Die Kino-Kritiker: «American Sniper»

Clint Eastwood inszeniert mit dem Kriegsdrama «American Sniper» seinen bisher kontroversesten Film - und hat damit die Chance auf ganze sechs Oscars.

Filmfacts: «American Sniper»

  • Kinostart: 26. Februar 2015
  • Genre: Kriegsfilm/Drama
  • FSK: 16
  • Laufzeit: 123 Min.
  • Kamera: Tom Stern
  • Buch: Jason Hall
  • Regie: Clint Eastwood
  • Darsteller: Bradley Cooper, Sienna Miller, Cole Konis, Ben Reed, Elise Robertson, Jake McDorman, Eric Ladin, Jason Walsh, Leonard Roberts
  • OT: American Sniper (D 2014)
Clint Eastwoods («Gran Turino») Biopic um Chris Kyle, den erfolgreichsten Scharfschützen an der US-amerikanischen Front, sorgte kurz nach seiner Veröffentlichung für massenhaft positive wie negative Furore. Bisher spielte «American Sniper» bei Produktionskosten von knapp 60 Millionen Dollar knapp 300 Millionen ein und wurde damit nicht nur zur erfolgreichsten Eastwood-Produktion, sondern direkt zum meistgesehenen Kriegsfilm aller Zeiten. Während der Film auf dem Papier also offenbar alles richtig gemacht hat, sorgte die Rückmeldung von Zuschauern, Kritikern und sogar Hollywoodkollegen Eastwoods für eine eher missmutige Stimmung. So äußerte sich Dokumentarfilmer Michael Moore («Bowling for Columbine») ebenso missbilligend über das in seinen Augen kriegspropagierende Werk, wie Seth Rogen, der dem Film gar unterstellte, an nationalsozialistische Stimmungsmache zu erinnern. Auch am zahlenden Publikum gingen die zweifelhaften Untertöne in «American Sniper» nicht vorbei. Kurz nach seinem US-Start im Januar verbreiteten sich zahlreiche Hass-Meldungen über den Kurznachrichtendienst Twitter, von denen die einen das brutale Handeln der amerikanischen Soldaten mit Tweets wie „«American Sniper» regt mich an, ein Paar fucking Araber zu erschießen!“ feierten, die anderen die patriotischen Zustände im Film verteufelten. All die hitzigen Diskussionen kommen nicht von ungefähr. Clint Eastwood wandelt mit «American Sniper» unübersehbar auf dem schmalen Grad zwischen Antikriegsfilm und Brechstangenpropaganda und rückt einen Held in den Mittelpunkt, dessen durch den Krieg geformte Gesinnung äußerst fragwürdig war. Doch wie es bei einem solch polarisierenden Stoff meistens ist, findet sich die Wahrheit beider Ansichten auch hier irgendwo in der Mitte.

U.S. Navy SEAL Chris Kyle (Bradley Cooper) hat bei seinem Einsatz im Irak eine einzige Aufgabe: seine Kameraden zu schützen. Seine überragende Treffsicherheit rettet auf dem Schlachtfeld unzähligen Soldaten das Leben, und als die Berichte seiner mutigen Taten die Runde machen, verdient er sich den Spitznamen „The Legend“. Doch auch auf der Seite des Feindes wird sein Name bekannt: Als ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt wird, gerät er ins Visier der Aufständischen. Einen ganz anderen Kampf muss er an der Heimatfront bestehen: Wie soll er sich als Ehemann und Vater bewähren, wenn die halbe Welt zwischen ihm und seiner Familie liegt? Trotz der Gefahr und der gravierenden Auswirkungen auf seine Lieben daheim bewährt sich Chris auf vier grauenhaften Einsätzen im Irak, wobei er persönlich für das SEAL-Motto einsteht, dass „kein Mann zurückgelassen wird“. Doch als er endlich zu seiner Frau Taya Renae Kyle (Sienna Miller) und zu seinen Kindern zurückkehrt, merkt Chris, dass es der Krieg ist, den er nicht hinter sich lassen kann.

