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Warum der SWR-Fernsehdirektor auch gute Formate radikal über Bord werfen will

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Im Interview mit Quotenmeter.de erklärt SWR-Fernsehdirektor Dr. Christoph Hauser, was mit den Formaten von EinsPlus passieren soll. Außerdem sagt er, warum der Jugendkanal alleine nicht reicht, sondern auch das Hauptprogramm jünger werden muss.

Bei zdf.kultur kennt man das Gefühl: Sie sitzen quasi auf einem toten Sender. Wie arbeitet es sich in einer solchen Situation?
Dass EinsPlus genauso wie zdf.kultur mit dem Programmstart des neuen Jungen Angebots eingestellt wird, haben ARD und ZDF in ihrem Konzeptentwurf ja selber vorgeschlagen. Von daher waren wir auf diese Situation eingestellt und haben die nötigen Vorkehrungen getroffen. Der SWR blickt daher nicht wehmütig zurück, sondern freut sich auf das, was mit dem neuen Jungen Angebot von ARD und ZDF kommt.

Wie stehen Sie zum neuen Jugendportal – als Verantwortliche für EinsPlus dürften da beim SWR ja zwei Herzen in ihrer Brust schlagen?
Wie gesagt - wir selber waren für die Einstellung von EinsPlus im Zuge der Neuentwicklung eines neuen Angebots. Aber natürlich ist es immer schwer, sich von einem Projekt zu verabschieden. Wir haben mit EinsPlus die Zeit gut genutzt, mit jungen Formaten – von Ansprache über Inhalte bis hin zur Gestaltung – zu experimentieren. Diese Erfahrungen werden wir nun bestmöglich nutzen und sie in das Online only-Angebot einbringen, das die Ministerpräsidentenkonferenz auf den Weg gebracht hat. Wir starten also nicht bei null, müssen nun aber für den ausschließlichen Ausspielweg via Online die Formate noch einmal völlig neu konzeptionieren. Denn die Nutzung von Inhalten über das Netz – ob via Soziale Netzwerke, eine eigene Webpräsenz oder eine App – unterscheidet sich natürlich maßgeblich von einem linearen Ausspielweg, den EinsPlus darstellt.

In Bezug auf das geplante Junge Angebot von ARD und ZDF handelt es sich nicht um eine Frage der Notwendigkeit. Nicht ARD und ZDF, sondern die Ministerpräsidentenkonferenz hat die Weichen für ein reines Online-Angebot von ARD und ZDF für die junge Zielgruppe gestellt.
Dr. Christoph Hauser, SWR-Fernsehdirektor
Reicht es denn einfach zu sagen, dass Jugendliche ohnehin nur online schauen? Ein lineares Angebot ist nicht mehr notwendig?
In Bezug auf das geplante Junge Angebot von ARD und ZDF handelt es sich nicht um eine Frage der Notwendigkeit. Nicht ARD und ZDF, sondern die Ministerpräsidentenkonferenz hat die Weichen für ein reines Online-Angebot von ARD und ZDF für die junge Zielgruppe gestellt. ARD und ZDF sind damit allerdings alles andere als unzufrieden. Denn so können wir dem Trend der Mediennutzung gerecht werden, der sich bei den 14- bis 29-Jährigen noch einmal drastischer abzeichnet als bei den älteren Zielgruppen. Junge Menschen schauen zwar nach wie vor linear fern, aber: Die lineare TV-Nutzung nimmt in dieser Zielgruppe ab. Und wenn junge Menschen zurzeit lineare Inhalte nutzen, dann in einem geringen Maße die Angebote der Öffentlich-Rechtlichen. Das ist Fakt. Dafür nimmt der Internetkonsum – und damit auch die Nutzung von Bewegtbild – insbesondere über den “Unterwegs- Zugang Smartphone“ – immer mehr zu. Und: Das Bedürfnis nach Interaktivität und Kommunikation in der jungen Zielgruppe ist groß, das zeigen die Ergebnisse der Medienforschung eindeutig. Dieser Entwicklung können wir mit der Entscheidung der Politik für ein reines Online only-Angebot nun gerecht werden. Wir als Öffentlich-Rechtliche haben damit die Chance bekommen, mit einem völlig neuen Angebot dorthin zu gehen, wo junge Menschen bereits jetzt in einem hohen Maße Inhalte konsumieren und in Zukunft immer mehr konsumieren werden.

