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Züchtig oder explizit: Sex als erzählerisches Mittel

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Sexszenen können in Film und Fernsehen unfassbar klischeehaft und gehaltlos sein. Quotenmeter.de zeigt auf, dass dem aber nicht so sein muss.

Seit zig Staffel steht die Frage im Raum: Werden sie, oder werden sie nicht … Sie sind eigentlich nur Freunde. Doch es knistert schon lange zwischen ihnen. Und nun kommt sie, sie wurde vorab heftig betrailert: Die große Folge. Die große Folge, die ihre Beziehung für immer verändern wird. Sie gehen zusammen heim. Trinken ein Glas Rotwein. Ein Popsong setzt ein. Sie küssen sich. Küssen sich erneut. Gehen zögernd ins Schlafzimmer. Sie zieht ihr Oberteil aus, stellt einen Spitzen-BH zur Schau. Sie umschlingen sich, küssen sich, stürzen leise kichernd ins Bett. Schwarzblende.

Dutzende, vielleicht sogar Hunderte Serien setzten sie bereits ihrem Publikum vor: Eine Abwandlung dieser Standard-Sexszene, die eigentlich nicht mehr ist, als eine keuche, nichtssagende Bestätigung dessen, dass zwei Figuren nunmehr eine Beziehung haben. Oder wenigstens eine sexuelle Vergangenheit, die künftig ihren Umgang miteinander verkompliziert. Über das Wesen dieser Figuren lernt der Zuschauer dadurch praktisch gar nichts, und kunstfertig kann man diese Fließbandsequenz auch nicht gerade nennen. In Spielfilmen existiert eine ähnliche Klischeesequenz. Eventuell mit viel Weichzeichner gefilmt, sanft funkelnden Lichtern im Bild und natürlich mit der berühmt-berüchtigten, L-förmigen Bettdecke, die am nächsten Morgen dem Mann erlaubt, seine glänzenden Bauchmuskeln vorzuführen, während die Frau bis zum Hals bedeckt wird.

Wer den Mainstream verlässt, bekommt im Arthouse-Kino und bei diversen Kabelserien alternativ Nacktheit um der Nacktheit willen vorgesetzt. Da wackeln und schlackern Körperteile durch die Gegend und klatschen aneinander, weit mehr, als es die Handlung mitunter verlangt. Wenn es überhaupt eine Handlung gibt – Regisseur Michael Winterbottom etwa gab zu, seinen kontroversen Film «9 Songs» nur gedreht zu haben, um auszuloten, wie explizit es zur Sache gehen darf, bis sich die Jugendschutzanstalten auflehnen.

Viel nackte Haut, aber auch inhaltliche Aussagen


Dass es auch anders geht, und Sexszenen sehr wohl die Handlung und Charakterisierung der Figuren vorantreiben können, beweist unter anderem Lars von Trier, beispielsweise in seinem kontroversen Film «Idioten». Darin verhält sich eine Gruppe Jugendlicher bewusst idiotisch und antisozial, um sich gegen ihr Umfeld aufzulehnen – was sich auch in einer alle Freiheiten gestattenden, Eitelkeiten verbietenden Orgie ausdrückt. Im Zweiteiler «Nymphomaniac» letztlich sind sexuelle Handlungen praktisch das Rückgrat des Films, skizziert er doch die Höhen und Tiefen im Leben einer pessimistischen, weltverdrossenen Sexsüchtigen. Die Passivität oder eben Aktionsfreude, mit der die Protagonistin (in den Jugendszenen gespielt von Stacy Martin, in den Erwachsenenszenen von Charlotte Gainsbourg) verdeutlichen somit, mehr noch als ihre Dialogsequenzen, ihre Befindlichkeit.

In eine ähnliche Kerbe schlägt Gaspar Noés «Love 3D». Zwar reicht das Erotikdrama aufgrund seiner schwerfälligen, pathetischen Dialoge weit hinter von Triers schwarzhumorigem «Nymphomaniac» zurück, dennoch weiß Noé, Sex zu nutzen, um den schleichenden Zerfall einer Beziehung darzustellen. Die zentrale Szene der Produktion ist ein Dreier zwischen einem vermeintlich glücklichen Paar und deren neuen Nachbarin. Der angebliche gemeinsame Wunsch, diesem Abenteuer nachzugehen, beginnt ausgeglichen, doch nach und nach schenkt der Protagonist immer mehr seiner Aufmerksamkeit der Nachbarin, während seine Partnerin an den Rand gedrängt wird – in dieser Szene sind die grafischen Aufnahmen kein reiner Selbstzweck, sondern dienen wortlos einer klar verständlichen Erzählung.