Mit Chris Kyle, einem fragwürdigen Helden, der im Rahmen seiner Biographie nachweislich Fakten verdrehte, um sich neben seinem Spitznamen „The Legend“ noch mehr Bedeutung beizumessen, rückt Clint Eastwood einen Protagonisten in den Mittelpunkt, mit dem die Story steht und fällt. Wem der Charakter des 2013 erschossenen Kriegsveteranen fern bleibt, der wird sich über die 132-minütige Spieldauer schwer tun, einen persönlichen Zugang zum Film zu finden. Ohne diesen bleibt der Streifen nämlich erstaunlich emotionslos, was auf der einen Seite auf eine weitestgehend frei von Gefühlsmanipulation auskommende Inszenierung hindeutet, andererseits aber auch nicht wirklich für den Protagonisten spricht. So krankt «American Sniper» lange Zeit daran, dass die Zuschauerinvolvierung in das Leinwandgeschehen ausbleibt. Zugleich tut Eastwood nichts, um diesen Schwachpunkt auf erzählerischer Ebene auszugleichen. Sein Film erzählt über den Großteil seiner Laufzeit die Geschehnisse an der Kriegsfront und inszeniert diese mit Ausnahme einer äußerst brutalen Szene, in der ein muslimischer Junge mit der Bohrmaschine malträtiert wird, relativ genrekonform. Etwas Neues weiß der vielfach ausgezeichnete Regisseur und Schauspieler dem Kampfgeschehen nicht beizufügen. Selbst die eigentlich so interessante Arbeit Chris Kyles, der als Scharfschütze nicht an der Front, sondern versteckt aus dem Hinterhalt agiert und den Ereignissen somit einen neuen Blickwinkel beimessen könnte, bleibt irgendwann außen vor, wenn Kyle seinen verdeckten Schützenplatz verlässt, um wie seine Kameraden auch an der Front zu kämpfen. Zeit für eine intensive Charakterzeichnung bleibt da nicht. Nur vereinzelt blitzt durch, wie sich das Gefühlsleben des Scharfschützen mit der Zeit immer weiter verändert. In den Szenen des Irakkrieges gehören dazu etwa solche Momente, wenn Kyle dazu gezwungen wird, Frauen oder Kinder zu erschießen.

Durch diese beschränkte Betrachtungsweise braucht «American Sniper» lange, um sich ein emotionales Grundgerüst aufzubauen. Weshalb aus Chris Kyle in den USA eine solchen Legende wurde, vermag man aus der Inszenierung gar nicht zwingend herauszulesen. Das spricht zum einen für die Inszenierung Eastwoods, der die Heroisierung seines Protagonisten besonders in den Momenten mit seiner Familie angenehm zu verschleiern weiß und ihn mehrmals durchaus verletzlich zeichnet. Allen voran Sienna Miller («Foxcatcher») gelingt es, in ihrem Spiel zwischen Stolz, Unverständnis, aber auch Abscheu und Mitleid zu variieren, wodurch sie – viel stärker noch als Kyle selbst – dazu einlädt, die Leinwandereignisse zu hinterfragen. Wenn sie mit Bradley Cooper agiert, dann spiegeln derartige Szenen die unterschiedlichen Ansichten darüber wieder, welche Sinnhaftigkeit dahinter steckt, für das eigene Vaterland in den Krieg zu ziehen. Politisch kaum gefestigte Zuschauer werden aufgrund der starken Fokussierung von Kyles Gedankenwelt vermutlich leicht zu beeinflussen sein; was auch das Zustandekommen diverser abscheulicher Twitter-Kommentare erklären dürfte. Was Clint Eastwood in seiner betont selbstverständlichen Inszenierung jedoch zu erreichen versucht, ist der Appell an den Zuschauer und dessen Hinterfragung der eigenen Prinzipien. «American Sniper» ist kein typisch amerikanischer Pro-Kriegsfilm – diese Aufgabe hatten in der Vergangenheit so dummdreiste Patriotismus-Schleudern wie etwa Peter Bergs «Lone Survivor». «American Sniper» ist nicht einmal ein Film über Amerika, sondern das Portrait eines Mannes, der seine von der Familie eingebläuten Ideale mit seinen eigenen Prioritäten zu arrangieren versucht.

