Serientäter

«Japan sinkt: 2020» - eine Perle mit Schwächen, aber eine Perle

von   |  2 Kommentare

Jenseits der üblichen Vorschlagspfade, die Netflix seinen Abonnenten legt, um sie zu neuen Serien und Filmen zu geleiten, finden sich nicht selten Perlen, die dem großen Publikum verborgen bleiben, obschon sie tolle Geschichten erzählen und ein größeres Publikum verdient hätten. Wie «Japan sinkt: 2020».

Stab

  • Japan 2019/20
  • Regie: Pyeon-Gang Ho, Masaaki Yuasa
  • Drehbuch: Toshio Yoshitaka
  • Musik: Kensuke Ushio
  • Studio: Science Saru
Zunächst einmal ist nicht alles Gold, was hier im Gewand einer Animeserie glänzt. «Japan sinkt: 2020» hat einige Schwächen, auf die im Verlauf dieses Textes noch eingegangen werden soll. Aber die Serie macht sehr vieles sehr richtig und vor allem – sie erzählt eine Geschichte mit Anfang, Mitte und Ende. Es gibt keinen Cliffhanger, nach zehn Episoden ist die Geschichte auserzählt. Was im heutiges Seriendschungel fast schon eine faszinierende Ausnahme darstellt. Sicher könnten in der Welt, die die Serie entwirft, weitere Geschichten erzählt werden. Aber das wären dann neue Geschichten. Mit neuen Hauptfiguren und neuen Konflikten.

Alles beginnt an einem ganz normalen, sonnigen Tag. Mädchen, sie alle sind im Teenageralter, trainieren auf einem Sportplatz. Besonders die 14-jährige Ayumu sticht hervor. Sie ist nicht einfach eine hervorragende Läuferin. Nein, wenn sie weiter so trainiert, versichert ihr ihre Trainerin, müssen die Olympischen Spiele für sie kein Traum bleiben. Ayumu hat Talent. So wie ihre Mutter Mari, die einst als Schwimmerin an internationalen Wettkämpfen teilgenommen hat und sich an diesem Tag auf dem Rückflug nach Japan befindet. Warum sie fort war, das wird sich erst im Laufe der Serie klären. Ayumus zehn Jahre alter Bruder Gō ist weniger sportbegeistert, auch wenn er dies anders sehen würde: Er ist Gamer und Gaming, das ist sein Sport. Er spielt an diesem Tag daheim alleine vor dem Bildschirm, während sein Vater als Bauleiter auf einer Baustelle in einem Stadion auf einem Gerüst arbeitet.

Nichts an diesem Tag deutet darauf hin, dass am Ende nichts mehr so sein wird wie zuvor. Selbst die ersten leichten Rumpler, die die Erde vibrieren lassen, werden zunächst hingenommen. So etwas geschieht in Japan. Und als Japaner besitzt man eine gewisse Routine, mit solchen Vorkommnissen umzugehen.

Doch dann bricht ein wahres Inferno über das Land herein. Das Beben entlädt nicht einfach seine Kraft. Es wirkt fast, als würde es gar nicht mehr enden wollen. Gelingt es Gō unter einem Tisch Schutz zu finden, der immerhin herabstürzenden Deckenteilen standhält, werden vor Ayumus Augen Mädchen aus ihrem Team von Trümmern erschlagen. In ihrer Panik rennt Ayumu nur noch aus dem Stadion heraus, wobei sie sich am Fuß verletzt (was ihr im Verlauf der Handlung immer wieder Probleme bereiten wird). Während ihr Vater relativ Glück hat – das Gerüst, auf dem er arbeitet, bricht zwar zusammen, seine Sicherheitsleine aber ist an einem Stahlträger festgezurrt, der dem Erdbeben problemlos standhält, wird das Flugzeug, in dem ihre Mutter sitzt, von Gesteinsbrocken eines offenbar ausbrechenden Vulkans getroffen und muss inmitten eines Flusses eine Notlandung hinlegen.

Dass alle Familienmitglieder das Beben überleben und sogar recht zügig wieder zusammenfinden – ist es Glück? Schicksal? Die Freude ist dennoch nur von kurzer Dauer. Irgendetwas nämlich stimmt nach diesem Beben nicht. Es ist das Wasser, das viel zu hoch steht. Ayumus Stadt sieht aus – als würde sie versinken.



Durch die Augen Ayumus


Jede Episode ist 25 Minuten lang und die erste Folge ist ein reiner Prolog, der keine Zeit zum Verschnaufen lässt. Detailreich lässt die Regie die Zuschauer an der Katastrophe teilhaben; während die Welt zu versinken scheint, sind es die Details, die im Gedächtnis bleiben. Ayumus Wunde zum Beispiel, deren Schmerz förmlich spürbar wird. Oder da ist das Chaos im notgelandeten Flugzeug – und die fast schon irritierende Ruhe, die Ayumus Mutter in diesem Moment aufbringt und sie ein Kind vor dem Ertrinken retten lässt – womit sie als emotionales Zentrum der Serie etabliert wird, während es Ayumus Augen sind, durch die wir, die Zuschauer, das Versinken der Welt erleben.