Wie viel Verjüngungsbedarf hat das öffentlich-rechtliche Fernsehen? Reicht da ein „Junges Angebot“ überhaupt oder muss auch das Hauptprogramm jünger werden?
Das muss es. Aber: Ein Hauptprogramm wie Das Erste ist ein Programm, das qua Auftrag alle gesellschaftlichen Gruppen erreichen und informieren, bilden und unterhalten soll. Der gesellschaftliche und mediale Wandel stellt uns hier vor neue Herausforderungen: Die junge Zielgruppe hat den starken Drang, sich von den „etablierten Erwachsenen“ abzugrenzen, und das TV-Gesamtangebot ist inzwischen viel segmentierter als früher. Es gibt zu den Hauptprogrammen zig wählbare Alternativen, die sich mit ihrem Markenkern teils gezielt an jüngere Publika richten. Die Hauptprogramme sind da in der jungen Zielgruppe nicht unbedingt erste Wahl. Die Folge: Gemeinschaftliche TV-Erlebnisse, bei denen ältere und jüngere Zuschauer zusammen fernsehen, weil gemeinsame Interessen befriedigt werden können, beschränken sich vorwiegend auf Sportereignisse, einschlägige Krimireihen oder Nachrichten. Worauf ich hinaus will: Es ist unbestritten notwendig, die Hauptprogramme zu verjüngen, da hier meines Erachtens ein Ungleichgewicht vorliegt. Aber ich halte es angesichts der beschriebenen Entwicklungen für eine Illusion, mit einem Hauptprogramm das Gros der jungen Zielgruppe regelmäßig zu erreichen. Dies kann nun über das neue Online-Angebot geschehen, das spezifisch diese junge Zielgruppe ansprechen möchte.

Ein Hauptprogramm wie Das Erste ist ein Programm, das qua Auftrag alle gesellschaftlichen Gruppen erreichen und informieren, bilden und unterhalten soll. Der gesellschaftliche und mediale Wandel stellt uns hier vor neue Herausforderungen.
Dr. Christoph Hauser, SWR-Fernsehdirektor
Die Erfahrungen, die ARD und ZDF mit dem Jungen Angebot machen – seien es neue inhaltliche Herangehensweisen und Darstellungsformen, andere Verbreitungsformen oder die Entwicklung neuer technischer Workflows – werden natürlich auch in die anderen Programme von ARD und ZDF einfließen. Das Junge Angebot wird so auch die Chance bieten, andere Programme von ARD und ZDF zu verjüngen.

Wie auch EinsPlus ist das Jugendportal auf ARD-Seite beim SWR angesiedelt. Ändert sich da überhaupt viel für Sie?
Natürlich. Das Junge Angebot von ARD und ZDF ist ein Gemeinschaftsprojekt, das unter der Federführung des SWR eine gemeinsame Kopfstelle in Mainz haben wird – diese wird zurzeit geplant und in den nächsten Monaten nach und nach besetzt werden. Und die Strukturen sowie die personelle Besetzung eines Online-Angebots sehen anders aus als die eines linearen Angebots. Zum anderen wird der SWR als eine von zehn Anstalten – neun Häuser der ARD und das ZDF – dieser Kopfstelle Programm zuliefern. Auch dafür müssen wir neue Strukturen schaffen – es ist also Einiges im Umbruch.

