Die Kritiker

«Zum Sterben zu früh»

von

Als Prequel zu «Unter Feinden» wirft auch «Zum Sterben zu früh» filmische Konventionen über den Haufen – und imponiert damit.

Cast & Crew

Vor der Kamera:
Nicholas Ofczarek («Falco – Verdammt, wir leben noch!») als Mario Diller, Fritz Karl («Julia – Eine ungewöhnliche Frau») als Erich Kessel, Jessica Schwarz («Romy») als Claire Kessel, Anna Loos («Helen Dorn») als Emma Diller, Edin Hasanovic («Schuld sind immer die Anderen») als Jamel Medjoub, Martin Brambach («Barfuß bis zum Hals») als Paul Epstein, Jürgen Maurer («Vorstadtweiber») als René Novak, Sahin Eryilmaz als Mohammed und viele mehr


Hinter den Kulissen:
Regie und Buch: Lars Becker nach Motiven des Romans "Unter Feinden" von Georg M. Oswald, Musik: Hinrich Dageför und Stefan Wulff, Kamera: Ngo The Chau, Schnitt: Sanjeev Hathiramani, Produktion: Network Movie

Dass es sich beim ZDF-Film «Zum Sterben zu früh» um ein Prequel handelt – es macht sich durchaus bemerkbar. Nicht, dass die Handlung unverständlich wäre ohne «Unter Feinden» gesehen zu haben. Nein, es wäre auch dann kein Problem alles zu verstehen. Eben ganz entsprechend der Sendepolitik: Viele Einstiege bieten, dafür wenige Ausstiege. Vielmehr ist es der Ansatz ständig alles über den Haufen zu werfen, immer wieder neu zu erzählen, irgendwie unvorhersehbar zu sein, den beide Filme gemein haben. Und ja, es sind natürlich auch die beiden Hauptfiguren, die den Zuschauer darauf aufmerksam machen sollten, dass es sich um zusammengehörende Produktionen handelt. Inszenatorische Kontinuität bekommt der Zuschauer ebenfalls, weil erneut Lars Becker auf dem Regiestuhl Platz nimmt – und, weil als Basis auch hier wieder der Roman „Unter Feinden“ von Georg M. Oswald diente.

Nicholas Ofczarek und Fritz Karl alias Mario Diller und Erich Kessel sind es, die als bitterböse und nicht immer gesetzestreue Polizisten einen Drogenring zum Platzen bringen sollen. Am Ende der nicht überraschenden aber schnell geschnittenen und spannenden Verfolgungsjagd steht nicht nur ein Toter Verbrecher (der sich selbst vor die Wand gefahren hat), sondern auch eine Beute von stolzen 30 Kilogramm Koks. Die könnte man freilich in der sicheren Asservatenkammer verstauen – oder man nimmt sie halt an sich, wie es Erich Kessel tut. Er tut es aus noblem Zweck, das sollte natürlich dazu gesagt werden. Anders als bei Walter White in «Breaking Bad» ist es jedoch nicht die Hauptfigur selbst, die erkrankt ist. Für seine Tochter will Kessel Geld verdienen – eine dringende OP ist nötig.

Kessel dreht am Rad


Ob man das nun gut heißen will oder nicht – zumindest die Motivation ist an dieser Stelle nachvollziehbar. Es würde also schlicht bloße Langeweile bedeuten, wenn das hehre Ziel und der eigentlich gute Charakter das Motiv des Films wären. So einfach macht es sich Lars Becker keinesfalls, die Figur Erich Kessel ist tiefgründiger, dreht völlig am Rad: Nicht nur, dass er Schläge gegen seine Frau austeilt und die anschließende einstweilige Verfügung einigermaßen ignoriert. Vor dem Gipfel lässt er seinen Sohn auch des Nachts auf der Autobahn aus dem Auto aussteigen, weil er in Ruhe mit seiner Noch-Gattin streiten will – und fährt dann einfach weg. Und das ist noch nicht die härteste Maßnahme von Kessel. Ja, es wird noch schlimmer.

Doch Sorgen dass es zu abstrus wird muss sich der Zuschauer nicht machen. Zwar mögen die Storylines zunächst etwas konfus wirken, in der Darstellung erscheinen sie aber durchaus plausibel – selbst wenn der Polizist mit seinen Handlungen nicht immer gut beraten ist.

