Hingeschaut

«It Takes 2»: Geht Musikshow ohne Trash bei RTL?

von   |  3 Kommentare

Trotz abschreckender Beispiele aus der Vergangenheit und des noch immer großen Publikumszuspruchs für die Bohlen-Formate versuchen sich die Kölner nun sonntagabends mit weitgehender Seriosität. Ob das klappt? Der große Kick fehlte dem Neustart zu Beginn jedenfalls noch.

Noch vor einiger Zeit reichte bereits eine Dauerrotation von «Navy CIS», um am ansonsten vollständig Spielfilm-dominierten Sonntagabend eine echte Exoten-Rolle einzunehmen. Doch mit dem Erstarken von Streaming-Diensten wie Netflix und Amazon Prime und der damit einhergehenden Schwächung für fiktionale Kost haben sich zuerst VOX und kürzlich auch Sat.1 vom ungeschriebenen, aber unterschwellig in der Fernsehbranche doch omnipräsenten Gesetz losgesagt, dass Shows am letzten Tag der Woche nicht funktionieren können - mit zum Teil beachtlichen Erfolgen. Im Wissen um die seit je her überwiegend miesen Film-Quoten und die Eigendynamiken des Marktes, sobald ein Akteur mit einem neuen Konzept Überraschungserfolge feiert, war es nur eine Frage der Zeit, bis auch RTL nachzieht. Ob allerdings «It Takes 2» für die erhoffte Initialzündung sorgen wird, bleibt nach Sichtung der ersten Folge fraglich.

Die Zweifel daran hängen nicht unbedingt damit zusammen, dass die neue Musikshow aus den Niederlanden schlecht gemachtes Fernsehen wäre. Im Gegenteil: Mit einer eigenen Show-Band, einer durchaus stilvollen Aufmachung und gleich sechs echten Musikern in der Jury bzw. unter den Mentoren fährt man so Einiges auf, das die Akzeptanz unter Musikliebhabern steigert. Und auch die Show-Konkurrenz war an diesem Sonntagabend mit der «Promi Shopping Queen» und dem inhaltlich gelungenen und dennoch krachend gescheiterten «Duell der Stars» in Sat.1 gewiss nicht übermächtig - ganz im Gegensatz zum RTL-Anschlussprogramm im australischen Regenwald. Die Skepsis ist eher ein Resultat der negativen Vorerfahrungen, die der Sender in den vergangenen Jahren machte, sobald er es sich wagte, im Musik-Segment mehr Substanz anbieten zu wollen als den seit Jahren am Samstag allgegenwärtigen Theaterstadl mit Dieter Bohlen und des Umstands, dass der Auftakt ein wenig zu nichtssagend daherkam.


Konzept der Auftaktfolge: Spannung kriegt ihr später!


Schon das grundsätzliche Konzept der Sendung ist im Hinblick auf eine möglichst rasche Publikumserschließung erwähnenswert: Die erste Folge begnügte sich nämlich damit, neun Prominente nacheinander singen zu lassen und diese dann auf drei Mentoren (Christina Stürmer, Gil Ofarim und Jazz-Sänger Tom Gaebel) aufzuteilen. Zu den Mentoren treten noch drei weitere Musiker (Conchita Wurst, Alvaro Soler und Angelo Kelly) hinzu, die über die Gesangskünste der Stars urteilen - was allerdings die Mentoren anschließend ebenfalls machen, nur um das «The Voice»-Element ergänzt, dass sie die Auftritte nicht sehen und lediglich anhand der Stimme urteilen müssen. Ist jetzt nicht völlig reizlos, diese Idee, doch letztlich hätte die Auftaktfolge auch sehr gut ohne die Jury funktioniert. Warum es sie dennoch gibt? Weil sie ab der zweiten Folge als sachliche Beurteilungsinstanz fungieren wird, die Punkte vergibt, während sich die drei Mentoren darum kümmern werden, dass ihre Schützlinge möglichst gut wegkommen.

Das spannendere, mehr Dynamik versprechende Element der Show hat man sich also für die zweite von insgesamt fünf Folgen aufgehoben und sich am Sonntag darauf verlassen, dass die Sendung schon ein ausreichendes Grundinteresse hervorrufen würde, um die Menschen zum Einschalten zu bewegen. Das ist ein durchaus mutiger Schachzug, der böse nach hinten losgehen kann: Denn wenn erstmal das erste Promi-Trio gesungen hat und den Mentoren zugewiesen wurde, ist diese Episode konzeptionell komplett entdeckt und reproduziert im Anschluss nur zwei weitere Male das bereits Gesehene - freilich mit neuen Performances, aber das war es dann letztlich auch an Gründen, bis zum Ende dranzubleiben. Reicht das zur Prävention vor den starken zuschauerseitigen Umschaltreflexen am komplizierten Sonntagabend? Vielleicht eher nicht.