Die Sendung «Auf 3 Sofas durch» wurde bereits unter dem neuen Titel «Auf dem Sofa durch» verlängert. Das Format sendet aber jetzt nur noch auf YouTube. Ist diese Verlängerung schon im Hinblick auf das Jugendportal passiert?
Wir experimentieren mit Blick auf das Online-Angebot bereits mit neuen Erzählweisen, die speziell auf den Ausspielweg Online zugeschnitten sind. Dabei schauen wir auch darauf, ob und wie sich Inhalte, die ursprünglich für eine lineare Ausspielung konzipiert worden sind, für ein Online-Angebot eignen könnten. Dafür müssen diese Inhalte allerdings anders aufbereitet werden als bisher. «Auf drei Sofas durch» bzw. nun «Auf dem Sofa durch» ist ein Beispiel dafür. Die Redaktion experimentiert in diesem Fall damit, wie man das in der Zielgruppe beliebte Thema „Reisen“ anders angehen kann als bisher. Zum Beispiel stehen keine kompletten Folgen zur Reise nach XY mehr im Vordergrund. Stattdessen produziert der Reporter bereits vor Ort kurze Videos, die er direkt ins Netz stellt und über die sozialen Netzwerke verbreitet. Er kann so direkt vor Ort, zum Beispiel in Brasilien, auf Feedback der Community reagieren, das Format wird interaktiver. Das sind wichtige Erfahrungen, die wir in dieser Experimentierphase sammeln möchten.

Es ist wichtig, dass wir es uns für das Online-Angebot erlauben, viele Ideen und Formate – auch gute! – radikal über Bord zu werfen, die ursprünglich für die Linearität geplant waren und Online gegebenenfalls nicht funktionieren.
Dr. Christoph Hauser, SWR-Fernsehdirektor
Was können Sie zur Zukunft von anderen Formaten zum jetzigen Zeitpunkt sagen?
Es ist wichtig, dass wir es uns für das Online-Angebot erlauben, viele Ideen und Formate – auch gute! – radikal über Bord zu werfen, die ursprünglich für die Linearität geplant waren und Online gegebenenfalls nicht funktionieren. Für keines der bisherigen Formate steht zu diesem Zeitpunkt fest, ob und wenn ja in welcher Form, sie im Online-Angebot eine Rolle spielen werden. Vielmehr wird Florian Hager, der Programmgeschäftsführer des Jungen Angebots, die Chance ergreifen, komplett neu zu denken. Darauf liegt der Fokus, und dafür muss er sich auch die nötige Zeit nehmen dürfen.

Sie haben auch immer wieder dem Filmnachwuchs eine Chance gegeben. Geht das mit dem Jugendportal ein Stück weit verloren?
Keineswegs. Das Junge Angebot wird natürlich auch fiktionale Stoffe im Portfolio haben – eine besonders große Rolle wird hier das Genre der Webserie spielen. Eine große Chance also auch für den Filmnachwuchs. Für alle Genres und Darstellungsformen gilt: Das Junge Angebot wird auf die Kreativität junger Produzentinnen und Produzenten setzen. Das Angebot wird nicht nur auf Eigenproduktionen, sondern auch auf Auftragsproduktionen setzen und ist auf den kreativen Input von außen angewiesen.

Können Sie denn schon mehr zum Zeitplan des Jugendportals sagen? Viel ist da ja noch nicht bekannt.
ARD und ZDF haben das gemeinsam erarbeitete Konzept im Mai in ihren zuständigen Gremien beraten und sind hier auf große Zustimmung gestoßen. Nun werden wir das Konzept an die Rundfunkkommission übermitteln, die die rechtliche Beauftragung in die Wege leiten wird. Denn das Junge Angebot muss natürlich im Rundfunkstaatsvertrag festgehalten werden, was wiederum eine Befassung aller Bundesländer mit sich bringt. Das Junge Angebot von ARD und ZDF soll voraussichtlich im Sommer/Herbst 2016 an den Start gehen.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Hauser.

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