Schlüter sieht's

«Schlüter sieht's»: Keiner kann es wie HBO

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Ein kleiner Einblick in das Erfolgsgeheimnis des besten und erfolgreichsten Senders der Welt: HBO.

Gerne wird HBO (abgekürzt für „Home Box Office“) als reichster Sender der Welt bezeichnet. In den USA hat sich das Network schon seit Jahren etabliert und gilt bei den meisten TV-Zuschauern als Premium-Fernsehen mit Anspruch. 2009 zählte HBO über 40 Millionen Abonnenten in den Vereinigten Staaten – bei circa 110 Millionen Haushalten. Mehr als ein Drittel der US-Haushalte leistet sich also Pay-TV allein von diesem Anbieter. Eine Zahl, von der unser hiesiges Sky nur träumen kann, auch wenn beide Plattformen nicht wirklich verglichen werden können. Eines zumindest zeigt diese beeindruckende Zahl aber: Pay-TV ist in den USA Fernsehalltag, ja fast ein Selbstverständnis für den Zuschauer mit Qualitätsanspruch. Mit einem geschätzten Gewinn von einer Milliarde Dollar ist HBO für den Mutterkonzern Time Warner die berühmte „eierlegende Wollmilchsau“, die jedes Jahr augenscheinlich immer fetter und fetter wird. Klar ist bei all dem Lob und dem Erfolg der Plattform aber auch eines: Ihr Siegeszug hängt nicht nur mit der eigenen Stärke zusammen, sondern auch mit der andauernden inhaltlichen Schwäche und Ideenlosigkeit der meisten Drama-Serien im Free-TV. HBO ist Indikator für die Qualität des US-Free-TV: Je schlechter man dort unterhalten wird, desto besser geht es HBO.

Das Image des nicht nur erfolgreichsten, sondern besten Fernsehnetworks der Welt hat sich HBO trotzdem redlich verdient. Ende der 90er und damit mehr als 15 Jahre nach dem Start begann man, eigenproduzierte Serien auf die Bildschirme zu bringen. HBO profitierte von Anfang an bei der Ausarbeitung der Konzepte und Storys davon, dass es als Pay-TV-Kanal nicht abhängig von den Interessen der Werbekunden ist, wie es bei den frei empfangbaren Networks der Fall ist. HBO konnte Genre- und Konventionsgrenzen brechen. So zeichnete sich schon die erste originale HBO-Serie «Oz» (ein Gefängnisdrama) durch kontroverse Geschichten und Dialoge aus. Durch die Möglichkeit der freien, unbeeinflussten Produktion schuf das Network somit Serien, die durch ihre freien Gestaltungsmöglichkeiten näher an der Realität waren, einfach „echter“ wirkten und denen ein ungemeiner Freiraum für die Entwicklung von Geschichten gegeben wurde, den es im Free-TV nie geben wird. Mit der zweiten eigenproduzierten Serie «The Sopranos», die 1999 startete, begann dann endgültig der Siegeszug von HBO im amerikanischen Fernsehmarkt: Die Drama-Serie im Mafiamilieu hievte die Art der narrativen Darstellung, der schauspielerischen Darbietung und der Story-Entwicklung im Fiction-Bereich auf ein neues, zuvor ungekanntes Niveau. Die bis heute erfolgreichste Kabel-Serie aller Zeiten gewann 21 Emmys bei sagenhaften 111 Nominierungen.

Nach dem Ende der «Sopranos» im Jahr 2007 und einigen qualitativen Serienflops prognostizierten viele, dass die Kundenzahl von HBO sich wieder zurückentwickeln würde. Doch genau das Gegenteil ist eingetreten: Gerade aufgrund der starken Storys und Charaktere in Meisterwerken wie «Sopranos», «Rome», «Deadwood» oder auch «Sex and the City» hatte sich HBO einen nachhaltigen Ruf als Premium-Network verschafft, der auch durch das Ende dieser Serien nicht geschädigt wurde. Die Zuschauer investierten weiterhin in HBO, weil sie Vertrauen in diesen Sender hatten. Vertrauen in Qualität – ein Stichwort, das im Zusammenhang mit der Fernsehwelt nur noch sehr selten fällt. So zählt das Network mittlerweile 40 Millionen Kunden und damit deutlich mehr als noch vor einigen Jahren.

Die treuen und neuen Abonnenten wurden belohnt: 2008 startete mit «True Blood» der nächste große HBO-Hit, der zuletzt alle Zuschauer- und Quotenrekorde brach. Die Vampirserie (für Erwachsene) begann in ihrer ersten Staffel zwar mit nur mäßigen Zuschauerzahlen von unter zwei Millionen, konnte sich aber zum Ende hin steigern, sodass HBO ohne Zweifel eine weitere Runde bestellte. Der Hype um die Drama-Produktion begann schließlich mit der zweiten Staffel: Die Erstausstrahlung der Season-Premiere verfolgten 3,7 Millionen Zuschauer, womit HBO die höchste Reichweite einer Sendung seit dem «Sopranos»-Finale einfahren konnte. Das Finale der zweiten Staffel wurde sogar von 5,1 Millionen Menschen verfolgt und im Schnitt schauten (auch Wiederholungen mitgerechnet) 12,4 Millionen US-Bürger Woche für Woche die Geschichten um Sookie Stackhouse. Damit ist «True Blood» mit Abstand die erfolgreichste HBO-Serie seit den «Sopranos». Und selbst dem Mafia-Boss könnte sie noch mittelfristig den Rang ablaufen: Mit der dritten Staffel, die im Juni startete, wurden noch mehr Zuschauer mit dem «True Blood»-Virus infiziert. 5,1 Millionen sahen die Season-Premiere, damit legte man gegenüber dem Vorjahr um 38 Prozent zu.

Ist die Gier nach spektakulären Vampir-Geschichten gestillt, bietet HBO aktuell weitere hochwertige Formate: In «Treme» wird das chaotische Leben der Bürger von New Orleans nach dem Hurrikan Katrina im Jahr 2005 gezeigt. In höchsten Tönen von den Kritikern wird auch das neue «How to Make It in America» gelobt. Diese Serie dokumentiert das Leben zweier junge und ambitionierte Künstler, die in der New Yorker Modeszene Fuß zu fassen versuchen. Und im Comedy-Bereich genießen die Programme «Entourage» über einen fiktiven A-List-Hollywood-Star und «Curb Your Enthusiasm» über den TV-Autor Larry David, der sich selbst spielt, zu Recht seit Jahren Kultstatus. Außerdem hat HBO vielversprechende Serienprojekte in der Pipeline, die bald über die Bildschirme flimmern werden: Noch 2010 soll beispielsweise «Boardwalk Empire» starten, das in der Glücksspiel-Stadt Atlantic City während der Prohibition spielt. Kreiert wird die Serie von Autor Terence Winter, der auch schon den «Sopranos» als Drehbuchschreiber zum Erfolg verhalf.

Deutsche Zuschauer können übrigens demnächst wieder in den Genuss eines HBO-Formats kommen: «The Pacific» wird ab dem 15. Juli donnerstags um 22.15 Uhr bei kabel eins ausgestrahlt. Produziert wurde das Drama u.a. von Steven Spielberg und Tom Hanks. Nur die Besten eben. Typisch HBO.

Jan Schlüters Branchenkommentar beleuchtet das TV-Business von einer etwas anderen Seite und gibt neue Denkanstöße, um die Fernsehwelt ein wenig klarer zu sehen. Eine neue Ausgabe gibt es jeden Donnerstag nur auf Quotenmeter.de.

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