Um diesen Blick zu fokussieren, greift die Handlung zu einem (erlaubten) Trick. Sie trennt die Familie von anderen Überlebenden, mit denen sie kurzfristig eine Gemeinschaft bilden, indem sie auf ihrem Weg raus aus der Stadt die Entscheidung treffen, eine andere Abzweigung als der Rest der Gruppe zu nehmen. Zunächst nur von einem jungen Nachbarn und einer Freundin der Familie begleitet, wählen sie den Weg raus aus der Stadt, möglichst weit weg vom Wasser, in höhere Lagen, wissend, dass auf dem Weg der anderen möglicherweise eher Rettung auf sie wartet. Aber: Was passiert, wenn das Gerücht stimmt, dass dies kein „normales“ Beben war – ein schreckliches Erdbeben, sicher, aber eben „nur“ ein Erdbeben -, sondern dass Japan offenbar versinkt? Zumindest gibt es das aus der Luft aufgenommene Video eines estnischen YouTubers, das zeigen soll, wie Okinawa untergeht. Die gesamte Insel – verschwindet im Meer. Kann das sein?

Bemerkenswert ist der Umgang der Serie mit seinen Hauptfiguren. Nur weil eine Figur als Hauptcharakter der Serie eingeführt werden mag, bedeutet dies nicht, dass sie nicht plötzlich durch etwa einen Gasausbruch ums Leben kommen könnte. Plötzlich und unerwartet sind solche Momente. Dramaturgisch wird da nichts angekündigt. Ebenso, wie die Katastrophe plötzlich und unerwartet über die Familie hereingebrochen ist, so schreitet die Handlung fort. Das Beben war erst der Anfang. Zu einem überraschenden Helfer auf ihrem Weg entwickelt sich ein junger Mann, den sie eher zufällig treffen: Kite – jener aus Estland stammende, aber in Japan lebende YouTuber, der den Untergang Okinawas gefilmt hat. Er hat die Katastrophe mit eigenen Augen gesehen. Und so unnahbar und „cool“ er auch anfangs wirken mag, er scheint durchaus nicht unglücklich darüber zu sein, Menschen zu treffen, mit denen er seinen Weg aus der Katastrophe heraus finden kann.

Literarische Herkunft


«Japan sinkt: 2020» basiert - lose - auf dem bereits 1973 erschienenen Roman «Nippon Chimbotsu», dessen deutsche Übersetzung zunächst 1979 in der DDR erschien, bevor 1985 auch eine Veröffentlichung im Westen erfolgte. Im Gegensatz zur Serie wird die Geschichte hier aus der Perspektive von Wissenschaftlern erzählt, die durch den Untergang einer kleinen Insel nach einem Beben den Verdacht hegen, dass dies erst der Anfang einer größeren Katastrophe darstellt, an deren Ende der Untergang ganz Japans stehen könnte. Eine der Romanfiguren tritt übrigens auch im Laufe der Serienhandlung im Anime auf.

Die Dystopie entwickelte sich in Japan zu einem regelrechten Megaseller und wurde bereits kurze Zeit nach seinem Erscheinen erstmals unter seinem Originaltitel verfilmt. Mit jenen Modellbaueffekten, die man allgemein auch aus «Godzilla»-Filmen kennt, hier jedoch weitaus aufwendiger gestaltet. Auch in Deutschland kam der Film unter dem Titel «Panik über Tokio» in die Kinos, leider nur in einer gekürzten Fassung und auch nicht in der für den US-Markt adaptierten Version, für die B-Filmkönig Roger Corman noch einige Szenen mit Lorne Green nachträglich inszenieren ließ. Erhältlich ist diese Kinoversion in Deutschland in einer mehrere Filme umfassenden DVD-Box mit dem Titel «Science Fiction Classic Box - Vol. 3», einer billigen Ramschtischveröffentlichung vollgepackt mit billigem Scifi-Trash oder Filmen, deren Lizenzen kostengünstig zu schießen waren. «Panik in Tokio» gehört zur zweiten Kategorie, leider ist die Präsentation (Bild, Ton) nicht sonderlich ansprechend. Eine kurzlebige japanische TV-Serie, die nach der Entstehung des Spielfilmes entstand, ist nie in Deutschland erschienen.

Ein zweites und drittes Leben erhielt die Story in Japan durch Tokihiko Ishiki 2006 bis 2009 erschienene Manga-Serie «Nippon Chinbotsu», die in enger Kooperation mit dem 2011 verstorbenen Romanautor Sakyou Komatsu entstand – und durch den Spielfilm «Sinking of Japan», einer Big-Budget-Produktion, die die Story aus den frühen 70ern in die Gegenwart katapultierte.

