Die Kritiker

Wie Norwegen zeigt, was das öffentlich-rechtliche Fernsehen leisten kann

von

Als Produktion des norwegischen Fernsehens NRK, bringt die Miniserie «Mammon» nicht nur Kritiker des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland zum Schwärmen.

Cast & Crew

Vor der Kamera:
Jon Øigarden («Lilyhammer») als Peter Verås, Terje Strømdahl als Tore Verås, Ingjerd Egeberg als Eva Verås, Alexander T. Rosseland als Andreas Verås, Lena Kristin Ellingsen als Vibeke Haglind, Nils Ole Oftebro als Frank Mathiesen, Anna Bache-Wiig als Inger Marie, Vidar Sandem als Chefredakteur Holst, Andrine Sæther als Leiterin von Økokrim und weitere


Hinter den Kulissen:
Regie: Cecilie Mosli, Buch: Gjermund S. Eriksen, Musik: Martin Horntveth, Kamera: Jon Anton Brekne, Schnitt: Carl-Jørgen Ringvold, Produktion: NRK in Zusammenarbeit mit SVT, DR, YLE und Nordvision

Journalist Peter Verås steht kurz davor einen Wirtschaftsskandal von enormem Ausmaß aufzudecken. Doch sein Politikchef hält die Story zurück. Und als sein Artikel nach einigem Zögern doch veröffentlicht wird, steht schon fest, dass Peter Verås nicht als Autor genannt wird. Warum? Sein Bruder ist einer der zentralen Akteure in dem Skandal. Doch mit dessen Selbstmord sind die Probleme nicht vorbei: Nicht nur, dass Peter von seinem Bruder beauftragt wurde auf dessen Sohn aufzupassen. Auch mit dem Morden geht es in der norwegischen Miniserie «Mammon» noch weiter. Und obschon Peter nun nicht mehr für das Politikressort seiner Zeitung Aftenavisen arbeiten darf, hört er nicht auf zu recherchieren – im Wissen, dass mehr als allgemein vermutet hinter der Sache steckt.

Neben vielen anderen auffälligen Dingen, kommt Peter bald darauf, dass ein religiöses Motiv hinter den Taten steckt: Die Geschichte von Abraham, der seinen Sohn opfern wollte. Dieser Aspekt stellt auch Peters Neffen in ein neues Licht: Sollte der Journalist aufpassen, weil der Sohn seines Bruders sonst das nächste Opfer sein könnte? Die religiösen Motive, die in der Geschichte – vor allem Hintergründig – einen großen Raum einnehmen, wirken dabei oft etwas zu gewollt und erzeugen nicht die gewünschte Spannung. Zumindest Schaden fügen sie der bestehenden Dramatik aber nicht zu. Außerdem bleiben sie – allein durch die Titelgebung – zentrales Element der Story.

«Mammon» als typischer Vertreter des Scandinavian Noir


Alles in allem sind es die üblichen Aspekte des skandinavischen Krimis, des Scandinavian Noir, die den Film einerseits funktionieren lassen und ihm andererseits die Unvorhersehbarkeit ein Stück weit nehmen. Düstere Stimmung, gepaart mit menschlichen Abgründen, (Wirtschafts-)Kriminalität und zumindest einer Figur, die doch irgendwie moralisch handeln will, und dabei dennoch nicht drumherum kommt, Straftaten zu begehen. Gewissermaßen ist es auch typisch, dass eine Einteilung der Charaktere in „gut“ und „böse“ wegfällt, weil auf irgendeine Art und Weise jeder der "Falsche" ist. Dennoch bleibt bei der betrachteten Serie allzu oft der Eindruck, dass man es sich vielleicht doch ein wenig einfach macht, selbst wenn die Figuren niemals ohne Schattierungen und lichte Momente auskommen. Ein Vergleich zu einer qualitativ starken norwegischen Produktion dürfte sich besonders aufdrängen: «Mammon» weist zwar vielfältige Parallelen zu Stieg Larssons «Millennium-Trilogie» auf; was die Spannung und die Bildästhetik anbelangt, schafft es die Serie allerdings nicht ganz mitzuhalten.