Warum ein Erfolg wünschenswert wäre


Promi-Sänger bei «It Takes 2»

  • Schauspielerin Mimi Fiedler
  • Profitänzerin Isabel Edvardsson
  • Comedian Dave Davis
  • Moderatorin Annett Möller
  • Olympiasieger Matthias Steiner
  • Schauspielerin Rebecca Siemoneit-Barum
  • Model Hana Nitsche
  • Sternekoch Kolja Kleeberg
  • Schauspieler André Dietz
Dabei gibt es genügend Gründe, sich einen Erfolg zu wünschen. Der Musik- und TV-Idealist dürfte schon weiter oben bei den Stichworten "Show-Band" und "stilvolle Aufmachung" aufgehorcht haben, sind diese doch als klare Abgrenzung zu dem weitgehend unmusikalischen Trash-Feuerwerk zu interpretieren, das unter der strengen Rigide Dieter Bohlens regelmäßig samstagabends zu bestaunen ist. In diesem Zusammenhang sei lobend ergänzt, dass die allermeisten Prominenten (siehe Infobox) tatsächlich über gesangliche Talente verfügen, also die Kernintention der Macher gewiss nicht war, als neuestes Dissobjekt semi-ironischer Twitterer zu fungieren und mit schiefen Gesängen unmusikalischer Tonallegastheniker Häme und Voyeurismus zu befeuern. Wie schon Konzept, Aufmachung und das Engagement ernstzunehmender Musiker als Jury und Mentoren erinnert also auch die Selektion der "Talente" eher an «The Voice» als an «DSDS» und «Das Supertalent», auch wenn dessen Niveau dann doch nur selten erreicht wird.

Teilweise erinnert die Sendung gar ein wenig an die VOX-Shows am Dienstagabend, ist sie doch bewusst zurückhaltend inszeniert und kommt in Tonfall und Optik ohne jeden überladenen Pomp aus - übrigens im Gegensatz zu «The Voice», das mit diesen Inszenierungsmethoden nicht gerade geizt. Bedauerlich ist in diesem Zusammenhang nur, dass Sender und das für die Produktion verantwortliche Talpa Germany im Schnitt nicht gerade die feinfühligste Kraft hat zur Tat schreiten lassen, denn die Schnitte sind an vielen Stellen viel zu hart und offensichtlich und kreieren damit an mancher Stelle eine Hektik, die den ansonsten eher heimelig-ruhigen Gesamteindruck ein wenig unterwandern.

Lobend zu erwähnen ist dagegen neben dem gewohnt guten Daniel Hartwich auch dessen Co-Moderatorin Julia Krüger (Foto). Mit «Klub» (RTL II) und ihren Joiz-Tätigkeiten hat sie angesichts ihrer noch jungen 26 Lebensjahren schon eine recht respektable Vita vorzuweisen und wusste auch bei ihrem ersten Einsatz auf der großen Show-Bühne zu überzeugen. Auch wenn sie noch ein wenig in der Mentoren-Lounge versteckt wurde, machte sie an Hartwichs Seite gleich auf Anhieb einen erheblich besseren Job als Sylvie Meis, die neben ihm auch nach sechs Jahren noch immer eher wie die 15-jährige Praktikantin wirkt, die "was mit Medien machen" und "erste Moderationserfahrungen sammeln" möchte. Sollte «Let's Dance» also sein Publikum in diesem Jahr doch mal erlösen wollen, Krüger wäre eine gute Alternative - ehrlicherweise aber auch nicht die einzige.

Wie hat euch der Auftakt von «It Takes 2» gefallen?
Sehr gut, ich freue mich schon auf die weiteren Folgen.
34,6%
War in Ordnung, da kann man zumindest mal reinschauen.
31,1%
Ganz mies, das muss ich nicht noch einmal sehen.
16,0%
Habe es (noch) nicht gesehen.
18,3%


Fazit: Ein Erfolg wäre wichtig - in vielerlei Hinsicht


Unterm Strich bietet «It Takes 2» seinem Publikum gute und durchaus ansehnliche Unterhaltung, weiß sein Potenzial aber in Folge eins noch nicht vollständig zu entfalten - was im Hinblick auf den Publikumserfolg ein Problem darstellen könnte. Fast spannender als die Auftaktfolge dürfte die Sendung der kommenden Woche werden, in der das beim Auftakt noch etwas in der Luft hängende Jury- und Mentoren-Prinzip so richtig zur Entfaltung kommen sollte. Für RTL wäre ein Erfolg des Formats enorm wichtig: Einerseits, um nach dem noch immer nicht vollständig abgeklungenen «Rising Star»-Flop endlich einmal unter Beweis zu stellen, dass Gesangscastings bei den Kölnern auch ohne Dieter Bohlen funktionieren. Andererseits aber auch, um auch am Sonntagabend ein wenig Licht neben all dem Schatten der letzten Jahre sehen zu können. Und nicht zuletzt auch, um Sonja Zietlow nicht allzu viele Anlässe zu geben, ihren allgegenwärtigen Moderationskollegen in den kommenden 13 «Ich bin ein Star»-Folgen mit dem Flop seines neuesten Projekts aufzuziehen.

RTL wird auch in den kommenden vier Wochen weitere Folgen von «It Takes 2» zeigen - sonntags um 20:15 Uhr.

Kurz-URL: qmde.de/90594
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Es gibt 3 Kommentare zum Artikel
Familie Tschiep
16.01.2017 01:58 Uhr 1
Für den Erfolg spricht, dass es vor dem Dschungel läuft. Gegen den Erfolg spricht , es ist eher eine zweitklassige Idee, schon wieder Promis, schon wieder Singen, schon wieder Jury, das Alleinstellungsmerkmal ist mir zu schmal.

Ich hätte mir einen Auswahlpunkt gewünscht mit : "Wenn nichts Besseres läuft, kann man es mal gucken."
Gnutzhasi
16.01.2017 09:52 Uhr 2
B-Promis und das ist schon sehr wohlwollend ! Die Sendung ist einfach langweilig und Hartwich muß vorsichtig sein. RTL mag in ihm eine Art Geheimwaffe sehen, aber mittlerweile sind die Witzchen und die Art ermüdend. Weniger wäre für ihn mehr !
P-Joker
16.01.2017 13:53 Uhr 3


Bei 2 - 3 davon mag das vielleicht stimmen!

Die meisten sind aber mehr oder weniger recht bekannt!
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