Wissenshorizont und Wissensvorsprung


Wo die Filme und auch der Manga das große Ganze betrachten, den Untergang Japans eben, bricht die Netflix-Serie die Handlung auf das Schicksal einer Familie und ihre (zeitweisen) Begleiter herunter. Ihr Wissenshorizont bewegt sich zumeist auf dem Level der Zuschauer (die ihrerseits keinen Wissensvorsprung besitzen), die Figuren entwickeln, obwohl „nur“ gezeichnet, sehr bald ihre sehr eigenen Persönlichkeiten. Stark sind die Frauenfiguren. So übernimmt Mari bald die Führung der Gruppe. Ein nicht immer leichtes Unterfangen, denn Mari stammt gebürtig von den Philippinen und muss inmitten der Katastrophe Rassismus erfahren. Wo Solidarität gefragt wäre, treten selbst in Momenten der größten Not Ressentiments ungehindert zutage.

Dass ein nicht unerheblicher Teil der Geschichte eher der Dramaturgie eines Roadmovies folgt und die Katastrophe jenseits der Pfade, auf denen sich die Familie und ihre Begleiter befinden, stattfinden lässt, ist dramaturgisch durchaus geschickt, denn schlägt die Katastrophe dann sichtbar und mittelbar zu – ist ihre Wucht umso gewaltiger.

Allein, und hier ist Kritik zu üben, verliert sich dieser Road-Trip im Mittelteil der Serie ein wenig in einem kleinen Esoterik-Trip. Mit Hilfe eines Europäers namens Daniel, der seit langer Zeit in Japan lebt und dem sie eine Fahrmöglichkeit bieten, geraten sie in die Gemeinschaft einer Sekte, die ihre Mitglieder weder dazu zwingt zu arbeiten noch ihren Glauben annehmen zu müssen, sondern auf vollkommene Freiwilligkeit setzt. Einerseits werden hier Klischees gebrochen. Erwartet man, dass die Mitglieder der Sekte ein dunkles Geheimnis bewahren, zeigt «Japan sinkt: 2020» hier tatsächlich eine Gemeinschaft, die das, was sie sagt, auch lebt. Zumindest auf Ebene der einfachen Mitglieder. Das wäre an sich eine schöne Geschichte, denn da gibt es etwa die Figur eines Kochs, die mit Humor und Aufopferung für viele positive Attribute des Menschseins steht und eine Personifizierung von Hoffnung in schweren Tagen verkörpert. Aber da ist dann natürlich die Anführerin, die mit einem offenbar übersinnlich begabten Kind an ihrer Seite irgendwelche anderen Ziele verfolgt... Welche, das wird ebenso wenig wirklich klar wie die nicht zu erklärende Begabung des Kindes. Dieser Nebenstrang der Hauptstory wirkt wie ein schmerzender Fremdkörper in der Geschichte und bringt die Dramaturgie gewaltig ins Stolpern. Glücklicherweise besteht die Serie aus immer wieder in sich abgeschlossenen Episoden, so dass diese Geschichte irgendwann vorbei ist und die Serie als solche zu ihren Stärken zurückfindet.

Schließlich führt «Japan sinkt: 2020» das Schicksal Japans und das Schicksal der Familie zusammen hin zu einem bemerkenswerten Epilog, der einen runden Abschluss der Geschichte liefert.

Wo finde ich die Serie? «Japan sinkt: 2020» ist verfügbar bei Netflix.

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Es gibt 2 Kommentare zum Artikel
Torsten.Schaub
15.08.2020 13:27 Uhr 1
Ich kann nur jedem Raten sich doch lieber die Real-Verfilmung von 2006 "Sinking of Japan" anzuschauen. Ich will zwar nicht sagen, dass Animationsfilme Schlecht sind, doch bei solch einen Katastrophenfilm kommt in der Real-Verfilmung das bessere Feeling rüber.
Neo
16.08.2020 13:16 Uhr 2

Ich finde beides nicht wirklich vergleichbar, würde aber auch eher zur Realverfilmung raten, wenn auch aus anderen Gründen.



Habe mich sehr lange auf die Serie gefreut und kann mich der guten Kritik leider gar nicht anschließen. Was man vorab zu hören bekam (Fokus auf den Figuren und deren Schicksal, alles in die heutige Zeit übertragen usw.), fand ich spannend, aber das war alles schon sehr oberflächlich und auch einfach zu viel Stoff. Mir persönlich war es auch komplett egal, wer da nun wie und wann stirbt, zumal es danach eh weiterging, als ob nichts gewesen wäre.

Auch sehe ich da keine starken Frauenfiguren, denn es sind doch auch wieder ganz klassisch die Männer, die sich selbstlos opfern, während die Frauen jeweils die (ebenfalls klassisch) Mutterrolle übernehmen. Schade um alles.

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