Hingeschaut

Von «Akte» in die Unterwelt

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Ist «Lange undercover» ein Abklatsch von «Team Wallraff» oder eine willkommene Ergänzung des momentanen Investigativtrends im Privatfernsehen?

Das Privatfernsehen hat den Enthüllungsjournalismus wiederentdeckt. Nachdem Günter Wallraff 2012 noch persönlich in einem RTL-Special Missstände aufdeckte und somit für gute Quoten sorgte, testeten der mehrfach ausgezeichnete Journalist und der Kölner Privatsender im Sommer 2013 erfolgreich das Format «Team Wallraff», das dieses Jahr schlussendlich regulär auf Sendung ging. Die Ausgabe über die Zustände in einigen Filialen eines Burger-King-Franchise-Nehmers sorgt seit ihrer Ausstrahlung am 28. April 2014 für Schlagzeilen. Auch Sat.1 arbeitet daran, seinen Ruf im journalistischen Bereich wieder aufzupolieren – so filmt seit einigen Monaten der ehemalige Polizeireporter Daniel Lange in kriminellen Milieus für seine eigene Reportagereihe «Lange undercover». Der aus dem Magazin «Akte» bekannte Journalist stellte vorerst sechs Ausgaben fertig, die Sat.1 ab sofort immer dienstags gegen 23.15 Uhr ausstrahlt. Und somit auf einem Sendeplatz, der längst nicht so massentauglich ist wie der Slot, den RTL für sein «Team Wallraff» freiräumte.

Zunächst drängen sich misstrauische Fragen auf: Mangelt es Sat.1 an Mut? Oder versteckt der Privatsender bewusst eine halbseidene Wallraff-Kopie? Die Antwort fällt jedoch ganz anders aus: Während Wallraff und seine Nachwuchs-Enthüllungsjournalisten bei RTL Skandale aufdecken, die sich mitten in der öffentlichen, alltäglichen Arbeitswelt ereignen, nimmt sich Lange der Unterwelt an. Schlechte Arbeitsverhältnisse bei einem Großkonzern? Dieses Thema lässt sich angemessen um 21.15 Uhr behandeln. Eine Reportage über Zwangsprostitution hingegen macht sich in der Primetime nicht sonderlich gut.

Allein die inhaltlichen Schwerpunkte machen deutlich: «Lange undercover» ist keine Reaktion auf den Erfolg, den Wallraff mit seinen ersten RTL-Ausflügen hatte und nun auch noch taktisch clever von Sat.1 im Fahrwasser weiterer «Team Wallraff»-Ausgaben programmiert wurde. Selbst wenn beide Formate auf Missstände hinweisen, lassen sie sich so gut vergleichen wie Äpfel mit Orangen. Wallraff deckt auf, wo in der alltäglichen Arbeits- und Konsumwelt betrogen wird. Langes Reportagen schockieren dagegen nicht durch den nah am durchschnittlichen Publikum liegenden „Da gehe ich nie wieder hin!“-Effekt und unerwartete Enthüllungen. Dass Zwangsprostitution ungerecht ist und dass in diesem Milieu skrupellos gehandelt wird, liegt schließlich auf der Hand. Langes Fokus liegt mehr darauf, unbequeme Themen vor Augen zu führen und Opfer wie Täter zu charakterisieren, um so diesem Stoff wieder größere Relevanz zu verleihen.

Zu diesem Zweck arbeitet Lange mehrfach bewusst mit emotionalen Mitteln. Der 39-Jährige mimt nicht den objektiven, sich selbst aus der Gleichung nehmenden Beobachter, sondern kommentiert das Bildmaterial gelegentlich mit persönlichen Eindrücken, gibt etwa aus Mitleid einem rumänischen Kind Geld oder erklärt, wie erschütternd er es findet, wie abgearbeitet Berliner Prostituierte wirken. Verfälschend sind diese Einfärbungen jedoch nicht, da Lange stets transparent macht, wo bloße Dokumentation aufhört und eigene Meinung anfängt. Darüber hinaus stellen diese Momente nur kurze Einsprengsel dar, ziehen sich nicht einmal durch die halbe Laufzeit.

Typische Stilmittel von Privatsender-Reportagen bleiben dennoch nicht aus. Die Musikuntermalung ist zwar zurückhaltender, als aus diversen privaten TV-Magazinen gewohnt, trotzdem unterstreichen sie unnötig stark, wann Augenzeugen traurig sind oder ein Dreh mit versteckter Kamera außer Kontrolle gerät. Immerhin wissen Lange und sein Team, die Tragweite ihrer Ermittlungen einzuschätzen: Nie stellen sich die Reporter als Pioniere auf ihrem Gebiet dar, zu keinem Zeitpunkt wird der Eindruck erweckt, sie könnten der Zwangsprostitution im Alleingang ein Ende setzen. Da gibt sich das «Team Wallraff» zwischenzeitlich wichtiger.

Lange führt schlicht, dafür authentisch und mit einer die Nettolaufzeit von 45 Minuten locker tragenden Vielzahl an Ansätzen, vor Augen, welche Faktoren dazu führen, dass Zwangsprostitution weiterhin weit verbreitet ist. Das liegt an den deaströsen Zuständen in einigen Landstrichen Rumäniens, der Gleichgültigkeit vieler Freier, wie Prostituierte zu ihrem Beruf stehen, und daran, wie zielstrebig unmoralische Menschenhändler ihren Prostitutionsring aufbauen. Diese Erkenntnisse sind nicht neu, wie effektiv Lange sie aber aneinanderreiht, mit Randinformationen unterfüttert und auch emotional greifbar macht, ist dennoch gut gemachtes Enthüllungsfernsehen. Erst recht für einen Privatsender, der dieser Programmfarbe einst größere Bedeutung zugemessen hat als in der jüngeren Vergangenheit.

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