollen sie Amerika am Ende besser verstehen – oder eher erkennen, wie viele Widersprüche und ungelöste Konflikte hinter dem Mythos des „American Dream“ stehen?
Idealerweise beides: ein tieferes Verständnis und ein geschärfter Blick für die Widersprüche. Wenn man nach den drei Filmen sagen kann: „Ich verstehe jetzt besser, warum dieses Land so widersprüchlich und zerrissen ist – und warum viele trotzdem an seine Ideale glauben“, dann hat die Reihe einen wichtigen Zweck erfüllt.

Vielen Dank für Ihre Zeit!

Das ZDF zeigt Teil eins „Spaltung“ von «Amerika – Traum und Wirklichkeit» am Dienstag, 9. Juni, 20.15 Uhr. Die Filme laufen in der Nacht zum Donnerstag ab 01.15 Uhr bis 03.30 Uhr. Natürlich ist die Reihe auch in der ZDFmediathek abrufbar.

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