Auf der anderen Seite verhindert Clint Eastwood mit seiner Fokussierung auf Kyle als Kriegsheld die eigene Hinterfragung der Prämisse. Dass dadurch eben doch zeitweise der Eindruck entsteht, der Regisseur hätte einen Propagandafilm gedreht, ist somit nicht allzu weit hergeholt. Aktiv hat sich der Regisseur nämlich schlicht nicht daran beteiligt, seinem Film mehrere Dimensionen zu verleihen. Stattdessen appelliert er eben ausschließlich an den Zuschauer, das Leinwandgeschehen selbst zu hinterfragen und sich von der eingenommenen Sichtweise Chris Kyles zu distanzieren. Dass sich Eastwood jedoch bemüht, Kyle dennoch als Mensch und nicht als Killermaschine darzustellen, ist löblich, wenngleich dieser Ansatz durch ein reichlich abruptes Ende sowie eine unglücklich gewählten Abspannsequenz in den Hintergrund gerückt wird. In dieser werden – den nachgewiesenen Fehlinformationen in Chris Kyles Biographie zum Trotz – Ausschnitte von dem Tag gezeigt, an welchem Kyle 2013, begleitet von einem großen Konvoy, beigesetzt wurde. Gerade solche Kleinigkeiten dürften gewiss Öl ins Feuer fanatischer Irakkrieg-Befürworter gießen, denn gerade hier blitzt das durch, was Eastwood in anderen Szenen so gekonnt zu vermeiden versucht: Er stilisiert seine Hauptfigur zum kompromisslosen Helden hoch – ein Akt, den weder die reale Figur des Chris Kyle, noch die Grundaussage des Films verdient hat.

Allen voran Bradley Cooper («American Hustle»), der sich mit der Verkörperung des Scharfschützen seine dritte Oscar-Nominierung in Folge gesichert hat, schafft es, das per se kaum auf dramatische Emotionen ausgelegte Skript mit Leben zu füllen. Besonders in solchen Momenten, in denen Chris Kyle mit seiner Familie interagiert, verschwimmt sein starres, zielfokussiertes Ich mit dem liebesuchenden Ehemann, dem es nur allzu schwerfällt, beide Komponente zur Genüge in sich zu vereinen. Selbst Monate nach seiner Heimkehr bleibt Kyle seelisch kaum gefestigt. Dabei schwankt die Mimik des Schauspielers von purer Verzweiflung, Trauer und Euphorie, ohne die im Gefecht gefallenen Entscheidungen zu hinterfragen oder gar zu leugnen. Der schwierige Spagat, sowohl die zweifelhaften Ansichten, als auch die liebevollen Seiten des Soldaten zu verbinden, gelingt Cooper hervorragend. Von Besonderheiten in der technischen Ausstattung können er und seine Darsteller übrigens nicht zehren. Bis auf zwei Ausnahmen kommt «American Sniper» in Gänze ohne Musik aus. Die Kamerabilder von Tom Stern («Die Tribute von Panem – The Hunger Games») ist mit Ausnahme des Fadenkreuzes als stellenweise genutzte Perspektive indes so frei von jedweden Stilmitteln, dass sich die Trostlosigkeit des Kriegs auch hier wiederzuspiegeln vermag.

Fazit: Erwartungsgemäß ist «American Sniper» nicht nur ein Film, über den man anschließend zwangsläufig diskutieren muss, sondern auch ein solcher, der nicht einfach nur konsumiert werden darf. Das biographische Drama nimmt aktiv die (zum Großteil) fehlgeleitete Sichtweise eines Mannes ein, der in einem Krieg die Aufgabe hatte, ein ihm vorgegebenes Feindbild zu beseitigen. Menschen, die eine solche Perspektive nicht hinterfragen, könnten in «American Sniper» einen Film sehen, der sich rigoros und ohne Kompromisse gegen Muslime auflehnt. Clint Eastwood erwartet von seinem Publikum jedoch mehr als das Abnicken des Gezeigten und animiert im Detail dazu, sich selbst und das Leinwandgeschehen aktiv zu hinterfragen. Bradley Cooper rundet diese gelungene Leistung mit einer intensiven Performance ab.

«American Sniper» ist ab dem 26. Februar bundesweit in den Kinos zu sehen.

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