Die Kritiker

«Crossing Lines»

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«Crossing Lines» ist die zweite internationale Serienproduktion, die Sat.1 in diesem Sommer zeigt. Ein erfolgreiches Gegenmodell zur amerikanischen Krimi-Dominanz?

Inhalt


Der internationale Strafgerichtshof weitet in «Crossing Lines» fiktiv seine Grenzen aus und installiert eine paneuropäische Polizeieinheit: Sie soll Verbrecher jagen, die quer über die Landesgrenzen morden, und besteht aus dem französischen Teamleiter Louis Daniel, der Italienerin Eva Vittoria, dem Nordiren Tommy McConnell, der Französin Anne-Marie San, dem Deutschen Sebastian Berger und dem Amerikaner Carl Hickman, der nach einem tragischen Schusswechsel zu seinen NYPD-Zeiten die Funktion seiner rechten Hand verloren und – völlig traumatisiert und medikamentenabhängig – eine trostlose Zeit als Reinigungskraft in einem Amsterdamer Vergnügungspark zugebracht hat. Als sein alter Bekannter Louis Daniel ihn aus dem niederländischen Exil holt und in den internationalen Polizeidienst bringt, bedeutet das für ihn eine große Chance wie eine große Herausforderung.
Folge 1
In einem Pariser Park wurde eine Frau bestialisch ermordet. Für die Ermittler ist klar: Hier war derselbe Täter am Werk, der bereits in anderen europäischen Metropolen wütete. Die Verfolgung des Verbrechers wird nicht nur durch dessen Status - er ist Angehöriger der US-Botschaft -, sondern auch durch die Bürokratie erschwert. Als sich der Killer jedoch ihre Kollegin Anne-Marie schnappt, riskiert das Ermittler-Team alles für die Rettung der Beamtin.

Darsteller


William Fichtner («Prison Break») als Carl Hickman
Marc Lavoine («Der Dieb von Monte Carlo») als Louis Daniel
Donald Sutherland («MASH») als Michel Dorn
Gabriella Pession («Capri») als Eva Vittoria
Tom Wlaschiha («Game of Thrones») als Sebastian Berger
Moon Dailly («Commissaire Magellan») als Anne-Marie San
Richard Flood («Three Wise Women») als Tommy McConnel

Kritik


Nach «The Cop» ist «Crossing Lines» bereits die zweite internationale Serienkoproduktion mit Beteiligung von Sat.1, die diesen Sommer bei selbigem ausgestrahlt wird. Bei «The Cop» ist das Ende nach der ersten Staffel derweil schon beschlossene Sache – auch wenn Sat.1 ob der durchaus zufriedenstellenden Quoten allein wahrscheinlich anders entschieden hätte. Doch so ist das eben, wenn man international operiert und viele Köche am Brei herummischen.

Verdorben wurde er bei «The Cop» allerdings nicht. Bei «Crossing Lines» noch weniger. Nicht nur, dass sich ein Budget von etwa drei Millionen Dollar pro Folge natürlich beim Production Value deutlich bemerkbar macht und die Produktion von Haus aus von dem unterscheidet, was ein ausschließlich auf den deutschen Markt fokussiertes und ausschließlich mit deutschem Geld finanziertes Projekt wuppen kann.

«Crossing Lines» schafft es, eine gut funktionierende Symbiose herzustellen, zwischen den veramerikanisierten Krimi-Sehgewohnheiten im deutschen Privatfernsehen mit dem Anspruch an eine schnelle, dynamische Erzählweise auf der einen Seite und der Einarbeitung spezifisch europäischer Themen auf der anderen.

Vielleicht mag hierin auch der Grund liegen, warum die Serie im amerikanischen Fernsehen gefloppt ist: Für deutsche Verhältnisse mag sie etwas Besonderes sein, weil sie so anders ist als das, was hierzulande sonst so produziert wird: deutlich jünger als «Der Alte», nicht so abgenutzt und suggestiv wie die meisten «Tatorte» und «Polizeirufe», frischer als «Der letzte Bulle». Doch im Mutterland von «CSI» und «NCIS» fehlt diese USP. Dass die Serie in Europa spielt, ist für ein amerikanisches Publikum nicht unbedingt ein Einschaltgrund. Im Gegenteil: Da durch Plots und Figuren von «Crossing Lines» fast immer die Bassline einer gesamteuropäischen Vision durchschimmert, eines untrennbaren, herzlich verbundenen Europas, mag es dem Zuschauer jenseits des Atlantiks an Berührungspunkten fehlen. Und vielleicht hat man in den USA auch einfach nicht so viel Bock auf die starken Akzente mancher nicht-angelsächsischer Schauspieler (beachtlich vor allem Bettina Zimmermann in der vierten Folge).

Aber Europa ist nicht Amerika und Sat.1 nicht NBC: ein Erfolg für die neue Serie im deutschen Spätsommerprogramm ist also immer noch drin. Zu wünschen wäre es ihr: Denn «Crossing Lines» bietet nicht nur solide Krimiarbeit, sondern immer einen Tacken mehr. Der ständig durchschimmernde europäische Gedanke wertet das dramaturgische Konstrukt intellektuell ein wenig mehr auf als der in Paris festgesetzte «Cop».

Sicher: Man darf auch hier nicht die Neuerfindung eines Genres erwarten. So wirken manche Figurenbackstorys wirklich sehr kalkuliert, manche Villains zu abgeschmackt und einfach gestrickt. Das sieht man vor allem in der Premierendoppelfolge um einen irren Frauenmörder. Da fehlt nicht mehr viel zum „Es reibt sich die Haut mit der Lotion ein“.

Ein großes Problem ist das nicht. Denn die Hauptfiguren sind bei aller Kalkuliertheit schlüssig entworfen und werden von Folge zu Folge nahbarer. Bemerkenswert ist ebenfalls, dass man auch in späteren Episoden immer noch spannende und clevere Hooks gefunden hat, um das internationale Team quer durch Europa zu schicken. Der Einfallsreichtum fällt zweifelsohne höher aus als beim aus «NCIS» und «Criminal Minds» bestehenden programmlichen Umfeld – was natürlich auch der geringeren Schlagzahl an produzierten Folgen zugeschrieben werden muss.

«Crossing Lines» ist, obwohl es nicht der Gipfel der Kreativität sein mag, ein voller Erfolg – ein Gegenentwurf zur amerikanischen Krimi-Kompetenz, der sich der Stilmittel aus Übersee bedient, um eigene, auf den europäischen Markt zugeschnittene Geschichten zu erzählen, und mit den dramaturgischen Vorbildern aus den USA locker mithalten kann, wenn er sie nicht gar übertrifft. Lokalkolorit geht auch ohne zünftige Wirtshausstuben und Blasmusik. Die ARD könnte diesbezüglich von der neuen Sat.1-Serie sehr viel lernen.

Sat.1 zeigt «Crossing Lines» ab Donnerstag, den 22. August um 21.15 Uhr.

Kurz-URL: qmde.de/65577
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