Serientäter

Warum «The Pitt» im Kern genau das ist, was «Emergency Room» heute wäre

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R. Scott Gemmill und John Wells erzählen mit «The Pitt» ein Krankenhausdrama, das so nah an «Emergency Room» gebaut ist, dass aus Abkupfern eine überzeugende Weiterentwicklung wird.

Hinter dem 2025 gestarteten Krankenhausdrama «The Pitt» steckt R. Scott Gemmill, der in der sechsten Staffel von «Emergency Room» zum Autorenensemble stieß. Er steuerte zahlreiche prägende Episoden bei und wurde daraufhin für weitere Drehbücher verpflichtet. Neben David Zabel und John Wells gehörte Gemmill zu den wichtigsten kreativen Stimmen der Serie. Bei der neuen Krankenhausserie, die nicht mehr in Chicago, sondern in Pittsburgh beheimatet ist, verantwortet Gemmill die Konzeption und den Großteil der Drehbücher. Natürlich ist auch John Wells erneut beteiligt.

Im Vorfeld der amerikanischen Ausstrahlung kam es zu einem Zerwürfnis zwischen dem Nachlass des Serienerfinders Michael Crichton und der Produktionsfirma Warner Bros. Television, da ursprünglich ein «Emergency Room»-Spin-off geplant war. Da sich beide Seiten nicht einigen konnten, wich man auf ein anderes Krankenhaus aus. Rezipienten beider Serien werden jedoch feststellen, dass «The Pitt» in vielerlei Hinsicht durchaus «Emergency Room» ist. Der frühere Hauptdarsteller Noah Wyle ist nun nicht mehr John Carter, sondern Dr. Michael Robinavitch. Eine glückliche Familie hatte er bereits in der früheren Serie nicht – die Figuren ähneln sich deutlich.

Wie schon bei «Emergency Room» steht das Leben der Ärzte und Pfleger im Mittelpunkt. Während Dr. Greene bei «ER» im Aufwachraum geweckt wurde, stehen die Ärzte hier nach einer Schicht als ikonisches Bild auf dem Dach und sprechen über die vergangenen Belastungen. In der Notaufnahme zählen „Robby“ Robinavitch (Noah Wyle), Dr. Heather Collins (Tracy Ifeachor), Dr. Frank Langdon (Patrick Ball) und Dana Evans (Katherine LaNasa) zu den zentralen Figuren. Hinzu kommen zahlreiche Berufsanfänger wie Dr. Samira Mohan (Supriya Ganesh), Dr. Cassie McKay (Fiona Dourif), Mel King (Taylor Dearden), Dr. Trinity Santos (Isa Briones), Dennis Whitaker (Gerran Howell) und Victoria Javadi (Shabana Azeez). Mit gleich zehn relevanten Figuren ist das Erzähltempo von Beginn an höher als in den frühen «Emergency Room»-Folgen.

Während Robbys Schicht um sieben Uhr morgens beginnt, entdeckt Stationsschwester Dana Evans, dass die Ärztin Heather Collins schwanger ist – das erste erzählerische Detail ist gesetzt. Kurz darauf wird eine Frau eingeliefert, die kein Englisch spricht und auf ein U-Bahn-Gleis gestoßen wurde. Die Medizinstudentin Javadi fällt beim Anblick eines schwer verletzten Fußes in Ohnmacht und wird daraufhin von einer Kollegin wiederholt gemobbt. Unterdessen erscheint Krankenhausdirektorin Gloria Underwood (Michael Hyatt), die unmissverständlich bessere Patientenzufriedenheitswerte von der Notaufnahme fordert. Diese Figur erinnert stark an Dr. Kerry Weaver aus «Emergency Room», die zwischen Staffel sechs und zwölf von Laura Innes gespielt wurde. Während früher jedoch kaum Sicherheitspersonal präsent war, haben sich die Probleme im modernen Klinikalltag deutlich verschärft.

Das „Pitt“ verfügt zwar über zahlreiche Traumazentren, und die meisten Geräte funktionieren, doch auch in den Vereinigten Staaten gibt es massive strukturelle Probleme: Es fehlt an Pflegepersonal. Dadurch bleiben Patienten viel zu lange in der Notaufnahme, statt in Fachabteilungen verlegt zu werden. Da dort wiederum Betten fehlen, wird die Notaufnahme zum Auffangbecken – mit der Folge, dass sie weder ausreichend Betten noch die stetig wachsende Zahl an Notfällen bewältigen kann.

Auch die Krankheitsbilder sind deutlich an die Gegenwart angepasst. Patienten kommen nicht mehr wegen skurriler Fremdkörper ins Krankenhaus, sondern etwa, weil ein Kind Cannabis-haltige Gummibärchen aus der Jackentasche seines Vaters gegessen hat. Der Konsum mag legal sein, legte das Kind jedoch komplett lahm. Auch der Missbrauch von Drogen, die mit Fentanyl versetzt sind, spielt eine zentrale Rolle. Ein Teenager namens Nick Bradley wird eingeliefert und als hirntot diagnostiziert. Robby (oder doch Dr. Carter?) versucht, den Eltern klarzumachen, dass sich ihr Sohn nicht erholen wird. Über Stunden hinweg werden weitere Tests durchgeführt, um der Familie Raum für Abschied zu geben. Ebenso eindrucksvoll ist die Geschichte von Mr. Spencer, einem Alzheimer-Patienten mit Sepsis, dessen Kinder seinen Tod nicht akzeptieren wollen.

Über die gesamte erste Staffel hinweg zieht sich zudem der Fall von Theresa, einer Mutter, die ihren Sohn absichtlich vergiftet hat, um gemeinsam mit ihm in der Notaufnahme zu landen. Sie berichtet Robby und der Sozialarbeiterin Kiara (Krystel V. McNeil), dass sie eine Liste mit Namen von Mädchen gefunden habe, denen ihr Sohn möglicherweise etwas antun könnte. Der junge Mann flüchtet aus dem Krankenhaus und veröffentlicht anschließend kryptische Beiträge in sozialen Medien. Nachdem es auf einem Musikfestival zu einer Schießerei kommt, liegt der Verdacht nahe, dass er darin verwickelt sein könnte.

Wie schon bei «Emergency Room» spielt auch in «The Pitt» schwarzer Humor eine wichtige Rolle. So wird etwa ein Obdachloser eingeliefert, der mehrere Ratten unter seinem Hemd versteckt hat. Zwei Pflegerinnen kommentieren die Ärzte auf Nepalesisch, bis eine Medizinstudentin mit einsteigt und sie damit entlarvt. Da die Serie nicht mehr im Network-Fernsehen läuft, sind zudem explizitere Inhalte möglich: Ein schizophrener Patient uriniert einen Arzt an, bei einem anderen ist deutlich ein Katheter im Penis zu sehen, und auch Geburten werden mithilfe von Prothesen sehr realistisch dargestellt.



Auch wenn «The Pitt» zahlreiche erzählerische Elemente von «Emergency Room» übernimmt, lässt sich festhalten: Das ist eine sehr gute Serie. Die erste Staffel ist hervorragend erzählt, zahlreiche Patientenschicksale entfalten sich über die 15 Episoden hinweg. Hinzu kommt ein Terroranschlag, der die Notaufnahme – wie einst in der NBC-Serie – vollkommen unter Strom setzt. Es bleibt zu hoffen, dass die zweite und dritte Staffel dieses hohe Niveau halten können. Übrigens: «Emergency Room» war im ersten Jahr deutlich schwächer.

«The Pitt» ist bei HBO Max abrufbar.

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