Der weniger grafische Weg


Doch selbst Filme und Serien, die nicht dermaßen explizite Wege gehen wollen, müssen nicht auf einem dermaßen nichtssagenden Niveau operieren wie unser anfängliches Modellbeispiel. Ron Howards «Rush – Alles für den Sieg» etwa intensiviert die gegensätzliche Charakterzeichnung der Rennfahrer Nikki Lauda und James Hunt, indem letzterem schnelle, wilde, kurze Sexszenen gegönnt werden, bei denen etwa auch mal eben eine Dusche demoliert wird. Der besonnene Lauda hingegen, und hier zeigt sich, dass Howard als Regisseur nicht den offensichtlichsten Weg geht, drückt die Hingabe zu seiner Gefährtin nicht etwa vollkommen züchtig und verklemmt, sondern in einer romantischen, ruhigen Nacktbadeszene in eleganter Zweisamkeit aus. Ein simples, aber gelungenes Exempel.

Ein Paradebeispiel dafür, wie Sex als erzählerisches Mittel verwendet werden kann, ist «Gone Girl – Das perfekte Opfer». Der Thriller, basierend auf dem von Gillian Flynn geschriebenen Bestseller, handelt davon, dass Nick Dunne (gespielt von Ben Affleck) unter Verdacht steht, seine Frau Amy (Rosamund Pike) ermordet zu haben. Selbstredend gewinnt eine solche Geschichte viel Spannung daraus, dass sich das Publikum unsicher ist, ob Nick die Tat vollzogen haben könnte. Laut Fincher, der im Rahmen der «Gone Girl»-Pressetour intensive Einblicke in den Entstehungsprozess der Oscar-nominierten Romanadaption gab, besteht bei solchen Geschichten bei vielen Frauen jedoch ein Bias: Sie begegnen der Story von Beginn an mit der Überzeugung, dass der Mann schuldig ist. Um einen Samenkorn des Zweifels zu streuen, zeigt eine frühe Rückblende auf die Anfänge der Beziehung zwischen Nick und Amy, wie er sie oral befriedigt – also willens ist, sich unterzuordnen und sein Gegenüber auf eine Art zu verwöhnen, die vielen Männern missfällt. Laut Fincher erfüllte die Szene ihren Zweck: Sie sei der Grund, weshalb sich Frauen denken: „Hm, vielleicht ist Nick doch nicht so übel“, wodurch die Frage nach dem Täter unklarer und der Film packender wird.

Und selbst eine Marvel-Serie weiß, Sexszenen bewusst einzusetzen: «Jessica Jones» zeigt die Titelheldin zunächst als frustrierte Bettgefährtin, die zwar die Oberhand behalten will, die aber dennoch den Eindruck erweckt, nicht ganz bei der Sache zu sein. Dies unterstreicht gekonnt und, da es nie verbal thematisiert wird, unaufdringlich die Hintergrundgeschichte Jones‘, die durch eine brutale Ex-Beziehung traumatisiert wurde. Darüber hinaus fügt es sich flüssig in ihren Charakter: Sie hat Superkräfte, will sie aber nicht einsetzen, und dennoch hat sie den Drang danach, Menschen zu helfen. Jones ist eine aktive, dominante Persönlichkeit, die sich aber selber an der kurzen Leine hält – und erst im späteren Verlauf der Serie lässt sie ihre Hemmungen fallen, sowohl in ihrem Vorgehen bei der Verbrechensbekämpfung als auch im Bett.

Und nun?


Sexszenen sind in Film und Fernsehen zwar ein Hort der Klischees, doch es gibt zahlreiche Beispiele dafür, wie mit gekonnter Inszenierung und erzählerischem Talent auch diese Sequenzen genutzt werden können, um eine Story auszuarbeiten. Eine Handvoll Beispiele haben wir hier bereits genannt – nun ist unsere Leserschaft gefragt, die gerne kommentieren und weitere Fälle nachreichen darf. Außerdem vertiefen wir dieses Thema in der nächsten Ausgabe von Quotenmeter.FM.

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