Filme des Grauens

«Hurry Up Tomorrow»

von

Ein ambitioniertes Psychodrama mit großen Namen scheitert an Selbstverliebtheit, fehlender Distanz und einem Drehbuch ohne echtes Gegenüber.

Mit «Hurry Up Tomorrow» wollte Abel Tesfaye, besser bekannt als The Weeknd, endgültig im Kino ankommen. Nach Cameos und der umstrittenen HBO-Serie «The Idol» sollte dieser Film der Beweis sein, dass er nicht nur Pop-Ikone, sondern auch ernstzunehmender Filmschaffender ist. Herausgekommen ist jedoch ein Werk, das weniger wie ein Spielfilm wirkt als wie eine 105 Minuten lange Selbstanalyse – ästhetisch aufwendig, emotional laut, aber erzählerisch erschreckend leer. Dass selbst prominente Mitspieler diesen Absturz nicht verhindern konnten, macht den Film zu einem Paradebeispiel für ein modernes „Filme-des-Grauens“-Phänomen: das künstlerische Vanity Project.

Regie führte Trey Edward Shults, der mit «It Comes at Night» und «Waves» zuvor als sensibler Chronist innerer Krisen galt. Gemeinsam mit Tesfaye und Reza Fahim entwickelte er eine Geschichte, die stark an reale Ereignisse aus Tesfayes Leben angelehnt ist: Depression, Schlaflosigkeit, Beziehungsabbrüche, der berühmte Stimmverlust während eines Konzerts 2022. Der Film folgt einer fiktionalisierten Version des Musikers, der von einer obsessiven Fanfigur in eine existenzielle Extremsituation gezwungen wird. Was nach Psychothriller klingt, entpuppt sich jedoch schnell als monotone Selbstbespiegelung.

Das zentrale Problem von «Hurry Up Tomorrow» liegt nicht in einzelnen Fehlentscheidungen, sondern im Grundkonzept. Der Film ist von Beginn an als Companion Piece zu einem Album gedacht, nicht als eigenständige Erzählung. Figuren existieren vor allem, um Tesfayes inneren Zustand zu spiegeln, nicht um selbst Bedeutung zu entfalten. Konflikte werden angedeutet, aber nie wirklich ausgespielt. Stattdessen reiht der Film stilisierte Szenen aneinander, die mal an Musikvideos, mal an Lynch-Versatzstücke erinnern, ohne daraus eine eigene Dramaturgie zu entwickeln. Kritiker sprachen folgerichtig von „Nabelschau“, „egomanischem Kunstwillen“ und einem Film, der sich selbst viel interessanter findet als sein Publikum.

Besonders auffällig ist das angesichts der Besetzung. Mit Jenna Ortega war eine der gefragtesten Schauspielerinnen ihrer Generation an Bord. Ihre Figur Anima ist aggressiv, verletzlich, rätselhaft – und bleibt dennoch erstaunlich flach. Ortega spielt mit enormem Einsatz, doch das Drehbuch verweigert ihr jede Entwicklung. Sie darf schreien, tanzen, drohen, faszinieren, aber nie wirklich existieren. Viele Kritiken betonten ausdrücklich, dass sie das Beste aus dem Material heraushole – was gleichzeitig ein vernichtendes Urteil über das Material selbst ist. Ähnlich ergeht es Barry Keoghan als Manager Lee. Intensiv, körperlich präsent, aber letztlich nur Funktionsträger, der Tesfayes Krise eskalieren soll, bevor er aus der Handlung entfernt wird.

Warum also war der Film so schlecht, obwohl er handwerklich solide, visuell ambitioniert und prominent besetzt ist? Die Antwort liegt im fehlenden Korrektiv. Tesfaye hatte nicht nur die Hauptrolle, sondern auch maßgeblichen Einfluss auf Drehbuch, Produktion und musikalische Gestaltung. Der Film kennt keine kritische Distanz zu seinem Protagonisten. Alles Leid ist bedeutungsschwer, jede Geste existenziell, jede Szene von der Überzeugung getragen, dass hier etwas zutiefst Wichtiges verhandelt wird. Genau das macht «Hurry Up Tomorrow» so ermüdend. Wo Selbstironie, Ambivalenz oder Perspektivwechsel nötig wären, herrscht bierernster Bedeutungsüberschuss.

Auch wirtschaftlich wurde das Projekt abgestraft. Bei einem Budget von rund 15 Millionen Dollar spielte der Film weltweit nicht einmal acht Millionen ein. Für Lionsgate war das Ergebnis trotz intensiver Vermarktung ein klarer Misserfolg. Die Kritiken fielen überwiegend vernichtend aus, mehrere Nominierungen bei den „Goldenen Himbeere“ folgten prompt. Der Film wurde als abschreckendes Beispiel für Popstar-Hybris gehandelt – in einer Reihe mit gescheiterten Musiker-Selbstporträts vergangener Jahrzehnte.

Für die Karrieren der Beteiligten hat das Scheitern unterschiedliche Folgen. Tesfaye bleibt musikalisch unangreifbar, sein Ruf als Filmschaffender hat jedoch deutlichen Schaden genommen. Nach «The Idol» und nun «Hurry Up Tomorrow» gilt er vielen als Künstler, dessen cineastische Ambitionen seine erzählerischen Fähigkeiten übersteigen. Ortega hingegen ging nahezu unbeschadet aus dem Projekt hervor und konnte ihre Position als gefragte Darstellerin festigen. Keoghan ohnehin bleibt ein Charakterdarsteller, dem ein einzelner Fehltritt nicht schadet.

Am Ende ist «Hurry Up Tomorrow» kein Film, der wegen seiner Qualität in Erinnerung bleibt, sondern wegen dessen, was er symbolisiert: die Illusion, dass persönliche Offenbarung automatisch große Kunst ergibt. Für „Filme des Grauens“ ist er damit ein idealer Kandidat – nicht als Trash im klassischen Sinne, sondern als hochbudgetierter Beweis dafür, dass Selbstverliebtheit das gefährlichste Monster des modernen Kinos ist.

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