Interview

‚Arbeitsrealität passiert in Geschichten‘ – Sandra Westermann über «Liebe, Lunch & Lügen»

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Mit «Liebe, Lunch & Lügen» wagt das Karriereportal superheldin.io den Schritt ins fiktionale Erzählen und setzt auf ein Social-First-Microdrama. Gründerin Sandra Westermann erklärt, warum kurze Serienformate die Arbeitswelt emotional greifbarer machen sollen – und weshalb klassische Werbung dabei an Bedeutung verliert.

Frau Westermann, warum entscheidet sich ein Karriere- und Jobportal wie Superheldin dafür, ein fiktionales Serienformat zu produzieren?
Weil Arbeitsrealität nicht in Stellenanzeigen passiert, sondern in Geschichten. Gerade für unsere weibliche Zielgruppe ist es wichtig, Unternehmenskultur zu erleben statt nur Buzzwords zu lesen. Wir wollten einen Weg finden, Karriere greifbar zu machen, mit all den Emotionen, Dynamiken und Entscheidungen, die dazugehören. Ein fiktionales Format ermöglicht genau das.

«Liebe, Lunch & Lügen» wird als Social-First-Microdrama erzählt. Was unterscheidet dieses Format grundlegend von klassischen TV-Serien oder Streaming-Produktionen?
Microdrama ist konsequent für die Nutzung auf dem Smartphone entwickelt. Es ist vertikal, kurz und darauf ausgelegt, jederzeit und überall konsumiert zu werden. Während klassische Serien Zeit haben, sich zu entfalten, muss hier jede Sekunde funktionieren. Gleichzeitig findet das Format direkt im Social Feed statt, also genau dort, wo Menschen ohnehin Inhalte konsumieren.

Die Episoden sind extrem kurz und vertikal erzählt. Welche dramaturgischen Herausforderungen entstehen, wenn man Geschichten in unter 90 Sekunden erzählen muss?
Man muss sehr präzise erzählen. Es gibt keinen Raum für Umwege, jede Szene muss sofort tragen. Gleichzeitig braucht es ein gutes Gespür für Emotion und Timing. Mit Anna-Sophia Christmann haben wir eine Regisseurin und Drehbuchautorin an Bord, die genau diese Verdichtung beherrscht und es schafft, auch in kurzer Zeit echte Nähe zu Figuren aufzubauen.

Sie sprechen davon, Arbeitswelten „emotional“ sichtbar zu machen. Warum ist dieser Zugang für Employer Branding heute so wichtig?
Der Arbeitsmarkt hat sich stark verändert. Besonders Frauen suchen heute keinen Job, sondern einen Arbeitgeber, der zu ihren Werten passt. Gleichzeitig geht es immer stärker um Community-Building, Sichtbarkeit und relevante Berührungspunkte. In der heutigen Content-Flut müssen Unternehmen Wege finden, im Kopf und im Herzen der Zielgruppe anzukommen und Wiedererkennungswert zu schaffen. Microdrama ist dafür ein sehr passendes Format und gerade für unsere weibliche Zielgruppe eine logische Weiterentwicklung, weil es Nähe und Identifikation schafft.

Das Format verbindet Unterhaltung mit Marken und Arbeitsrealität. Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen Storytelling und Werbung?
Die Grenze ist Glaubwürdigkeit. Sobald Inhalte wie Werbung wirken, verlieren sie an Relevanz. Unser Anspruch ist es, Geschichten zu erzählen, die für sich stehen und in denen sich Menschen wiederfinden. Die Marke ist dabei eher der Rahmen als die eigentliche Botschaft.

Mit bekannten TV-Gesichtern wie Daniela Kiefer und Ben Blaskovic schlagen Sie eine Brücke zwischen klassischem Fernsehen und Social Media. Wie bewusst war diese Casting-Strategie?
Das war eine sehr bewusste Entscheidung. Wir wollten die Qualität und Vertrautheit klassischer TV-Produktionen mit einem neuen Format verbinden. Bekannte Schauspielerinnen und Schauspieler schaffen Vertrauen, gleichzeitig war uns eine hochwertige Produktion wichtig.

Microdramen sind international bereits ein Trend. Warum glauben Sie, dass dieses Format jetzt auch in Deutschland funktioniert?
Weil sich Mediennutzung verändert hat. Inhalte werden heute schneller, mobiler und stärker in den Alltag integriert konsumiert. Microdrama passt genau zu diesem Verhalten und trifft damit einen Nerv, der auch in Deutschland immer relevanter wird.

Die Serie richtet sich stark an Frauen und Karriere-Themen. Wie wichtig ist eine klare Zielgruppenansprache für den Erfolg solcher Social-Formate?
Sie ist entscheidend. Gerade im Recruiting fehlt eine zielgruppengerechte Ansprache häufig noch. Studien zeigen, dass sich viele Frauen von klassischen Stellenanzeigen nicht angesprochen fühlen. Wenn Inhalte nicht relevant wirken, erreichen sie ihre Zielgruppe nicht. Genau deshalb setzen wir auf Geschichten, die sich nah und persönlich anfühlen.

Sie veröffentlichen die Serie plattformübergreifend auf Instagram, TikTok, Facebook und YouTube. Wie stark unterscheiden sich Erzählweise und Schnitt je nach Plattform?
Wir fokussieren uns klar auf Instagram als Hauptplattform. Erzählweise und Schnitt sind konsequent auf diese Zielgruppe und ihr Nutzungsverhalten abgestimmt. Die Ausspielung auf weiteren Plattformen wird entsprechend angepasst, aber der Kern entsteht aus der Instagram-Logik heraus.

Klassische Serien setzen auf lange Staffeln und komplexe Handlungsbögen. Wie verändert sich serielles Erzählen, wenn alles auf kurze Clips ausgelegt ist?
Es wird fragmentierter, aber gleichzeitig intensiver. Jede Episode muss sofort funktionieren und gleichzeitig Lust auf die nächste machen. Die große Geschichte entsteht aus vielen kleinen, emotional aufgeladenen Momenten.

Sehen Sie «Liebe, Lunch & Lügen» als einmaliges Experiment oder als Startpunkt für ein größeres inhaltliches Ökosystem rund um Microdramen?
Wir sehen es klar als Startpunkt. Microdrama hat das Potenzial, sich zu einem festen Bestandteil von Kommunikation und Employer Branding zu entwickeln, gerade in Kombination mit Community und Plattformstrategien.

Ist das eine angenehmere Form als klassische Werbung?
Klassische Werbung arbeitet oft mit Hochglanzversprechen. Wir wollen stattdessen echte Einblicke geben und Geschichten erzählen, die sich authentisch anfühlen. Menschen entscheiden selbst, ob sie weiter schauen möchten. Das schafft eine ganz andere Form von Nähe und Vertrauen.

Vielen Dank für Ihre Zeit!

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