Auf die großen Namen wird in der Produktion weitgehend verzichtet: Über die Grenzen Norwegens (oder Skandinaviens) hinaus ist lediglich Hauptdarsteller Jon Øigarden bekannt, der zuvor in drei Episoden der norwegisch-us-amerikanischen Koproduktion «Lilyhammer» agierte. Alle anderen Namen dürften hingegen lediglich wirklichen Kennern des norwegischen Films etwas sagen, was nicht bedeutet, dass das Ensemble seine Arbeit nicht herausragend meistert: Viele Charaktere sind stark gespielt und tragen die Skandinavienfilm-typische Intensität auch in ihren Rollen fort. Allein die von Lena Kristin Ellingsen auf dem Schirm gebrachte Vibeke Haglind bietet eine seltsam ambivalente Figur dar, die die Geister scheiden dürfte. Sie spielt ihre Rolle zwar gut, aber bleibt zugleich sowohl in der Schauspielleistung als auch in der Charakterzeichnung gewöhnungsbedürftig.

Nicht besonders gelungen ist dem Film leider der Handlungssprung um fünf Jahre von 2008 zu 2013. Verpasste Ereignisse werden hier auf eine seltsame Art aufgelöst und häufig bis ins kleinste Detail ausformuliert. Kurios ist das insbesondere, weil die Verantwortlichen ihren Zuschauern an anderen Stellen einiges an Kombinationsfähigkeit abverlangen. Nicht weniger ungewöhnlich ist es für diejenigen vor den Schirmen auch, dass es vor dem Ende der ersten beiden Teile zwar immer einen großen Knall gibt, aber zugleich auch viel Durchschaubares passiert. Optimal sind die Cliffhanger somit nicht geworden.

Ein Quotenerfolg scheint wahrscheinlich


Sechs Folgen von «Mammon» gibt es, das Erste hat immer zwei davon zu einem Akt zusammengefasst. Zwischen 103 Minuten und 110 Minuten dauern diese Akte. Es ergibt sich ein inszenatorischer Dreischritt, der inhaltlich durchaus zu rechtfertigen ist, wenn man sich die Einteilung der Episoden in «Opfer» – «Ursprung» – «Jüngstes Gericht» einmal anschaut. Gerade in Teil zwei bekommt der Zuschauer allerdings zu oft den Eindruck, dass es handlungstechnisch phasenweise etwas dünn wird. Alles in allem gelingt der Produktion in den insgesamt 324 Minuten (etwa 5.30 Stunden) so ein ungewöhnlicher Spagat: Einerseits hat man in vielen Momenten inhaltlichen Leerlauf oder zumindest einige Längen, andererseits aber darf man in keiner Sekunde den Kopf abschalten, weil sonst stets Handlungstragendes verpasst wird.

Wirklich Sorgen wird man sich über die Quoten des Skandinaviers nicht machen müssen. Nicht nur, weil die Qualität des Formats ordentlich ist, sondern auch, da die Reihe in ihrem Heimatland Norwegen mit 1,3 Millionen Zusehern bei 55 Prozent Einschaltquote den erfolgreichsten Serienstart aller Zeiten im skandinavischen Land hatte. Insgesamt sahen im Schnitt 900.000 Menschen zu – bei einer Bevölkerung von etwa fünf Millionen Menschen eine wahrlich beeindruckende Zahl. Zum Vergleich: Legt man in Deutschland 80 Millionen Einwohner zu Grunde, müssten schon durchschnittlich 14,4 Millionen Menschen einschalten. So viele werden es für die ARD nicht sein, eine zufriedenstellende Quote dürfte sich aber doch ergeben. Vielversprechende Zuschauerzahlen sind ein Grund, warum sich bereits 19 Länder die Ausstrahlungsrechte an «Mammon» gesichert haben, dazu kommt eine von 20th Century Fox geplante US-Adaption.

Inhaltlich muss sich die Serie zumindest gefallen lassen, wenn man ihr attestiert an Stieg Larssons «Millennium-Trilogie» nicht heranreichen zu können. Da sie Spannung und menschliche Abgründe aber interessant und typisch norwegisch illustriert, weiß «Mammon» dennoch zu gefallen. Gerade Freunden skandinavischer Produktionen sei das Einschalten empfohlen, auch wenn in der zu lang geratenen Laufzeit bei Vielen Momente aufkommen werden, in denen der Zuschauer mit sich kämpft. Wenn man sich allerdings zu Gemüte führt, dass der norwegische öffentlich-rechtliche Rundfunk NRK für die Miniserie verantwortlich zeichnet, darf man auf deutscher Seite nur noch vor Neid erblassen. Und so wünscht sich der deutsche Zuschauer vor allem eins von „seiner“ ARD: Macht es euch nächstes mal doch bitte selbst.

Die Miniserie «Mammon» ist am 1., 2. und 4. Januar jeweils um 21.45 Uhr im Ersten zu sehen.

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