First Look

«Nemesis»: Katz und Maus in L.A.

von

Gesetz gegen Verbrechen, Pflicht gegen Loyalität: In der neuen Netflix-Serie jagt ein brillanter Ermittler einen ebenso brillanten Verbrecher.

Vielen Krimiserien ist durchaus bewusst, dass sie bekannte Muster bedienen. Wenn sie diese dann aber mit genug Tempo, Energie und Charisma aufladen, kann das Ergebnis trotzdem funktionieren. «Nemesis» dürfte sich damit in eine lange Tradition einreihen: Denn die neue Netflix-Serie von Courtney A. Kemp und Tani Marole erzählt im Kern eine Geschichte, die man in Variationen schon oft gesehen hat: ein brillanter Ermittler, ein ebenso brillanter Verbrecher, eine persönliche Fehde und ein Katz-und-Maus-Spiel, das immer obsessiver wird. Die Frage ist deshalb weniger, was «Nemesis» erzählt, sondern vielmehr, wie das Format es erzählt. Die Antwort fällt jedenfalls gemischt aus.

Im Mittelpunkt stehen Detective Isaiah Stiles und der Meisterdieb Coltrane Wilder. Der eine ist ein besessener Polizist aus Los Angeles, der andere ein kriminelles Genie mit Geschäftsmann-Fassade. Die Serie baut ihre gesamte Dramaturgie auf dieser Konstellation auf: unbewegliches Objekt gegen unaufhaltsame Kraft, Gesetz gegen Verbrechen, Pflicht gegen Loyalität. Das ist klassisches Genre-Kino in Serienform und erinnert nicht zufällig an Vorbilder wie «Heat».

Zunächst funktioniert diese Plotgemengelage erstaunlich gut. Die ersten Folgen besitzen eine Dynamik, die sofort fesselt. Los Angeles wird als schillernder Schauplatz zwischen Reichtum, Kriminalität und institutioneller Macht inszeniert. Die Überfälle sind effektiv erzählt, die Spannung wird geschickt aufgebaut, und die Serie versteht es, ihre Figuren zunächst geheimnisvoll erscheinen zu lassen. Gerade Y'lan Noel als Coltrane Wilder bringt jene Mischung aus Coolness und latenter Bedrohung mit, die eine solche Figur benötigt.

Auch Matthew Law macht als Isaiah Stiles vieles richtig. Seine Darstellung lebt von einer permanenten inneren Anspannung. Isaiah ist kein makelloser Held, sondern jemand, dessen Jagd auf den Gegner zunehmend sein gesamtes Leben bestimmt. Die Serie versucht dabei immer wieder, die private Seite der Figuren einzubinden und Themen wie Familie und Loyalität mit der eigentlichen Krimihandlung zu verknüpfen. Genau dort liegen zugleich die größten Stärken und Schwächen der Serie.

Denn je länger «Nemesis» läuft, desto deutlicher wird ein strukturelles Problem: Die Serie möchte gleichzeitig Hochglanz-Heist-Thriller, Familiendrama, Polizeiserie und psychologisches Duell sein. Manchmal gelingt diese Mischung hervorragend. Dann entstehen Szenen, in denen man tatsächlich spürt, wie eng die Schicksale von Isaiah und Coltrane miteinander verwoben sind. In anderen Momenten wirkt das Format jedoch, als würde es mehrere unterschiedliche Genres gleichzeitig bedienen wollen. Der Ton schwankt zwischen harter Krimispannung und melodramatischen Familienkonflikten, ohne immer einen überzeugenden Ausgleich zu finden.

Hinzu kommt ein gewisser Hang zur Übertreibung. Coltrane Wilder entwickelt sich im Verlauf der Staffel immer stärker zu einer nahezu unantastbaren Figur, die aus Situationen entkommt, in denen die Glaubwürdigkeit sichtbar unter Druck gerät. Das muss nicht zwangsläufig ein Problem sein – viele große Krimiserien leben von überlebensgroßen Gegnern. Doch «Nemesis» bewegt sich dabei manchmal auf einem schmalen Grat zwischen Mythos und Unglaubwürdigkeit.

Dabei ist die Serie handwerklich überzeugend gemacht: Die Inszenierung besitzt Wucht, die Bildsprache ist hochwertig, und viele Actionsequenzen funktionieren hervorragend. Netflix liefert hier sichtbar eine Produktion ab, die größer und ambitionierter wirken möchte als das durchschnittliche Krimiformat. Auch die Nebenbesetzung mit Darstellern wie Gabrielle Dennis, Cleopatra Coleman und Domenick Lombardozzi sorgt dafür, dass selbst kleinere Rollen Präsenz entwickeln.

Am Ende zieht «Nemesis» viele Stärken aus seinem zentralen Duell. Gleichzeitig fehlt ihr jene erzählerische Präzision, die aus einem guten Thriller einen wirklich großen macht. Als ambitionierte, unterhaltsame und gelegentlich etwas überladene Krimiserie hat sie ihre besten Momente immer dann, wenn sie aufhört, größer sein zu wollen als ihre eigene Geschichte.

Die Serie «Nemesis» wird auf Netflix ausgestrahlt.

Mehr zum Thema... Heat Nemesis TV-Sender Netflix
Kurz-URL: qmde.de/172258
Finde ich...
super
schade
Teile ich auf...
Kontakt
vorheriger ArtikelBR zeigt Porträt über Gloria von Thurn und Taxis
Schreibe den ersten Kommentar zum Artikel
Weitere Neuigkeiten

Letzte Meldungen


Mehr aus diesem Ressort


Jobs » Vollzeit, Teilzeit, Praktika


Surftipp


Surftipps


Werbung