Wie kommt es dazu? Und was wünschen sich Studierende vom Fernsehen – sowohl als Zuschauerinnen als auch als potenzielle Medienmacherinnen?
Streaming statt Schichtdienst – wie sich Sehgewohnheiten verändern
Die meisten Studierenden wachsen heute mit On-Demand-Angeboten auf. Formate auf Netflix, YouTube, TikTok oder in den Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender sind jederzeit verfügbar – ganz ohne feste Sendezeiten. Laut der ARD/ZDF-Onlinestudie 2023 (PDF) schauen rund 90 Prozent der 14- bis 29-Jährigen Videos überwiegend online.
Klassisches, lineares Fernsehen verliert in dieser Altersgruppe zunehmend an Bedeutung – nicht aus Desinteresse, sondern weil es oft nicht mehr in den Alltag passt. Inhalte müssen heute flexibel konsumierbar, mobil verfügbar und vor allem persönlich relevant sein.
Was sich Studierende vom Fernsehen wünschen – inhaltlich
Viele junge Medieninteressierte sind keineswegs medienmüde – im Gegenteil. In Seminaren und Praxisprojekten setzen sie sich intensiv mit Serien, Shows und journalistischen Formaten auseinander. Dabei äußern sie klare Erwartungen:
• Mehr Repräsentation: Viele empfinden das TV-Angebot als wenig vielfältig. Es fehlen Perspektiven von Menschen mit Migrationshintergrund, queeren Identitäten oder mit Behinderung.
• Aktuelle Themen: Fragen wie Klimawandel, mentale Gesundheit, soziale Ungleichheit oder digitale Bildung sind vielen Studierenden wichtig – im Fernsehen kommen sie oft zu kurz.
• Authentizität statt Imagepflege: Junge Zielgruppen sind sensibel für Inszenierung. Formate, die nur auf Quote setzen, wirken schnell unglaubwürdig.
Es geht nicht nur darum, neue Gesichter zu zeigen – sondern auch darum, wie Geschichten erzählt werden: ehrlich, mutig und auf Augenhöhe.
Was Studierende vom Berufsfeld Fernsehen erwarten
Neben inhaltlichen Aspekten geht es vielen auch um den Zugang zur Branche. Wer heute Fernsehen machen will, muss häufig Umwege gehen: unbezahlte Praktika, komplizierte Bewerbungswege, fehlende Ansprechpersonen.
Häufig genannte Wünsche:
• Fair bezahlte Einstiegsjobs und Praktika
• Mentoring-Programme und echte Nachwuchsförderung
• Kooperationen mit Hochschulen, die nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch funktionieren
Einige Initiativen zeigen, wie es besser gehen kann: Das Projekt „Young Reporter“ von ARTE ermöglicht jungen Journalist*innen, europaweit Beiträge zu realisieren – mit professioneller Begleitung, aber eigenverantwortlich. Auch das Grimme-Institut fördert mit Workshops und Medienwettbewerben aktiv den journalistischen Nachwuchs.
Warum viele nicht in der Branche landen – und was sich ändern müsste
Obwohl viele Studierende sich für Medien begeistern, entscheiden sie sich nach dem Studium oft gegen eine Karriere im Fernsehen. Die Gründe sind vielfältig:
• Unsichere Arbeitsbedingungen
• Befristete Verträge oder freie Mitarbeit
• Wenig Mitgestaltungsmöglichkeiten im Senderalltag
• Kaum direkte Kontakte zwischen Hochschule und Branche
Während Tech-Unternehmen, Start-ups oder Agenturen aktiv an Hochschulen werben, wirken viele Sender nach wie vor abwesend. Das wirkt nicht nur unzeitgemäß – es kostet der Branche wertvolles Potenzial.
Impulse für ein besseres Miteinander
Was könnte die TV-Branche tun, um junge Talente wieder stärker einzubinden? Hier einige konkrete Ansätze:
1. Sender sichtbarer machen – z. B. durch regelmäßige Präsenz an Hochschulen, offene Workshops oder Gastvorträge
2. Feedback ernst nehmen – Studierende haben oft frische Perspektiven auf Inhalte und Formate
3. Experimentierräume schaffen – z. B. Nachwuchsprojekte, Webformate, „Testballons“ jenseits des Mainstreams
4. Arbeitsbedingungen verbessern – denn Motivation braucht Perspektive
Es gibt kein Nachwuchsproblem – sondern ein Anschlussproblem
Die junge Generation ist da – motiviert, ausgebildet und medienkompetent. Was fehlt, ist der Brückenschlag zwischen Hochschule und Redaktion, zwischen Streaming-Realität und TV-Struktur.
Fernsehen hat eine Chance, sich neu zu erfinden – nicht nur als Format, sondern auch als Arbeitsort. Dazu braucht es Offenheit, Beteiligung und das ehrliche Interesse, junge Menschen mitreden und mitgestalten zu lassen.
Was denkst du? Wie müsste Fernsehen heute aussehen, damit du darin arbeiten willst – oder wieder zuschaust?
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