Doch selbstredend füllt nicht nur der die Handlungsstränge: Die Konfliktlinien sind weit diffiziler. Denn auch die Familie von Kessel sowie sein Kollege Diller werden mit in die Situation hineingezogen. Auch ihr Handeln ist ambivalent, nicht nur strafrechtlich sondern auch moralisch fragwürdig. Keine Figur bleibt rein, niemand ist unschuldig. Das mag nach Plattitüde klingen, doch die Personen werden differenziert charakterisiert, die Beweggründe deutlich. Das gilt ebenfalls für die Figuren im Dunstkreis des Drogenrings. Jeder handelt anders, jeder zu anderen Zwecken. Und doch fügt sich das Puzzle gut zusammen. Vor allem weil hinter den „Bösen“ mehr steckt; weil ihre Fassade bröckelt.

In den Antagonisten (sofern der Begriff an der Stelle überhaupt treffend ist) steckt zudem auch Konfliktpotenzial nach innen: Meinungsverschiedenheiten um das Ausleben von Religion werden ebenso diskutiert, wie das Tragen von Kopftüchern oder die vermeintliche Pflicht der Frau, für ihren Mann schön auszusehen. Nun kann man den Vorwurf erheben, dass Täter aus der „islamischen Szene“ ein Klischee sind. Sicher, das wäre eine berechtigte Anmerkung, zumal auch ein „korrupter Bulle“ natürlich ausländischer Herkunft ist. Doch sticht dann wiederum positiv hervor, dass es kritische Einordnung zu allen Seiten hin gibt: Einerseits wird sehr deutlich gemacht, dass keineswegs die Religion ursächlich für Handlungen oder Motivationen ist. Andererseits werden kritische Praktiken eben auch einsortiert und Bräuche zeitgleich akzeptiert und berücksichtigt. Diese differenzierte Betrachtungsweise ist äußerst löblich und nicht allzu oft anzutreffen – schon gar nicht bei einer Laufzeit von 90 Minuten. Sie wissen schon, der Zeitmangel.

Ein Fernsehfilm? Sieht nicht so aus


Wie schon sein Vorgänger sieht auch «Zum Sterben zu früh» nicht aus wie ein Fernsehfilm. Nein, ganz sicher würde die Produktion auch auf der großen Leinwand bestens aussehen. Dazu passt, dass alleine Stuntaufnahmen einen ganzen Drehtag in Anspruch genommen haben – für eng budgetierte und mit wenig Zeit ausgestattete Fernsehfilme ist das enorm viel. Die Außentemperatur stimmt zwar nicht ganz, ansonsten aber ähnelt die Produktion dem Scandinavian Noir. Düster, verwegen, farblos. Etwas zu verwegen sind allerdings die Dialoge an manchen Stellen: „Schau dir die Arschlöcher an“, lautet beispielsweise der erste Satz, „wenn es nach mir geht: alle abschieben und die soziale Hängematte abschaffen!“ Solcherlei Aussagen passen nicht wirklich zu den eigentlich spannend charakterisierten Polizisten, klingen sie doch eher so, als wären sie aus der Facebook-Kommentarspalte abgelesen. Auch wenn ein stark blutender Krimineller geifert: „Fick Dich Bulle“ oder „Leck mich am Arsch“ würde man eine stärkere Erwiderung erwarten als „Leck Dich selbst am Arsch“.

Dass trotz der Bildgewalt das Schauspiel nicht in den Hintergrund rückt, ist dann noch einmal eine besondere Leistung. Das gelingt nicht nur durch die Inszenierung, die in den richtigen Momenten zurückhaltender gestaltet ist. Es gelingt vor allem auch durch das grandios interagierende Ensemble. Nicht nur die beiden Polizisten sind gewohnt überzeugend. Auch ihre prominent besetzten Frauen spielen das Drama emotionsstark. Ganz besonders im Duo fallen Anna Loos und Jessica Schwarz positiv auf. Dazu kommt der Drogenring, in welchem sich vor allem Mohammed (Sahin Eryilmaz), der reaktionäre Moslem, nach vorne spielt.

Zu guter Letzt ist es aber etwas anderes, das den Zuschauer begeistert zurück lässt: So muss er sich immer und immer wieder das Hirn über die weitere Story zermartern und kann sich nie sicher sein, was nun passiert. Eine Wende in der Handlung jagt die nächste, ohne dass die Geschichte dabei überfrachtet wird. Für den gemütlichen Bügelabend nebenbei ist «Zum Sterben zu früh» daher gewiss nicht geeignet. Die volle Aufmerksamkeit ist durchaus nötig, selbst wenn man «Unter Feinden» kennt. Sofern man diese Aufmerksamkeit allerdings mitbringt, gibt es dafür eine fette Belohnung: Neben einem eindrucksvollen Noir-Stil gibt es ein annähernd perfekt harmonierendes Ensemble und eine kluge, kritische Charakter-Studie. Oder einfacher: Einen gut durchdachten Krimi.

Das ZDF zeigt «Zum Sterben zu früh» am Montag, 9. November um 20.15 Uhr.

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